5. Mai 2020, 17:22
Teilen bei: Ihren XING-Kontakten zeigen | Ihren XING-Kontakten zeigen

EZB: Kredite, wo Kredite nötig sind

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat wichtige Schritte unternommen, um die Marktordnung zu gewährleisten. Während die Anleger nach Möglichkeiten suchen, auf der Risikoleiter nach oben zu klettern, sehen wir Chancen im Bereich der Euro-Unternehmensanleihen, die zum Teil auf die Unterstützung durch die EZB zurückzuführen sind.

Bildschirmfoto-2020-05-05-um-17 20 58 in EZB: Kredite, wo Kredite nötig sind

Stefan Kuhn, SPDR ETF

Der Rückstoß in die Liquidität und das kurze Ende der Staatsanleihen-Kurve waren ein vernünftiger Schritt zur Kapitalerhaltung, als die Märkte im März instabil wurden. Die anschließenden Maßnahmen der Zentralbank haben jedoch sowohl die Märkte stabilisiert als auch die Renditen von Staatsanleihen und insbesondere von Bargeld auf ein extrem niedriges Niveau getrieben. Dies ist in Europa am offensichtlichsten und führt zu einer negativen Performance für Portfolios, die stark auf Bargeld/Geldmarkt/kurze Staatsanleihen ausgerichtet sind. Wenn die Märkte stabil bleiben, wird es immer schwieriger werden, diese Vermögensallokation zu rechtfertigen.

Die Wirtschaftsdaten, die sich abzeichneten, waren unbestreitbar schwach. Doch die Tatsache, dass die meisten europäischen Länder den Höhepunkt des COVID-19 Ausbruchs überschritten haben sollten, hat die Risikoanlagen unterstützt. Solange die Anleger zuversichtlich bleiben, dass die Zentralbanken den Markt wieder auffangen werden, scheint das Risiko eines panikartigen Ausverkaufs auf das Niveau von März begrenzt. Die jüngste Pressekonferenz der EZB war aus dieser Perspektive konstruktiv. Kommentare von EZB-Präsidentin Lagarde, dass die Bank bereit sei, alle Instrumente nach Bedarf anzupassen, was auch die Verlängerung des Pandemie-Notkaufprogramms (PEPP) einschließt, sollten das Vertrauen stärken, dass die EZB hinter dem Markt steht.

Ein Schritt in Richtung europäische Investment Grade (IG) Unternehmensanleihen ist eine Stufe auf der Risikoleiter nach oben, aber eine, die einen bedeutenden Anstieg der Renditen mit sich bringt (siehe Espresso von letzter Woche). Die Risiken werden durch EZB-Käufe begrenzt, die sich im März auf fast 7 Milliarden Euro beliefen, dem höchsten Stand seit November 2017. Da das PEPP (Pandemic emergency purchase programme) der EZB seine Käufe erst am 26. März 2020 begann, dürften die Volumina im April und in den Folgemonaten höher ausfallen. Wie aus der nachstehenden Grafik ersichtlich ist, haben sich die Kreditspreads (der Euro iTraxx-Index) im Laufe des Jahres 2017, dem Zeitraum, in dem die monatlichen Käufe mehr als 6,5 Milliarden Euro betrugen, verengt.

Bildschirmfoto-2020-05-05-um-17 16 53 in EZB: Kredite, wo Kredite nötig sind

Der Ankauf von Unternehmensanleihen durch die EZB verringert die Risiken eines ungeordneten Marktes, aber da ein Großteil der Unterstützung für Unternehmen in Form von Krediten kommt, wird die Verschuldung wahrscheinlich steigen. Aus der Sicht eines Indexfonds besteht die Sorge, Anleihen notgedrungen verkaufen zu müssen, da diese  unter Investmentgrade herabgestuft werden. Die EZB hat Schritte unternommen, um die Auswirkungen von Herabstufungen unter Investmentgrade durch die folgenden Maßnahmen zu verringern:

  • Kein verpflichtender Verkauf von Non-Investment-Grade-Anleihen aus ihrem eigenen Kaufportfolio. Es liegt im Ermessen der EZB, diese Anleihen bis zur Fälligkeit zu halten, so dass es weniger eilig sein wird, heruntergestufte Papiere zu verkaufen.
  • Akzeptieren von kürzlich herabgestufte Anleihen als Sicherheiten für ihre Kreditgeschäfte des Eurosystems. Die EZB hat erklärt, dass sie Aktiva mit einem Rating von mindestens BB akzeptieren wird, sofern diese am 7. April mindestens BBB- geratet waren. Dies wird bis September 2021 der Fall sein.

