29. Juli 2020, 12:02
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Halver: „Gold und Silber lieb’ ich sehr, kann’s auch sehr gebrauchen…“

Angesichts der Instabilität der (Finanz-)Welt ist dieses alte deutsche Volkslied zum Hit an den Rohstoffmärkten geworden. Ist die Hausse von Gold und Silber der Anfang eines neuen zyklischen Aufwärtstrends? Oder muss man sich wie schon so oft auf lange Zeit fallende bzw. Seitwärts-Kurse einstellen? Die Halver-Kolumne

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Robert Halver, Baader Bank

 

Die Finanzstabilität ist gegangen und wird nicht mehr zurückkehren

Um die Konjunktur fiskalpolitisch kaltzustarten, brechen 2020 weltweit alle Schulden-Dämme. Im Präsidentschaftswahljahr wird das amerikanische Haushaltsdefizit mindestens 15 Prozent betragen. Das ist selbst für die USA Hollywood-reif. Und in Europa wird die Stabilitäts- immer mehr in eine „alternativlose“ Schuldenunion umgebaut. Ende des Jahres wird die Weltverschuldung ca. 280 Billionen US-Dollar betragen. 

Grafik 1: Goldpreis je Unze, US-Dollar und Euro

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Notenbanken als Sadisten für Zinssparer

Gemäß dem Motto „Freibier für alle und für immer“ muss die internationale Geldpolitik die Kreditzinsen weiter Richtung null manipulieren und Anleihen massenhaft aufkaufen. Ansonsten wäre der Schuldendienst nicht mehr zu stemmen und der finale Finanz-Super-GAU nicht mehr aufzuhalten.

Dort wo es keine hohen Schuldzinsen gibt, kann es auch keine attraktiven Anlagezinsen geben. Dass Zinssparer immer häufiger Halteprämien zahlen, statt Renditen zu erhalten, hat das frühere Killerargument gegen Gold, es zahle keine Zinsen, gekillt. Spätestens nach Inflation ist Zinssparen Vermögenskastration. Niemand soll hoffen, dass die Notenbanken bei wieder stärker ansteigender Inflation Zinssteigerungen durchführen. Mit Krokodilstränen in den Augen werden sie dankbar für Preissteigerungen sein. Wenn sie oberhalb der Schuldzinsen liegen, fressen sie Staatsschulden auf wie Heuschrecken die Feldfrüchte. Mit negativen Realzinsen hat Amerika sich doch schon immer seiner Kriegsschulden entledigt.  

Grafik 2: Rendite 10-jähriger deutscher und US-Staatsanleihen nach Inflation und Goldpreis

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Die Friedenstauben sind müde geworden

Nicht zuletzt leitet die geopolitische Instabilität Wasser auf die Gold-Mühlen. Unabhängig von den abtrünnigen Briten erinnert Europa weniger an eine Union, eher an eine Erbengemeinschaft, bei der jeder sich selbst der Nächste ist.

Daneben torpediert Donald Trump die friedensstiftende Sicherheitsarchitektur des westlichen Bündnisses. Angesichts der aufgebrochenen gesellschaftlichen Konflikte zeigt das Land ebenso innenpolitische Schwäche. Auch in der Eindämmung der Pandemie tut sich Amerika deutlich schwerer als Europa. Dem American Eagle werden derzeit viele Federn ausgerupft. Niederschlag findet diese Entwicklung in einem schwachen US-Dollar, der an Bedeutung als sicherer Hafen einbüßt. Gegenüber der Weltleitwährung wird Gold immer mehr als Alternativwährung betrachtet.

Grafik 3: Globalpolitische Unsicherheit und Goldpreis  

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Was ist mit Silber?

Neben seinem Edelmetall- hat Silber auch einen Industriemetallcharakter. Insofern schüren die gewaltigen Konjunkturmaßnahmen die Hoffnung auf eine steigende industrielle Nachfrage. Zusätzlich wird Silber beim Aufbau des neuen Mobilfunkstandards 5G und in der Umwelttechnik, z.B. in der Photovoltaikindustrie, verwendet.

Nach nahezu einer Verdopplung des Silberpreises vom Jahrestiefstand sind aber zwischenzeitliche Gegenbewegungen immer möglich. Ohnehin ist Silber volatiler als Gold, das als Edelmetall Priorität genießt. Es hat zudem den Nachteil, dass es in physischer Form im Gegensatz zu Gold zumindest in Deutschland mehrwertsteuerpflichtig ist. Doch solange Gold gefragt bleibt, sind deutliche Silber-Korrekturen nicht zu erwarten.

