24. August 2020, 06:05
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Renten müssen neu gedacht werden – und zwar weltweit

Eine steigende Lebenserwartung und sinkende Geburtenraten haben in vielen Ländern zu einer Alterung der Bevölkerung geführt. Überall müssen sich Regierungen den Herausforderungen der alternden Gesellschaften stellen: Wie lässt sich für immer mehr Rentner finanzielle Sicherheit gewährleisten und ein nachhaltiges Vorsorgesystem für jüngere Generationen realisieren? Ein Beitrag von Sara Carnazzi Weber, Credit Suisse

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Dr. Sara Carnazzi Weber, Credit Suisse

Was bisher vor allem in den Industrieländern ein Thema war, wird auch für die Entwicklungsländer zunehmend zu einem Problem. Die Menschen werden immer älter. Das Credit Suisse Research Institute (CSRI) hat sich in seiner neuesten Studie eingehend mit den wichtigsten Fragen und Trends zur demographischen Alterung, dem Ruhestand und der Altersvorsorge beschäftigt.

Entwicklungsländer durchlaufen Prozess schneller

Demnach haben die Industrieländer interessanterweise die Auswirkungen dieses Phänomens zwar als Erste gespürt, es ist aber abzusehen, dass die Entwicklungsländer diesen Prozess noch rascher durchlaufen werden. Als Folge des Geburtenrückgangs und der steigenden Lebenserwartung ist der Anteil der Rentner an der Bevölkerung gestiegen.

Der Anteil, der über 65-Jährigen ist in den Industrieländern von 7,7% im Jahr 1950 auf über 19% gestiegen und wird bis 2050 schätzungsweise etwa 27% erreichen. In den Entwicklungsländern dagegen, lag dieser Anteil im Jahr 1950 bei 3,8 % und dürfte bis 2020 den Erwartungen zufolge 7,4 %, bis 2050 sogar 14,2 % erreichen. Bereits heute lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung über 65 Jahren in den Entwicklungsländern. Im Jahr 2050 werden es fast 80% sein.

Vorsorgesystem ist besonders stark betroffen

Das Vorsorgesystem ist von dieser Entwicklung besonders stark betroffen, da eine wachsende Zahl von Rentnern einer kontinuierlich schrumpfenden Zahl von Beitragszahlenden gegenübersteht. Diese Problematik verschärft sich zusätzlich, da die Leistungen für einen längeren Zeitraum ausgezahlt werden müssen. Auch am Arbeitsmarkt werden die Auswirkungen der demographischen Alterung nicht spurlos vorbeigehen. Sofern Produktivitätssteigerungen ausbleiben, dürfte diese Entwicklung auch das Wirtschaftswachstum beeinträchtigen.

Verbesserungen sind in der Umsetzung

Vor dem Hintergrund der seit langem bekannten Probleme hinsichtlich finanzieller Nachhaltigkeit haben viele Länder Schritte unternommen, um ihre Vorsorgesysteme zu verbessern, wenn auch mit zunehmendem Widerstand seitens der Bevölkerung. Zu den wichtigsten Reformen der vergangenen Jahrzehnte zählt der Übergang vom Leistungs- zum Beitragsprimat. Darüber hinaus besteht ein klarer Trend zur Implementierung automatisierter Anpassungsmechanismen, mit deren Hilfe die Parameter der Vorsorgesysteme automatisch an variable Indikatoren wie die Lebenserwartung oder finanzielle Kennzahlen angepasst werden.

Nachlassende Reformdynamik

Trotz der Dringlichkeit weiterer Reformschritte hat die Reformdynamik in den OECD-Ländern in den letzten Jahren nachgelassen. Während zahlreiche Länder nach der globalen und europäischen Finanzkrise Maßnahmen ergriffen haben, um die finanzielle Tragfähigkeit ihrer Rentensysteme zu verbessern, besteht nun ein zunehmendes Risiko, dass einige von ihnen die beschlossenen Reformen wieder zurücknehmen.

Dennoch ist es nach wie vor erforderlich, die Vorsorgesysteme an den demographischen Wandel anzupassen. Im Allgemeinen gibt es vier Optionen, um die Rentensysteme nachhaltiger zu machen. Erstens könnte die Bevölkerung ermutigt oder gezwungen werden, während des Arbeitslebens mehr für den Ruhestand zu sparen. Zweitens könnten zusätzliche Mittel durch eine Erhöhung der Steuern mobilisiert werden. Angesichts der bereits hohen Besteuerung in vielen OECD-Ländern dürfte dieser Ansatz jedoch keine Lösung bieten, insbesondere dann, wenn eine höhere Besteuerung oder Steuervermeidung als negativer Arbeitsanreiz wirkt. Drittens wären die Aussichten auf zukünftige Rentenkürzungen für die Betroffenen möglicherweise akzeptabel, wenn es um die langfristige Stabilität des Systems geht. Die vierte und zweckmäßigste Option für eine nachhaltigere Vorsorge besteht darin, das ordentliche Rücktrittsalter schrittweise zu erhöhen. So würde sich die Sparphase verlängern und gleichzeitig die durchschnittliche Laufzeit der Renten verkürzen.

Zugleich würde sich diese Maßnahme auch positiv auf den Arbeitsmarkt auswirken, vor allem, wenn man bedenkt, dass die Pensionierungswelle der Babyboomer-Generation im Jahr 2030 ihren Höhepunkt erreichen dürfte. Daher sollten nicht nur das Rücktrittsalter erhöht, sondern zugleich auch Anreize für einen längeren Verbleib im Erwerbsleben geschaffen werden.

