22. April 2020, 13:43
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Gewinner und Verlierer: So geht es am Ölmarkt weiter

Die beschlossenen Ölförderkürzungen der OPEC+-Länder klingen beeindruckend – sind es aber nur bedingt. Wie der Deal einzuordnen ist, was die Einigung für die Ölpreisentwicklung und mögliche Investments bedeutet, erläutert Thomas Benedix, Rohstoffexperte bei Union Investment.

Benedix-002-Kopie in Gewinner und Verlierer: So geht es am Ölmarkt weiter

Thomas Benedix, Union Investment

In den vergangenen Wochen ging es turbulent zu an den Kapitalmärkten – am Ölmarkt waren die Entwicklungen noch dramatischer.

Anfang März schien es, als ob Russland und Saudi-Arabien in einen langwährenden Preiskrieg einsteigen wollten. Dann beschlossen zahlreiche Regierungen massive Eindämmungsmaßnahmen, um die unkontrollierte Ausbreitung des Corona-Virus zu verhindern. Dieser „Lockdown“ legt die Wirtschaftsaktivitäten lahm und ließ die bereits zuvor nachlassende Nachfrage nach Rohöl einbrechen.

Das brachte die Mitglieder der erdölexportierenden Länder sowie weitere Erdölnationen wie Russland (OPEC+) Mitte April wieder an den Verhandlungstisch. Im Rahmen eines G20-Gipfels beschlossen die OPEC+-Länder Produktionskürzungen von 9,7 Millionen Barrel Öl pro Tag. Diese sollen ab Mai mit Abstufungen bis ins Jahr 2022 gelten und entsprechen etwa zehn Prozent des weltweiten Ölverbrauchs vor der Corona-Pandemie. Das klingt beeindruckend – ist es aber nur bedingt.

Deutlich niedrigerer Ölpreis im nächsten Jahr

Da der aktuelle Nachfrageausfall aufgrund der Corona-Pandemie bis zu 35 Millionen Fässer pro Tag beträgt, reichen die Kürzungen in Höhe von 9,7 Millionen Fässer längst nicht aus, um das Überangebot an Öl zu kompensieren. Es kommt also zu einem massiven Marktüberschuss mit einem enormem Aufbau der Lagerbestände. Und je länger der „Lockdown“ in vielen Ländern anhält, desto voller werden die Lager. Die Ölpreise dürften daher erst einmal unter Druck bleiben. Kurzfristig dürfte der Preis für Rohöl der Sorte Brent noch auf etwa 20 US-Dollar fallen. In den USA sorgten die übervollen Lagerbestände sogar kurzfristig für negative Preise im nächstfälligen Terminkontrakt für WTI-Rohöl.

Lösung des „Ölproblems“

Für einen Anstieg des Ölpreises sind drei Faktoren ausschlaggebend, die zum Teil von den Produzenten gesteuert werden können: Man kürzt weiter die Produktion, die Nachfrage kommt zurück oder man schafft neue Lagerkapazitäten.

Bis Juni oder Juli dürften die Lagerbestände maximal ausgereizt sein. Da die Schaffung neuer Lagerkapazitäten so kurzfristig sehr schwer umzusetzen ist, müssen die Ölförderer die Produktion noch weiter kürzen. Sonst würde der Ölpreis weiter fallen. Wir gehen daher davon aus, dass die OPEC+-Länder schon bald erneut Verhandlungen über weitere Kürzungen aufnehmen werden. Und der aktuelle Preisverfall hat bereits historische Dimensionen: Seit Aufzeichnung der Preisentwicklung ab 1930 gab es einen solchen Absturz nicht.

Der Preis könnte auch durch eine steigende Nachfrage nach oben gehen. Unter der Voraussetzung, dass die „Lockdown“-Maßnahmen der Regierungen bis Ende Mai in vielen Ländern gelockert werden, gehen wir davon aus, dass die Nachfrage dann wieder anziehen dürfte. Ab dem dritten Quartal könnte der Ölpreis wieder steigen, bis Mitte 2021 bis auf 45 US-Dollar pro Fass.

Ein höheres Niveau ist unwahrscheinlich, da durch die Produktionskürzungen vor allem die günstig produzierenden Förderer wie Russland oder Saudi-Arabien enorme Reservekapazitäten aufbauen werden. Sie dürften die steigende Nachfrage nutzen, um ihr günstiges Öl möglichst schnell auf den Markt zu bringen. Damit der Ölpreis über 45 US-Dollar steigt, müssten also zunächst die hohen Lagerbestände auf Normalmaß zurückgehen. Falls dann die Nachfrage weiter anzieht, dürfte der Preis weiter steigen und teurer produzierende Ölförderunternehmen, die derzeit aus dem Markt gedrängt werden, könnten wieder an den Markt zurückkehren.

Gewinner und Verlierer des Ölpreisverfalls

Unter dem Preissturz leidet vor allem der US-Schieferölsektor. Dessen Produktionskosten fallen mit rund 45 bis 70 US-Dollar je Barrel weltweit am höchsten aus. Zum Vergleich: Saudi-Arabien und Russland haben variable Förderkosten von nur etwa drei Dollar je Fass. Die Konsequenz für die Fracking-Unternehmen in den USA: Viele Ölfelder können nicht mehr profitabel betrieben werden, bereits jetzt haben zahlreiche US-Produzenten die Suche nach weiteren Ölbeständen eingestellt. Auf die US-Energieunternehmen wird ein massiver Refinanzierungsdruck zukommen, Unternehmenspleiten könnten zunehmen.

Da die Erdölindustrie über die vergangenen Jahre einen immer größeren Teil der US-Wirtschaft ausmachte, dürfte die US-Konjunktur unter dieser Entwicklung leiden. Auch andere OPEC-Länder wie Venezuela, Nigeria oder der Iran werden aufgrund ihrer Abhängigkeit von Exporteinnahmen weiter unter Druck geraten.

Andere hingegen profitieren von den niedrigen Rohölkosten – China etwa importiert zehn Millionen Barrel Öl pro Tag. Betreiber von Öllagerstätten wie Öltankerunternehmen sind derzeit ebenfalls auf der Gewinnerseite. Mit Blick auf diese Profiteure bietet der historische Preisverfall also durchaus auch Anlagechancen. Von einem Investment in Rohöl ist derzeit aber abzuraten, da die Preise noch weiter unter Druck kommen könnten. Mittelfristig bietet der Ölmarkt aber durchaus Chancen.

Thomas Benedix ist Rohstoffexperte bei Union Investment.

Foto: Union Investment

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