23. Juli 2020, 15:19
Teilen bei: Ihren XING-Kontakten zeigen | Ihren XING-Kontakten zeigen

Dividendentitel: Keine Witwen- und Waisenpapiere

Der Lockdown und seine wirtschaftlichen Folgen hat auch Dividendeninvestments ins Mark getroffen. Nach Schätzungen der DZ Bank wurden die Ausschüttungen allein in Europa um bis zu 40 Prozent gekürzt. Dennoch sind sie durchaus ein gutes Langzeitinvestment. Für wen sich Dividendenaktien und -Fonds lohnen und was Anleger dabei  beachten müssen. 

Rolf-Tilmes in Dividendentitel: Keine Witwen- und Waisenpapiere

Rolf Tilmes, Vorstandsvorsitzender des Financial Planning Standards Board Deutschland.

Die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns, der im Zuge der rasanten Ausbreitung von Covid-19 von den Regierungen beschlossen worden war, traf Dividendenjäger ins Mark. Um 40 Prozent, so Schätzungen der DZ Bank, dürften die Ausschüttungen in Europa gekürzt werden.

Rund ein Viertel der Unternehmen auf dem alten Kontinent haben ihre für 2019 vorgesehene Dividende bereits gestrichen. Viele Anleger werden sich deshalb die Frage stellen, ob ein Investment in Dividendenaktien ein Fehler war.

„Zwar zeigt die aktuelle Entwicklung deutlich, dass die Dividende eben nicht der neue Zins ist, wie es in der Vergangenheit von den Marketing-Abteilungen der Banken oft propagiert wurde“, sagt Professor Dr. Rolf Tilmes, Vorstandsvorsitzender des Financial Planning Standards Board Deutschland e.V. (FPSB Deutschland).

„Dennoch ist eine Dividendenstrategie unabhängig vom Einstiegszeitpunkt sinnvoll. Es kommt nur darauf an, diese als langfristig ausgerichtete Geldanlage zu betrachten und nicht als kurzfristige Spekulation.“ Entscheidend ist bei einer Dividendenstrategie somit auch nicht die aktuelle Marktentwicklung, sondern die individuelle Situation des Anlegers. Denn man sollte nur in Dividendenaktien investieren, wenn es dem eigenen Anlageziel und der persönlichen Risikotragfähigkeit entspricht.

In den vergangenen Jahren erfreuten sich Dividendenfonds und -ETFs wachsender Beliebtheit. Allein die Dax-Konzerne boten im Schnitt Dividendenrenditen von drei Prozent und mehr. Deutlich mehr also, als es das Sparbuch oder zehnjährige Bundesanleihen abwerfen.

Dazu kommt, dass Ausschüttungen für die Wertentwicklung von Aktien eine große Bedeutung haben, wie Allianz Global Investors in einer Studie feststellte. In der Vergangenheit trugen diese etwa 38 Prozent zur annualisierten Gesamtrendite des MSCI Europa bei. Einen stabilisierenden Effekt bescheinigt Dividenden auch die DZ Bank. Während die Aktienkurse und Unternehmensgewinne in vergangenen Rezessionen um bis 60 bis 70 Prozent gefallen sind, gab es bei den Ausschüttungen gemessen am Dax mit minus 31 Prozent während der Finanzkrise 2008/09 den schlimmsten Einbruch.

Doch in der Corona-Krise haben sich Dividendenanlagen offenbar nicht bewährt. Selbst so genannten Dividendenaristokraten, jene Unternehmen also, die über viele Jahre hinweg eine steigende, zumindest aber eine gleichbleibende Ausschüttung vorgenommen haben, kamen deutlich unter die Räder.

Der Index S&P Global Dividend Aristocrats hat allein im März fast ein Viertel seines Wertes eingebüßt. Weltweit erwarten die Experten von Janus Henderson im schlimmsten Fall einen Rückgang bei den Dividendenzahlungen um 35 Prozent.

Anleger sollten sich aber bewusst machen, dass wir es hier mit einer außergewöhnlichen, aber auch vorübergehenden Situation zu tun haben“, erklärt Prof. Tilmes. „Das heißt, dass davon auszugehen ist, dass sich die Konjunktur wieder erholen wird und jene Unternehmen, die solide und nachhaltig wirtschaften und eine hohe Qualität aufweisen, dann auch wieder Gewinne erzielen und Ausschüttungen vornehmen.“ Deshalb rät er auch von panischen Reaktionen ab.

„Wer eine Dividendenstrategie verfolgt, sei es über Einzeltitel, über einen aktiv gemanagten Fonds oder einen Exchange Traded Fund, der sollte sich der damit verbundenen Risiken bewusst sein. Und wenn er dort investiert, dann sollte er dies langfristig tun und nicht spekulieren.“ Schließlich sind Dividenden vom Gewinn eines Unternehmens abhängig und können damit kurzfristig starken Schwankungen unterworfen sein.