Dreistufiges Lebenszyklusmodell muss überdacht werden

Das traditionelle Konzept des dreistufigen Lebenszyklus – Ausbildung, Arbeitsleben und Ruhestand – sollte überdacht werden und es sollten verstärkt Vorkehrungen für neue Arbeitsformen (z.B. Teilzeit- oder Temporärarbeit) und Weiterbildung getroffen werden, die den Übergang in ein längeres Arbeitsleben erleichtern können. Viele Vorsorgesysteme sind immer noch zu starr, um auf die Bedürfnisse einer sich wandelnden Gesellschaft zu reagieren, und müssten flexibler werden, um die ganze Bandbreite der Erwerbstätigkeit zu erfassen – insbesondere für diejenigen, die sich in atypischen Arbeitsverhältnissen befinden. Letztere haben häufig nur geringen oder gar keinen Vorsorgeschutz.

Mehrdiensionalität berücksichtigen

Wenn die politischen Entscheidungsträger die Mehrdimensionalität des Alters nicht berücksichtigen, kann eine solche Politik häufig Gewinner und Verlierer und damit Ungleichheit schaffen: Gesunde Menschen profitieren von den Vorzügen einer längeren Erwerbstätigkeit, während weniger gesunde Menschen kaum zusätzliche Arbeitsjahre leisten können und bei Aufgabe ihrer Erwerbstätigkeit mit einem geringeren Alterseinkommen rechnen müssen.

Ein mehrstufiger Ansatz für neue, gangbare Lebenswege ist eine Option, die ein längeres Erwerbsleben wesentlich reizvoller machen und so zur Entlastung der Altersvorsorgesysteme beitragen könnte. Dies bringt jedoch auch neue Herausforderungen mit sich: Alle Beteiligten müssen regelmäßig in ihre Kompetenzen und ihre Gesundheit investieren, um erwerbsfähig zu bleiben.

Sorge um Nachhaltigkeit der sozialen Sicherheit

Eine länderübergreifende Umfrage im Rahmen des Fortschrittsbarometers der Credit Suisse zum Thema Einstellungen zum Ruhestand zeigt eine zunehmende Besorgnis über die Nachhaltigkeit der sozialen Sicherheit. Besonders in den Industrieländern rechnen die jüngeren Alterskohorten damit, dass die Altersvorsorge als Einkommensquelle im Alter an Bedeutung verliert und sehen das Einkommen aus Arbeit immer mehr als ihren Sparplan für die Zukunft an. In den Entwicklungsländern, die sich bisher weniger am dreistufigen Lebenszykluskonzept orientiert haben, ist der Wunsch, über das normale Rentenalter hinaus zu arbeiten, stärker ausgeprägt. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die bestehenden Rentensysteme im Alter wenig oder keine finanzielle Unterstützung bieten.

Gleichzeitig ist es in diesen Ländern traditionell weniger üblich, den Ruhestand als vollkommen arbeitsfreie Lebensphase zu betrachten. Entwicklungsländer könnten daher paradoxerweise in einer besseren Ausgangslage sein, um flexiblere Vorsorgesysteme zu planen, die einer längeren und flexibleren Erwerbstätigkeit Rechnung tragen.

Rentensysteme stehen unter Druck

Die Rentensysteme stehen unter dem Druck, die Rentner im Alter finanziell abzusichern und gleichzeitig den Herausforderungen der steigenden Lebenserwartung und des demographischen Wandels zu begegnen. Jedes Land steht vor der Aufgabe, die Nachhaltigkeit der Vorsorgesysteme zu gewährleisten. Zur Erhaltung des gewohnten Lebensstandards dürfte zumeist ein Maßnahmen-Mix erforderlich sein. Im Allgemeinen werden Individuen mehr Eigenverantwortung für die Gewährleistung ihrer Einkommenssicherheit im Alter übernehmen müssen, worauf Finanzdienstleister mit effizienten und flexiblen Anlagelösungen reagieren sollten. Wir müssen die Art und Weise, wie wir den Ruhestand betrachten überdenken. Nur so lässt sich eine gerechte und nachhaltige Zukunft für alle gewährleisten.

Autorin Dr. Sara Carnazzi Weber ist Head of Policy and Thematic Economics bei der Credit Suisse.

Foto: Credit Suisse

2 Kommentare

  1. Wir werden noch viel mehr Dinge mit bedenken müssen. Die künstliche Intelligenz, die sich rasant entwickelt, wird immens viele Jobs, vor Allem im Mittelbau, verschwinden lassen. Wir kommen an einem bedingungslosen Grundeinkommen, lebenslang, nicht vorbei. Und es gibt durchaus Menschen, die bis weit über 70, zumindest in Teilzeit, noch arbeiten können und wollen. Es gibt noch sehr viel zu tun. Und ob unsere Politiker, die derzeit das Zepter schwingen, dazu kompetent genug sind, bezweifle ich. Ausnahmen ausgenommen.

    Kommentar von Nils Fischer — 25. August 2020 @ 12:45

  2. Das sollte jedem klar sein seit Norbert Blüm die Werbung für die angeblich sichere Rente gemacht hatte. Aber leider kommt da sehr wenig. Ich bin mir sicher das der Renteneintritt auf 69 erhöht wird.

    Kommentar von Jan Lanc — 24. August 2020 @ 20:28

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