4. August 2020, 13:40
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Einzelhandel: Corona beschleunigt Online-Revolution

Die Coronakrise hat viele Branchen hart getroffen, auch den Einzelhandel. Gerade in diesem Sektor hat die Pandemie zudem bestehende Trends verstärkt – weg vom stationären Einkauf hin zum Online-Handel. Elias Halbig, Portfoliomanager bei Union Investment, nimmt die Folgen unter die Lupe.

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E-Commerce hat gute Wachstumschancen.

Corona hat die Weltwirtschaft hart getroffen. Vor allem das Herunterfahren des Wirtschaftslebens, der Lockdown, war ein schwerer Schlag für Konjunktur und Kapitalmärkte. Besonders gravierend waren die Folgen für Branchen wie den Einzelhandel, die bislang auf räumliche Nähe zwischen Angebot und Nachfrage setzten.

Erholung nach Lockerung

Immerhin: Die Branche beginnt, sich von den Folgen des Lockdowns zu erholen. Schon im Mai 2020, dem letzten verfügbaren Datenpunkt, konnte das Absatzvolumen in der Eurozone einen Anstieg um 17,8 Prozent gegenüber April verbuchen. Damit wurden zwei Drittel des Einbruchs zwischen Februar und Mai wieder wettgemacht.

Für Deutschland gibt es bereits neuere Daten. Demnach lag der Einzelhandelsumsatz zwischen Flensburg und Füssen im Juni 2020 real um 5,9 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Besonders kräftig kletterte das Absatzvolumen bei Nicht-Lebensmitteln. Hier war ein Zuwachs von 8,4 Prozent zu verzeichnen. Allerdings hat sich der Absatz von Bekleidung noch nicht wieder erholt und liegt mit einem realen Minus von 16 Prozent deutlich niedriger als im Vorjahr. Maske und Mode – das scheint für die Deutschen beim Einkaufen noch nicht zusammenzupassen.

Durchbruch im Online-Handel

Daneben unterstreichen die Daten auch eine strukturelle Entwicklung, nämlich den Trend weg von stationären Verkaufsstätten hin zum Versand- und Interneteinzelhandel. Während der gesamten Phase des europäischen Lockdowns waren die Umsatzveränderungen im Online-Handel zu keinem Zeitpunkt negativ. Zudem wuchs der Absatz auch im Mai um 7,0 Prozent. Die Öffnung von Innenstädten und Einkaufszentren führte also nicht zu Mindereinnahmen bei den Online-Häusern. Die Juni-Daten für Deutschland belegen diese Entwicklung eindrucksvoll: Im Juni lag der Online-Handel sage und schreibe 30,7 Prozent über dem Niveau des Vorjahres.

Das Corona-Virus hat somit beim Einkaufsverhalten einen bestehenden Trend verstärkt und dem Online-Handel zum endgültigen Durchbruch verholfen. Viele Einkäufe finden zwar weiter stationär statt, aber die Bedeutung des Online-Geschäfts nimmt kontinuierlich zu. Das hat auch Auswirkungen auf die Investmentseite.

Online-Handel treibt Quartalsergebnisse

Besonders deutlich zeigt dies der weltweit größte Online-Einzelhändler Amazon. Der Internetriese hat erhebliche Kurszuwächse verzeichnen können und mittlerweile die Marke von 1,5 Billionen US-Dollar an Marktkapitalisierung durchbrochen. Seit Jahresanfang hat die Aktie einen Anstieg von 65 Prozent erzielt. Operativ nicht ungerechtfertigt, wie die Ergebnisse für das zweite Quartal zeigten: Das Unternehmen konnte seine Umsätze um 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigern und fuhr trotz Sonderausgaben von vier Milliarden US-Dollar deutlich mehr Gewinn ein als vom Markt erwartet.

Auch die Platzhirsche im stationären Handel setzen zunehmend auf den Online-Kanal und wollen das Erfolgsrezept von Amazon kopieren. Jüngstes Beispiel ist Walmart. Der US-Marktführer im stationären Handel und Nummer zwei im Online-Bereich verkündete im Juli seine Pläne für einen Premium-Versandservice, vergleichbar mit „Amazon Prime“. Unter dem Label „Walmart +“ sollen US-Kunden bei Online-Orders künftig Zustellungen am gleichen Tag sowie umfangreiche Rabatte erhalten. Das schafft treue Einkäufer.

Profiteure auch in Deutschland

Und auch in Deutschland gibt es Nutznießer des Online-Trends. Zalando ist eines der prominentesten Beispiele. Der Versandhändler für Schuhe, Mode und Kosmetik konnte allein im April 40 Prozent mehr Kunden gewinnen als noch im Vorjahreszeitraum. Sport- und Beauty-Absätze haben sich während des Lockdowns dabei mehr als verdreifacht. Zudem verdoppelten sich die Volumina in Zalandos Partner-Programm, einem für die Marge enorm wichtigen Geschäftsbereich.

Aber nicht nur im Textilbereich, auch bei anderen Produktgruppen wächst der Appetit auf das Bestellgeschäft. Gerade der Lebensmittelhandel bietet mit seiner Größe und seiner bis zur Corona-Pandemie relativ geringen Online-Präsenz Raum für Wachstum. Allein in den USA wurde dieser Markt 2019 auf ein Volumen von knapp einer Billion US-Dollar geschätzt, obwohl der Internetanteil nur im niedrigen einstelligen Prozentbereich lag. Profiteur hiervon ist zum Beispiel Delivery Hero, ein Betreiber von weltweiten Online-Bestellplattformen mit Sitz in Berlin. Das Unternehmen konnte nach eigenen Angaben seine Bestellzahlen im zweiten Quartal 2020 gegenüber dem Vorjahr annähernd verdoppeln, und auch ein Aufstieg in den DAX ist in greifbarer Nähe.

Ein anderes, in Deutschland ansässiges und weltweit erfolgreiches Unternehmen ist HelloFresh. Nachdem man erst 2019 den Sprung in die schwarzen Zahlen geschafft hat, sieht man sich nun mit stark wachsenden Neukundenzahlen und den daraus entstehenden Herausforderungen konfrontiert. Ein Anstieg der Lebensmittelumsätze Amazons um 160 Prozent im zweiten Quartal gibt die Richtung vor.

Umsatzwachstum allein sorgt nicht für Kurssteigerungen

Die Beispiele zeigen, dass im Online-Handel viel Potenzial steckt. Anleger sollten sich trotzdem nicht blind auf jede Wachstumsstory stürzen. Denn gerade eine starke Expansion will erfolgreich gemanagt sein. Am Ende entscheiden Gewinne über das Potenzial einer Aktie, es kommt also auf eine hohe Profitabilität an. Dazu bietet die Online-Revolution beste Voraussetzungen – aber eine Garantie für immerzu steigende Kurse ist sie nicht.

Foto: Shutterstock

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