Vor allem aber muss ein solches Investment zum jeweiligen Anleger passen. „Ich denke, die aktuelle Entwicklung hat deutlich gemacht, dass Dividendentitel, so reizvoll sie in den vergangenen Jahren waren, keine Witwen- und Waisenpapiere sind“, macht Tilmes klar. Er rät deshalb jedem Anleger, im ersten Schritt genau zu prüfen, ob eine solche Strategie tatsächlich zur individuellen Situation passt. Basis dafür sind die Anlageziele und der Anlagehorizont eines Anlegers, dessen Risikotragfähigkeit sowie dessen Vermögenssituation. 

„Erst wenn sich auf Grundlage dieser Analyse zeigt, dass eine Dividendenstrategie ins Portfolio passt, geht es an die Auswahl geeigneter Produkte“, erklärt der Finanzexperte weiter. Und hier gelte es, die einzelnen Strategien gründlich zu durchleuchten. So gibt es Ansätze, bei denen sich die Aktienauswahl ausschließlich an der Höhe der Dividendenrendite orientiert. Dann aber kann die Ausschüttung zulasten der Substanz eines Unternehmens gehen. Gerade das zeigt sich in Krisen- und Rezessionszeiten, da solche Firmen dadurch schnell existenzielle Probleme bekommen können.

Um solche Fehler bei einer Dividendenstrategie zu vermeiden und um sicher zu stellen, dass diese auch tatsächlich in eine langfristige Anlagestrategie und Finanzplanung passt, sollten sich Anleger im Zweifel professionelle Unterstützung holen, rät der Experte. „Auf diese Weise stellen Anleger sicher, dass eine Dividendenstrategie auch wirklich zu ihnen passt und dass sie damit langfristig erfolgreich investieren – unabhängig von kurzfristigen Schwankungen“, so Tilmes‘ Fazit.

Ihre Meinung



 

Versicherungen

Erster im Markt: Gothaer bündelt bAV- und bKV-Verwaltung in einem Portal

Um den Verwaltungsaufwand für die betriebliche Vorsorge und Absicherung für Arbeitgeber deutlich zu vereinfachen, bündelt die Gothaer als erster Versicherer die bAV und bKV-Verwaltung für Arbeitgeber in einem gemeinsamen Portal.

mehr ...

Immobilien

Miete oft höher als 30 Prozent des Einkommens

Zwei Drittel der Wohnungssuchenden bereit, mehr für Miete zu zahlen als empfohlen Eine Faustregel lautet: Die Kaltmiete einer Wohnung sollte nicht höher als 30 Prozent des Nettoeinkommens des Mieters sein.

mehr ...

Investmentfonds

Entscheidung über Wirecard-Verkauf im November?

Der Insolvenzverwalter des Skandalkonzerns Wirecard erwartet für November die Entscheidung über den Verkauf des Kerngeschäfts bei dem insolventen Bezahldienstleister. Das schreibt der Anwalt Michael Jaffé in einem Brief an die Mitarbeiter, über den die “Süddeutsche Zeitung” berichtete.

mehr ...

Berater

Konsolidierung mit Kapital und Köpfen

Suchten Makler in der Vergangenheit Anschluss an einen Pool oder wollten zu einem anderen wechseln, lenkten sie den Blick meist auf die Provisionstabellen. Wettbewerb lief vor allem über die Vergütung und Produktpalette. Diese Zeiten sind vorbei. Natürlich spielen beide Kriterien noch eine Rolle, aber die entscheidende Frage lautet: Wie bewältigt der Pool des Vertrauens die Herausforderungen, die wegen der enorm schnellen und einschneidenden technischen Entwicklung entstehen?

mehr ...

Sachwertanlagen

BaFin nimmt Deutsche Edelfisch DEG II ins Visier

Die Finanzaufsicht BaFin hat den hinreichend begründeten Verdacht, dass die Deutsche Edelfisch DEG GmbH & Co. II KG in Deutschland Wertpapiere in Form von Schuldverschreibungen ohne das erforderliche Wertpapier-Informationsblatt öffentlich anbietet. Im Markt der Vermögensanlagen ist das Unternehmen nicht unbekannt.

mehr ...

Recht

Haftpflichtkasse muss Gasthaus für Corona-Schließung entschädigen

In der Klagewelle um die Kosten für Gaststätten, die wegen der Corona-Pandemie schließen mussten, hat ein weiterer Wirt gegen seine Versicherung gewonnen.

mehr ...