Als Vermögensbausteine werden Edelmetalle immer wichtiger

Grundsätzlich können (Geld-)Politiker kein Interesse an einer Ersatzwährung „Gold“ haben. Nur mit der allgemeinen Akzeptanz kann Geld Wirkung als Antibiotikum gegen Konjunktur- und Finanzkrisen sowie Eurosklerose entfalten. Dennoch, ähnlich wie sich Bären Winterspeck für karge Zeiten anfressen, bauen Notenbanken ihre Goldbestände deutlich auf, auch weil sie der Abhängigkeit von bunten amerikanischen Schuldpapieren ohne risikogerechte Renditen entkommen wollen. 

Grafik 4: Goldbestände der Notenbanken

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Ohnehin ist Gold im Gegensatz zu Geld ein rares Gut: Während die mit Zentralbankgeld finanzierten Schulden ein Weltmeer füllen könnten, passt Gold in einen Putzeimer. Daher schließen auch immer mehr große Vermögensverwalter goldige Versicherungen gegen Finanzinstabilität sowie geopolitische Risiken ab.

Grafik 5: Physische Goldbestände börsengehandelter Fonds weltweit und Goldpreis

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Wie an den Finanzmärkten üblich wird die Masse der Anleger diesen erfolgreichen Vorreitern nachfolgen und die Edelmetallpreise langfristig weiter steigen lassen.       

Sicherlich, wenn Aktien wieder ins Laufen kommen, entsteht mehr Anlagekonkurrenz. Da aber die Finanzwelt heutzutage in Liquidität ersäuft, ist für alle Anlageklassen Geld in Hülle und Fülle vorhanden. Das federt Preiseinbrüche bei Edelmetallen ab.  

Überhaupt, solange das Trio Infernale aus Finanzinstabilität, Zinslosigkeit und geopolitischen Konflikten anhält – es sprich leider wenig dagegen – behalten Gold und Silber ihre höheren Krisen-Weihen. Gold kann im nächsten Jahr durchaus 2.500 US-Dollar je Unze erreichen. Bei Silber sind 30 US-Dollar drin. Edelmetalle sind keine Paradiesvögel mehr. Es sind mittlerweile ernstzunehmende Anlageklassen.

Edelmetalle in welcher Anlageform?

Wem es um Sicherheit geht, sollte auch bei der konkreten Anlageform die sicherste Variante, die physische in Form handlicher Münzen und Barren, wählen.

Natürlich kann man mit vielen börsengehandelten Produkten ebenso auf den kurzfristigen Preis von Gold spekulieren oder ihn hebeln, ohne die für physische Produkte hohen Kaufaufschläge zu bezahlen. Bei Goldminenaktien kommen Aktienrisiken hinzu: Zu welchen Goldpreisen hat sich das Management abgesichert? Oder gibt es standortpolitische Handicaps wie Streiks? Wer das Risiko von Einzelaktien meiden will, kann Goldaktienfonds erwerben. Mit ETFs können die Wertsteigerungen von Edelmetallen exakt nachgebildet werden.

Besonders beliebt ist in Deutschland Papiergold wie Xetra-Gold und Euwax Gold II. Sie sind handelbar wie Aktien, nehmen 1 zu 1 an der Entwicklung des Goldpreises teil und verbriefen auch noch das Recht, sich das Edelmetall jederzeit physisch ausliefern zu lassen. Bislang sind Veräußerungsgewinne nach einem Jahr Haltedauer steuerfrei. Doch will der Fiskus ab 2021 wegen klammer Staatskassen an Edelmetallen mitverdienen. Gewinne auf Wertpapiere, die einen Lieferanspruch auf Gold und andere Edelmetalle verbriefen, sollen dann nach Freibetrag der Steuer unterliegen.

Inhaber von physischem Edelmetall kommen nach Haltefrist von einem Jahr weiter in den Genuss eines steuerfreien Veräußerungsgewinns. Aber vielleicht kommt Berlin nach der Bundestagswahl auch hier auf den steuerlichen Geschmack: Warum soll – so die Argumentation – physischer Edelmetallbesitz Steuerfreiheit genießen, während andere Anlageformen wie Aktien oder eben Papiergold der Besteuerung unterliegen? Und warum muss man bei Kauf physischen Silbers eine Mehrwertsteuer bezahlen, bei Gold aber nicht?

Doch selbst wenn vor allem Gold seine steuerlichen Vorteile verliert, ist neben dem Sachkapital Aktien und Immobilien ein Anteil am sachkapitalistischsten Anlagegut Edelmetalle bis etwa 10 Prozent des liquiden Vermögens sinnvoll. Tatsächlich hat Gold alle Krisen überlebt und seine Kaufkraft behalten.  

Nicht umsonst heißt es „Treu wie Gold“.

Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums 1990. Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator. Er ist aus Funk und Fernsehen bekannt und schreibt regelmäßig für Cash.

Foto: Baader Bank

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