8. September 2020, 14:36
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Regulierung der Tech-Branche: Chancen statt Risiken

Technologiekonzerne sind in den letzten Jahren dynamisch gewachsen. Ihre Marktmacht hat die Politik jetzt auf den Plan gerufen, die Branche zu regulieren. Für Anleger kann das durchaus von Vorteil sein. Denn eine gute Regulierung kann Geschäftsmodelle stabilisieren, neue Chancen schaffen und sich positiv auf die Kurse auswirken. Ein Kommentar von Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege bei Fidelity International

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Carsten Roemheld, Fidelity International

Die Anhörung im amerikanischen Kongress im Juli brachte die Herausforderungen der amerikanischen Tech-Giganten Facebook, Apple, Amazon und Google auf den Punkt: So wie sie heute existieren, hätten die Unternehmen eine immense Monopolmacht. Einige Unternehmen müssten zerschlagen und alle richtig reguliert und zur Rechenschaft gezogen werden.  Am Tag darauf legten dieselben Unternehmen ihre Zahlen für das zweite Quartal vor. Inmitten einer beispiellosen Wirtschaftskrise erzielte Amazon den höchsten Gewinn der Firmengeschichte. Facebook, Apple und Alphabet übertrafen die Erwartungen. Der Marktwert der vier Unternehmen stieg um 250 Milliarden Dollar. Die Geschäftsaussichten sind blendend, die Geschäftsmodelle allem Anschein nach krisensicher. Doch es kündigen sich Veränderungen an. Die lang diskutierte Regulierung in puncto Wettbewerbsrecht, Datenschutz und Desinformation rückt in greifbare Nähe. 

Regulierung nicht per se wachstumshemmend

Eine strengere Regulation gilt Unternehmen vermeintlich als Wachstumshürde. Wenn aber offene Fragen und fehlende Regeln das Geschäft belasten, kann eine wirkungsvolle Regulierung Anlegern durchaus auch Vorteile bringen.

Beispiel Wettbewerb: Als Indien ein Verbot der Social-Media-Plattform TikTok verhängte, schossen die Nutzerzahlen kleinerer indischer Wettbewerber innerhalb kurzer Zeit von wenigen Hunderttausend in den zweistelligen Millionenbereich in die Höhe. Je mehr Nutzer eine Plattform hat, desto attraktiver wird sie einerseits und umso größer werden andererseits die Einstiegshürden für neue Marktteilnehmer. Daher häuften sich zuletzt Beschwerden über Wettbewerbsbeschränkungen: Apple hat als Anbieter von Streaming-Inhalten Interessenkonflikte mit Konkurrenten, die ihr Angebot im App-Store von Apple vertreiben, dort jedoch eine zusätzliche Gebühr an Apple zahlen müssen. Alphabet wächst im Reisesegment, verdrängt dadurch Wettbewerber wie TripAdvisor und treibt die Kosten für Reisebuchungsportale in die Höhe. 

Es spricht vieles dafür, dass die Branche von mehr Wettbewerb profitiert. Selbst die Zerschlagung großer Konzerne muss nicht per se schlecht für Investoren sein, da die Summe der Einzelteile oft mehr wert ist als das Gesamtunternehmen.

Dauerbrenner Datenschutz

Ein weiterer Dauerbrenner ist der Datenschutz. Als Facebook Drittfirmen vor acht Jahren Zugang zu seinen Nutzerdaten gewährte, sollten Einstiegsbarrieren dadurch sinken. Andere Marktteilnehmer konnten gewissermaßen auf dem Trittbrett des mächtigen Netzwerks mitfahren. Spotify, Tinder und Co. haben ihr exponentielles Wachstum auch dieser Entscheidung zu verdanken. Mit den Enthüllungen um Cambridge Analytica wurde jedoch klar, dass Social-Media-Plattformen sich die gesetzeswidrige Datennutzung fürstlich bezahlen ließen. Das sonst so innovative Unternehmen Facebook schien plötzlich die Bedürfnisse der Nutzer nicht mehr zu verstehen. Heute sind es Apps wie Snapchat und TikTok, die Trends setzen.

Riesige Datenschätze

Trotz bestehender Datenschutzregeln – vor allem in der EU – verfügen die Technologiekonzerne über riesige Datenschätze und weitreichende Handhabe darüber. Daher hat die EU auch die Übernahme von Fitbit durch Alphabet verzögert. Die Google-Mutter hätte so Zugang zu Gesundheitsdaten der Nutzer in Echtzeit. Man stelle sich vor, Alphabet könnte den Puls eines Nutzers messen, wenn er eine bestimmte Werbeanzeige sieht. Alphabet hat nun versprochen, keine persönlichen Daten beim Verkauf von Anzeigen einzusetzen. Bereits heute müssen westliche Unternehmen bei der Produktentwicklung mit weit weniger Nutzerdaten auskommen als ihre chinesischen Konkurrenten. Dadurch sind sie gezwungen, noch innovativer zu werden. Not ist dabei oft die Mutter der Erfindung.

Desinformation sorgt für Herausforderungen

Soziale Medien stehen auch in puncto Desinformation vor Herausforderungen: Verfechter der Meinungsfreiheit stehen Werbekunden gegenüber, die nicht wollen, dass ihre Marke neben rassistischen Inhalten, Hassrede und Falschinformationen sehen. Twitter hat diesen Spagat bisher am besten gemeistert, Facebook hingegen ist eher in Verruf geraten. Über 1000 Marken, darunter Unilever und Coca-Cola, boykottieren die Plattform bereits.

Tech-Konzerne haben ein großes Gewicht an den Börsen und in relevanten Indizes. Microsoft und Apple etwa sind zusammen wertvoller als alle 30 Unternehmen im Dax. Auch die Perspektiven sind weiterhin vielversprechend. So gibt es kaum eine Branche, die ihr Geschäftsmodell nicht mit Hilfe digitaler Lösungen weiterentwickelt. Geschäftsfelder wie der Onlinehandel, digitale Unterhaltungsangebote und Cloud-Dienste stehen noch am Anfang ihrer Entwicklung. Auch werden immer neue Produkte in angrenzenden Märkten entwickelt, von virtueller Realität über Zahlungsdienstleistungen bis hin zum autonomen Fahren.

Markt wird sich stärker differenzieren

Anleger sollten wissen, dass sich der Markt stärker differenzieren wird. Investitionen in Tech-Giganten werden komplexer, da regulatorische Fragen derzeit gewichtiger sind als fundamentale Risiken. Mit aktiv gemanagten Strategien sind Anleger in dieser Situation im Vorteil. Während man mit passiven Produkten vor allem in Werte investiert, die aktuell ein großes Gewicht am Markt haben, können aktive Anleger früh Unternehmen identifizieren, die schnell und ideenreich auf den Umbruch in der Branche reagieren – zum einen Start-ups, zum anderen die anpassungsfähigen unter den etablierten Unternehmen, oder Firmen, die bei einer Zerschlagung Werte heben können.

Foto: Fidelity International

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