13. Juli 2020, 11:05
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„Wir müssen investieren, um gefährlichere Pandemien zu bekämpfen“

Rudi Van den Eynde, Head of Thematic Global Equity und leitender Fondsmanager der Biotechnologie-Strategie bei Candriam, über die Auswirkungen der aktuellen Pandemie auf den Biotechsektor und die zu ziehenden Lehren daraus.

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Rudi Van den Eynde

Die Welt wartet auf einen Impfstoff gegen COVID-19. Wie weit ist der Weg?
Van den Eynde: Viele Unternehmen der Healthcare- und Biotech-Branche arbeiten momentan mit Hochdruck an der Entwicklung eines Impfstoffes. Bis es soweit ist, werden aber voraussichtlich noch mindestens zwölf bis 15 Monate vergehen. Optimistisch, aber nicht unmöglich sind auch erste Dosen im Dezember diesen Jahres. Gleichwohl: Die Entwicklung eines Impfstoffes ist nur die eine Seite derselben Medaille.

Auch die Herstellung von mutmaßlich mehreren Millionen Impfdosen für die Bevölkerung bedeutet eine Kraftanstrengung für die Branche. Gut ist, dass nicht nur einzelne Firmen, sondern viele Unternehmen gleichzeitig an Impfstoffen arbeiten, darunter auch die großen Marktführer, die schnell entsprechende Kapazitäten aufbauen können. Positiv ist auch, dass das neuartige Coronavirus nach derzeitigem Stand und im Unterschied zur saisonalen Grippe kaum mutiert. Die Chancen stehen insofern gut, dass ein Impfstoff auch 2021 noch wirksam wäre.

Welches Potenzial sehen Sie in einem Medikament im Kampf gegen das Virus?

Van den Eynde: Auch die Entwicklung und der Einsatz von Medikamenten können beim Kampf gegen das Coronavirus helfen. Es gibt zwei Ansätze: In China wird ein Medikament getestet, das ursprünglich gegen Ebola entwickelt wurde. Es hemmt die Replikation des Virus im menschlichen Körper.

Eine weitere Idee setzt an einer anderen Stelle an. Bei vielen Patienten richtet nämlich nicht die Infektion mit dem Virus den größten Schaden an, sondern eine Art Überreaktion des Immunsystems – insbesondere bei älteren Menschen. Die Hoffnung ist, diese Spirale zu stoppen, was die Krankheit zwar nicht verhindern, aber die Mortalität erheblich senken würde. Solche Medikamente kommen zum Beispiel gegen Arthritis oder das HI-Virus zum Einsatz, und erste Untersuchungen deuten darauf hin, dass sie auch bei Covid-19 helfen könnten. Schnelle Fortschritte sind hier realistisch, weil die Medikamente bereits zugelassen sind.

Nötig wären nur noch klinische Studien mit einigen Hundert Patienten in Krankenhäusern. Heilen diese schneller und treten keine neuen Nebenwirkungen auf, könnten schon im September oder Oktober gute klinische Daten vorliegen.

Wie beurteilen Sie die Aussichten für das Biotech-Segment?

Van den Eynde: Insgesamt kommt die Biotech-Wirtschaft deutlich besser aus der Krise, nicht zuletzt, weil der Einfluss der Pandemie geringer war als bei anderen Industrien. Insbesondere bei groß angelegten klinischen Studien hatte der Shutdown keine negativen Auswirkungen. Gleiches gilt für das Produktangebot oder Verkäufe. Im Gegenteil. Speziell der Markt für Impfstoffe registrierte positive Auswirkungen. Vor Ausbruch der Pandemie hatte dieser Sektor eher beschränkte Entwicklungschancen.

In den kommenden Monaten wird dieser Bereich deutlich stärker und vor allem langfristig in den Fokus der Pharmaunternehmen rücken. Die Wahrnehmung des Pharma- und Biotechsegments sowohl gesellschaftlich als auch politisch – verändert sich zum Positiven und fördert dessen Entwicklung. Es wird zunehmend erkannt, dass die Welt ein Ökosystem, bestehend aus breitem Wissen, Innovationsfähigkeit und Investment benötigt, um für zukünftige Krankheiten und Pandemien gerüstet zu sein. In Zukunft könnte es möglicherweise gefährlichere Pandemien gehen. Um dafür vorbereitet zu sein, müssen wir in das Segment, in dem die Kosten deutlich steigen, investieren.    

Welche Folgen erwarten Sie durch die Pandemie auf Unternehmensseite?

Van den Eynde: Fest steht: Die Geschäftszahlen der nächsten zwei Quartale werden aller Voraussicht nach nicht gut aussehen. Niemand weiß, wie lange die temporären Maßnahmen der weltweiten Politik andauern werden und welche konkreten Auswirkungen der aktuelle Abschwung an den Märkten mit sich bringen wird. Die Chancen stehen allerdings sehr gut, dass sich die Wirtschaft bis zum Sommer 2021 wieder normalisiert hat. Investoren können hier deshalb durchaus den Unterschied machen: Wer langfristig denkt und die kommenden Monate ausblenden kann, der erkennt, dass einige Qualitätsunternehmen aktuell zu einem deutlich attraktiveren Preis zu haben sind als noch vor einigen Wochen.

Interview: Frank O. Milewski, Cash.

Foto: Candriam

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