Diese Maßnahmen sind zwar hilfreich, um die Auswirkungen auf den Markt zu glätten, verhindern jedoch keine Herabstufungen. Im Jahr 2020 hat Moody’s bisher nur 7 westeuropäische Unternehmen auf Junk-Bonds herabgestuft, also nicht viel anders als in den letzten 4 Jahren. S&P war mit 11 Herabstufungen, der höchsten Gesamtzahl in der ersten Hälfte seit 2013, jedoch deutlich aktiver.

Aus einer Indexperspektive sehen die Risiken für die nahe Zukunft überschaubar aus. Im Bloomberg Barclays Euro Corporate Bond Index beträgt die Zahl der Anleihen mit Baa3-Rating (dem niedrigsten IG-Rating) 218 von insgesamt 2034. Noch wichtiger ist, dass von dieser Gesamtzahl nur 46, d.h. 2,3% des Index, ein negatives Rating haben. Für den Bloomberg Barclays 0-3 Year Euro Corporate Bond Index ist der Anteil mit 2,1% sogar noch niedriger.

Die Entscheidung von S&P, Italien nicht herabzustufen, war ein implizites Eingeständnis, dass man auf mehr Klarheit an der Wirtschaftsfront warten werde. Ähnliche Äußerungen von Moody’s könnten auch den Unternehmen eine Atempause verschaffen. Dieser Schritt, zusammen mit den derzeit begrenzten Engagements der Indizes in den risikoreichsten Anleihen, sollte sicherstellen, dass es nicht zu einer unmittelbar bevorstehenden Flut von Herabstufungen kommt.

Autor Stefan Kuhn ist Managing Director und Head of SPDR ETF Deutschland.

Foto: SPDR ETF

Ihre Meinung



 

Versicherungen

Telefonica und Allianz starten Glasfaserprojekt in Deutschland

Der spanische Telekomkonzern Telefonica hat sich beim Glasfasernetz-Ausbau die Allianz als Partner an Bord geholt. Beide Konzerne sollen jeweils zur Hälfte am Gemeinschaftsprojekt beteiligt sein, teilten sie am Donnerstag in Madrid und München mit.

mehr ...

Immobilien

Seehofer will erschwerte Umwandlung von Mietwohnungen

Bundesbauminister Horst Seehofer (CSU) plant nun doch höhere Hürden für die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen. Das sieht ein neuer Entwurf für das Baulandmobilisierungsgesetz vor, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Er soll voraussichtlich am kommenden Mittwoch vom Kabinett verabschiedet werden.

mehr ...

Investmentfonds

Ex-Wirecard-Manager wohl V-Mann von Geheimdienst in Österreich

Der frühere Wirecard-Manager Jan Marsalek war möglicherweise V-Mann des österreichischen Nachrichtendienstes. Einen V-Mann in einem Dax-Unternehmen zu platzieren, wäre ein Affront und könnte die deutsch-österreichischen Beziehungen belasten.

mehr ...

Berater

DKM 2020: digital.persönlich.erfolgreich

Der Umzug der DKM 2020 von der Messe Dortmund in die digitale Welt war ein voller Erfolg. Mit über 19.700* Messeteilnehmern verteilt auf 4 Messetage, 157 Ausstellern und mehr als 200 Programmpunkten bei Kongressen, Workshops, Roundtables und Speaker’s Corner hat die 24. Auflage der Leitmesse auch in der digitalen Version die Finanz- und Versicherungsbranche überzeugt.

mehr ...

Sachwertanlagen

Deutsche Finance mit 650-Millionen-Dollar-Closing in San Francisco

Der Asset Manager Deutsche Finance und SHVO Capital haben gemeinsam für ein institutionelles Joint Venture um die Bayerische Versorgungskammer den Gebäudekomplex „Transamerica Pyramid“ in San Francisco erworben.

mehr ...

Recht

Kauf bricht nicht Miete: Tipps für den Verkauf einer vermieteten Wohnung

Erst Vermieten, dann Verkaufen: Eine vermietete Wohnung zu verkaufen stellt Eigentümer vor besondere Herausforderungen. Denn das bestehende Mietverhältnis wirkt sich nicht nur auf den Verkaufspreis aus, auch die Käuferzielgruppe ist eine andere als bei einem unvermieteten Objekt. Welche Besonderheiten Eigentümer beim Verkauf einer vermieteten Wohnung beachten müssen, fassen die Experten des Full-Service Immobiliendienstleisters McMakler zusammen.

mehr ...