26. Mai 2020, 11:05
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Wer von der Entwicklung einer Corona-Therapie profitiert

Die Corona-Pandemie kann nur mit einem wirksamen Impfstoff oder Medikament gestoppt werden. Welche Unternehmen bei der Entwicklung im Rennen sind, welche Risiken bestehen und was das für Investoren bedeutet, erklärt Dr. med. Markus Manns, Portfoliomanager und Pharma-Experte bei Union Investment.

Manns Dr Markus Querformat in Wer von der Entwicklung einer Corona-Therapie profitiert

Dr. Markus Manns, Union Investment

Die jüngsten Nachrichten zur Entwicklung eines Corona-Impfstoffs kommen vom US-Biotechunternehmen Moderna und lassen aufhorchen. Die erste Testphase der Impfstoffstudie mit 45 Patienten ist positiv verlaufen: Alle Patienten haben Antikörper gebildet, der Impfstoff zeigte keine Nebenwirkungen. In einigen Tagen soll Phase zwei starten. Im Sommer soll die dritte und letzte Entwicklungsphase mit mehreren tausend Personen initiiert werden. Dieser Feldtest erforscht, ob der Impfstoff Infektionen mit dem Corona-Virus SARS-Cov2 abhält. Erste Ergebnisse erwartet Moderna zum Jahresende.

Doch das ist noch kein Grund für überschwänglichen Jubel: Auf dem Weg zu einem erfolgreichen Impfstoff hat Moderna erst 20 Prozent zurückgelegt. Noch ist etwa unklar, ob die bei den Patienten gebildeten Antikörper das Virus bekämpfen. Und auch wenn alle Testphasen erfolgreich abgeschlossen sind, werden noch viele Fragen offen sein: Wie lange hält die Immunität nach einer Impfung gegen Covid-19 an? Wird das Virus mutieren, muss die Impfung deshalb jährlich wiederholt werden? Wie hoch ist die Gefahr von infektionsverstärkenden Antikörpern, die die Krankheit verschlimmern würden?

Über 100 Impfstoffe in der Entwicklung

Vor diesen Herausforderungen steht nicht nur Moderna, sondern auch die „Konkurrenz“: Neben dem US-Biotechunternehmen forschen noch viele andere Unternehmen an einem Impfstoff. Derzeit listet die Weltgesundheitsorganisation WHO rund 110 aktive Impfstoffprogramme (Stand: 15. Mai 2020). Acht davon befinden sich in klinischen Studien, also in Tests an Probanden unter kontrollierten Bedingungen.

Dabei haben aktuell vor allem genbasierte mRNA-Impfstoffe die Nase vorn. Darunter fallen die Vakzine von Moderna und von weiteren Firmen wie Translate Bio, CureVac aus Tübingen und Biontech aus Mainz. Biontech arbeitet mit dem US-Pharmakonzern Pfizer zusammen und startete die klinische Testphase im April, CureVac will im Juni mit der ersten Testphase beginnen.

Die Vorteile mRNA-basierter Verfahren: Im Gegensatz zu anderen Technologien können sie sich schnell skalieren lassen, sind also rasch in großen Mengen herstellbar. Zudem lässt sich der Impfstoff schnell anpassen, falls das Virus mutiert. Das Verfahren ist jedoch ganz neu. Noch gibt es keinen Impfstoff, der auf mRNA basiert. Das Risiko ist entsprechend hoch und die Erfolgsaussichten der Programme lassen sich daher noch nicht beurteilen.

Astra Zeneca und Sanofi: Gelder von US-Regierung

Andere Unternehmen setzen auf sogenannte Adenoviren – basierte Technologien zur Entwicklung eines Vakzins. Hier ist aktuell CanSino Biologics auf der Pole Position. Das chinesische Biotech-Unternehmen berichtete kürzlich über positive Ergebnisse seiner ersten Testphase an über 100 Personen. Doch auch hier hält sich der Jubel in Grenzen – die Daten waren nicht ganz so gut wie die von Moderna. Hinzu kommt: Viele Personen sind bereits immun gegen Adenoviren, ihr Immunsystem attackiert daher den Impfstoff.

Auch Astra Zeneca forscht in Kooperation mit den Forschern der Oxford University an einem Adenovirus-basierten Impfstoff und sorgte jüngst für Schlagzeilen: Die US-Regierung fördert die Entwicklung des Impfstoffes via der Biomedical Advanced Research and Development Authority des US-Gesundheitsministeriums (BARDA) mit rund einer Milliarde US-Dollar. Das Vakzin wird bereits in einer klinischen Studie mit tausend Patienten getestet, erste Ergebnisse soll es in Kürze geben.

