22. Juni 2020, 10:02
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Schlumberger: “There is no alternative!”

Corona wird uns weiter beschäftigen. In den USA gibt es nur einen marginalen Rückgang der Todesfälle, während die Zahl der Neuinfektionen auf sehr hohem Niveau verharrt. Die USA fahren ihre Wirtschaft wieder hoch, obwohl sie die Pandemie nicht richtig im Griff haben. Man ist bereit, mehr Tote in Kauf zu nehmen, um keinen weiteren Konjunktureinbruch zu riskieren. So zynisch dies klingt, es ist positiv für die Börse. Ein Kommentar von Dr. Manfred Schlumberger,  Leiter Portfoliomanagement bei Star Capital.

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Dr. Manfred Schlumberger, Star Capital

Die jüngsten Unternehmens- und Konjunkturdaten waren extrem schlecht. Positiv hingegen ist – und das bestätigen auch die Frühindikatoren: Die Konjunktur befindet sich in der Nähe des Tiefs. Im Industrie- und Dienstleistungssektor wurden die unteren Wendepunkte bereits durchschritten. Die Börse antizipiert die allmähliche Erholung der Wirtschaft. Zugleich wirkt die massive Geldmengenausweitung durch die Notenbanken wie Schmierstoff für die Wirtschaft und insbesondere die Kapitalmärkte.

Aktien als alternativlose Anlageklasse

Ein Maß für die Überschussliquidität ist die Wachstumsrate der Geldmenge abzüglich des nominalen Wirtschaftswachstums. Zuletzt stieg dieser Wert auf 33 Prozent an – gegenüber Null vor einem Jahr. Die Geldschwemme wird nur teilweise von der Realwirtschaft benötigt und fließt überwiegend in die Finanzmärkte – was zu Inflation führt. Jedoch handelt es sich nicht um eine Güterpreis-, sondern vielmehr um eine Vermögenspreisinflation. Da die Notenbanken gleichzeitig die Zinsen extrem tief halten, bleibt Anlegern nur der Gang an die Aktienmärkte. An den Börsen gilt daher das Tina-Prinzip: „There is no alternative.“

Auch die Fiskalpolitik unterstützt diese Entwicklung. Ob der jüngste Nachtragshaushalt der Bundesregierung mit einem Volumen von 220 Milliarden Euro notwendig und effizient ist, erscheint indes fraglich. Es wäre definitiv sinnvoller gewesen, dieses Geld für Investitionen, aber nicht für eine Senkung der Mehrwertsteuer oder Kaufprämien für Neuwagen zu verwenden. Die Menschen sind aktuell sehr vorsichtig und halten lieber ihr Geld zusammen, statt zu konsumieren. Entsprechend schießt die Sparquote nach oben. Die Sorge der Bevölkerung führt zu einem Nachfrageschock, während die Unternehmen gleichzeitig ihre Investitionen zurückfahren. Hier wäre der Staat mit öffentlichen Investitionen gefragt. Zusätzliche zehn Milliarden Euro im Nachtragshaushalt sind dafür zu wenig. Dies führt nicht wirklich aus der Krise.

Ungeliebte Aktienrallye

Mit 1200 Milliarden Dollar weltweit seit Jahresbeginn ist der bei weitem größte Teil des neuen Anlagekapitals in Geldmarktfonds geflossen. In Rohstoffe, Indexfonds und Anleihen wurde während der vergangenen Wochen wieder – in sehr geringem Ausmaß – investiert. Dies spiegelt das Misstrauen der Anleger gegenüber dem jüngsten Kursaufschwung wider.

Laut Statistik des AAII Investor Sentiment Survey beläuft sich der Anteil der Bären aktuell bei 48 Prozent. In einem Bullenmarkt – in dem wir uns nach der klassischen Definition zwischenzeitlich wieder befinden – liegen in der Regel antizyklische Kaufsignale bei einem Anteil der Pessimisten von mehr als 40 Prozent vor. Dies spricht dafür, dass Anleger bei möglichen Rückgängen schnell die Gelegenheit nutzen, um einzusteigen.

Mit Blick auf die Charttechnik fielen sowohl der S&P 500-Index als auch der Dax zuletzt kurzzeitig unter die 200-Tage-Linie zurück – um sich ebenso schnell zu erholen. In den kommenden Tagen und Wochen dürfte sich das Marktgeschehen auf diesem Level fortsetzen. Kreuzt die ansteigende 50-Tages-Linie die 200-Tage-Linie, liegt ein klares technisches Kaufsignal vor. Ein Erreichen des historischen Hochs erscheint aus heutiger Sicht dennoch kaum realistisch. Der größte Teil des Kursaufschwungs dürfte hinter uns liegen, der Markt wird anfälliger für schlechte Nachrichten. Gleichwohl sind die Risiken überschaubar. Zu viele private, aber auch institutionelle Investoren, die die Aufwärtsbewegung verpasst haben, warten auf eine Einstiegschance.

Setzt sich das Szenario der sukzessiven Ausweitung der Lockerungsmaßnahmen fort, könnten sich die europäischen Märkte während der kommenden Monate besser entwickeln als die USA. Europa ist deutlich stärker von zyklischen Sektoren geprägt, die sich zunehmend erholen. Dies spricht für eine Bevorzugung europäischer Aktien gegenüber US-Titeln. Beispiele für aussichtsreiche zyklische Aktien sind neben BASF, Bayer und Linde auch Fraport, Heidelberger Zement, Burberry oder WH Smith.

Seitwärtsbewegung beim Euro zu erwarten

Die Kapitalzuflüsse an den europäischen Aktienmärkten und die sich abzeichnende Schuldenunion, die das Vertrauen angloamerikanischer Anleger in den Euro stärkt, hat zuletzt zu einer Aufwertung der Gemeinschaftswährung geführt. Zusätzlich unterstützt wurde diese Tendenz von der geringeren Zinsdifferenz zwischen den USA und Europa. In der Folge ist die Positionierung professioneller Händler laut dem Commitment of Traders-Report in Euro-Futures deutlich gestiegen – was einen weiteren Anstieg des Euro limitieren sollte. Vor diesem Hintergrund dürfte sich der US-Dollar gegenüber dem Euro zunächst zwischen 1,10 und 1,13 einpendeln.

Bei Anleihen den Notenbanken folgen

Mit Blick auf den Fixed Income-Bereich erscheinen Unternehmensanleihen und das High Yield-Segment chancenreicher als Staatsanleihen. Die US-Notenbank Fed hat kürzlich angekündigt, weitere 600 Milliarden Dollar in den heimischen Markt zu pumpen. Zudem hat sie ihr Kaufprogramm insofern ausgeweitet, als sie neben Indexfonds auch einzelne Unternehmensanleihen erwirbt. Eine sehr gute Anlagestrategie lautet somit: „Wer mit der Zentralbank kauft, macht nichts falsch.“ Dies dürfte sich auf Sicht der kommenden ein- bis eineinhalb Jahre auszahlen.

Foto: Star Capital, Shutterstock

 

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