Ein weiterer Empfänger von BARDA-Fördergeldern ist Sanofi. Der Impfstoffgigant hat eine beispiellose Allianz mit seinem Konkurrent GlaxoSmithKline gegründet, um auf Basis von Sanofis validierter Grippeimpfstoff-Plattform einen Corona-Impfstoff zu entwickeln.

Die BARDA fördert noch weitere Covid-19-Impfstoffforschungen mit hohen Summen. Moderna, Johnson&Johnson und Novavax sind ebenfalls Nutznießer dieser Förderung, die auch als Qualitätssiegel verstanden werden kann.

Medikamente zur Bekämpfung des Corona-Virus

Erste Fortschritte gibt es auch bei der Entwicklung von Medikamenten gegen Covid-19. Vor einigen Wochen wurde etwa Remdesivir von Gilead zur Behandlung von Patienten mit der Lungenkrankheit zugelassen. Das Medikament wurde ursprünglich gegen Ebola entwickelt und hemmt die Vermehrung des Virus. Der langersehnte Durchbruch ist Remdesivir nicht, es wird aber, soweit in ausreichenden Mengen verfügbar, in den Krankenhäusern breit eingesetzt werden.

Ein weiteres Medikament, das bereits im Test ist, ist das Antirheuma-Medikament Actemra von Roche und Partner Chugai. Voraussichtlich im Juni sollen die ersten Ergebnisse vorliegen. Das Medikament vermindert die Entzündungsreaktion auf das Corona-Virus. Regeneron und Sanofi haben mit Kevzara ein ähnliches Medikament zur Verfügung.

Ein weiterer vielversprechender Ansatz ist die Entwicklung von Antikörpern, die das Virus neutralisieren. Dies hat bei Ebola recht gut funktioniert. Führend sind auf diesem Bereich die Unternehmen Regeneron, VirBiotech, Adaptive Biotechnologies / Amgen und Eli Lilly / AbCerella. Regeneron will seinen Cocktail aus drei unterschiedlichen Antikörpern im Juni an Patienten testen. Die Antikörper könnten sowohl zur Therapie als auch zur passiven Impfung für Risikogruppen eingesetzt werden.

Positiver Imagewandel der Pharmaindustrie

Es gibt also eine Vielzahl von Ansätzen, an denen mit Hochdruck geforscht wird. Wer auch immer die Nase am Ende vorn haben wird: Viele Pharma- und Biotechunternehmen beteuerten, an der Pandemie aus Imagegründen und wegen des politischen Drucks zunächst kein Geld verdienen zu wollen. Sie werden die Impfstoffe beziehungsweise Medikamente vermutlich zunächst spenden oder zum Selbstkostenpreis abgeben. Erst im zweiten Schritt dürften die Unternehmen eine Gewinnmarge anstreben – wenn Staaten in Erwartung einer wiederkehrenden Infektionswelle strategische Notfallbestände anlegen.

Die Aussage, bei Covid-19 Impfstoffen oder Therapien zunächst auf Gewinne zu verzichten, führt zu einem Imagewandel des Sektors: Wurden Pharma- und Biotechunternehmen noch vor einigen Monaten heftig wegen hoher Medikamentenpreise kritisiert, werden sie nun als Teil der Problemlösung angesehen. Die Innovationskraft steht wieder im Vordergrund. Dieser Image-Wandel vom Kostenverursacher zum Gesundheitsförderer, der einen wertvollen gesellschaftlichen Beitrag leistet, verspricht positive Aussichten für die gesamte Industrie.

Trotz guter Aussichten: Kritischen Blick auf Einzelwerte behalten

Noch ist das Rennen um eine erfolgreiche Bekämpfung des Corona-Virus offen. Der erste entwickelte Impfstoff oder das erste zugelassene Medikament muss nicht zwangsweise die größte Wirksamkeit haben. Ausschlaggebend wird zudem sein, wer ausreichende Mengen produzieren kann und wie die Therapie weltweit verteilt wird.

Die vielen offenen Fragen führen dazu, dass die Kursbewegungen vieler „Corona-Aktien“ zur Zeit überwiegend stimmungsgetrieben sind. Insgesamt gilt: Die aktuellen Entwicklungen und der damit zusammenhängende Imagewandel versprechen eine positive Zukunft der Industrie. Als Anleger sollte man aber das Geschäftsmodell und die Solidität der Bilanz der einzelnen Firmen kritisch prüfen und darüber hinaus auf einen Basket aus mehreren Unternehmen und Technologie-Plattformen setzen.

Autor Dr. med. Markus Manns ist seit Januar 2000 im Portfoliomanagement Aktien bei Union Investment tätig und verantwortet die Bereiche Biotechnologie, Pharmazie und Gesundheit. Zuvor arbeitete er unter anderem im Marketing und der klinischen Entwicklung der pharmazeutischen Industrie.

Foto: Union Investment

 

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