Genau hinschauen lohnt sich bei Schwellenländern

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Alina Eidt, Union Investment

Anleihen aus Schwellenländern bieten einen Renditeaufschlag. Trotz der anhaltenden Belastungen aus der Pandemie sollte sich das konjunkturelle Umfeld bald aufhellen – was den Markt stützt. Eine umsichtige Auswahl ist für den Anlageerfolg aber notwendig. Ein Beitrag von Alina Eidt, Rentenfondsmanagerin bei Union Investment

Es sind beeindruckende Zahlen: Mehr als die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung stammt inzwischen aus Schwellenländern, fast zwei Drittel der Energie wird dort verbraucht, und fünf Sechstel der Erdbevölkerung leben dort. Erst der Blick über den Tellerrand rückt die Dinge in die richtige Perspektive – auch in der Finanzanlage. Die Bedeutung der Schwellenländer wird oft unterschätzt, weil vor allem Probleme, weniger aber damit verbundenen Chancen mediale Aufmerksamkeit finden.

Dabei ist das Schwellenländer-Universum weit verzweigt und sehr unterschiedlich.  Allein auf Negativschlagzeilen abzustellen würde dieser Anlageklasse nicht gerecht und bestehende große Unterschiede übertünchen. Die Corona-Pandemie trifft einzelne  Schwellenländer besonders hart, wie Brasilien oder zuletzt Indien, wo die Lage in den Gesundheitssystemen prekär ist. Aber es gibt auch asiatische Länder, die rasch rigorose Eindämmungsmaßnahmen umgesetzt haben und damit – wie  China – auch die wirtschaftlichen Folgen begrenzen konnten.

Geteilte Welt bei Impfstoffverfügbarkeit

Mehr als nur ein Wermutstropfen ist jedoch, dass die Verfügbarkeit von Corona-Impfstoffen in der Breite derzeit in Emerging Markets (EM) nicht so gegeben ist wie in den USA und Europa. Damit liegt die Herdenimmunität, also der Punkt, ab dem die Pandemie stark an Kraft verliert, aufgrund des langsameren Impftempos weiter in der Ferne als in den Industrieländern. Hinzu kommt der geringere finanzielle Spielraum vieler Staaten, etwa um durch staatliche Hilfen Wachstumsausfälle zu mindern. In Summe hat das Wachstumspotenzial der Schwellenländer den größeren Schaden durch die Pandemie erlitten als jenes der Industrieländer.

Doch gibt es ermutigende Zeichen. Durch die Erholung der Weltwirtschaft steigen viele Rohstoffpreise, wovon EM-Länder profitieren. Auch sind die aggregierten makroökonomischen Ungleichgewichte zwischen den Ländern weniger ausgeprägt als etwa im Jahr 2013. Damals hatte die Ankündigung des damaligen Chefs der US-Notenbank Federal Reserve, Ben Bernanke, die Geldpolitik wieder zu straffen, zu einer ausgeprägten Schwäche bei EM-Anlagen geführt. Dies ist diesmal nicht zu erwarten. Und internationale Gläubiger wie die Weltbank und der Internationale Währungsfonds haben in der Krise mit vielen Staaten den Dialog gesucht, damit die finanziellen Auswirkungen der Pandemie nicht in eine Schuldenkrise münden. In Summe stehen die Vorzeichen damit gut, dass eine weitere Erholung der Wirtschaft die EM-Anleihekurse stützen kann.

Schwellenländer-Anleihen sollten deshalb in einem diversifizierten Anlageportfolio ihren Platz haben. Auf währungsgesicherter Basis hat diese Anlageklasse in den vergangenen Jahren eine bessere Kursentwicklung erreicht als deutsche Staatsanleihen. Im Gegenzug sind höhere Risiken wie eine größere Schwankungsbreite der Kurse in Kauf zu nehmen, so dass sich eine mehrjährige Anlage empfiehlt. Mit einer geschätzten Gesamtrendite von fünf Prozent gehören Dollar-Anleihen aus Schwellenländern derzeit zu den chancenreichsten Anlagen in einer Welt rekordniedriger Zinsen.

Starke Investorennachfrage – trotz US-Zinsanstieg

Ihre grundsätzliche Attraktivität spiegelt sich auch in Zuflüssen von Investorengeldern, seit Jahresbeginn summieren sie sich auf über 30 Milliarden US-Dollar. EM-Unternehmensanleihen profitieren zusätzlich von der Nachfrage lokaler Investoren. Und: auf US-Dollar lautende EM-Staatsanleihen haben seit Jahresanfang den deutlichen Renditeanstieg bei den US-Staatsanleihen gut weggesteckt. Sie erlitten zwar Kursverluste (gemessen am JP Morgan EMBI Global Diversified Index), zugleich konnten sich aber auch die Risikoaufschläge für EM-Anleihen weiter einengen, und die Aktivität am Primärmarkt war hoch. 

Damit stehen die Chancen gut, dass auch ein von uns erwarteter weiterer moderater Renditeanstieg bei US-Staatsanleihen den EM-Markt nicht aus der Bahn werfen sollte und die Investorennachfrage in dem Segment hoch bleiben dürfte.  Die US-Notenbank dürfte trotz der kräftigen Konjunkturerholung in den Vereinigten Staaten nur sehr vorsichtig eine straffere Geldpolitik zulassen. Darüber hinaus sind viele Zentralbanken der Schwellenländer bereit, die Zinsen im Einklang mit der Fed-Politik anzuheben, um Kapitalabflüsse zu vermeiden. Dies stützt die Lokalwährungen, aber auch die Rentenmärkte.

Große Unterschiede in der Kursentwicklung

Wichtig ist dabei die Auswahl. Während Länder wie Argentinien oder Libanon eine extrem angespannte Finanzlage haben, verbesserte sich die Situation von Russland oder Indonesien beispielsweise in den vergangenen Jahren deutlich – entsprechend verschieden fiel die Kursentwicklung aus. Wir raten, Länder zu meiden, die schwache fiskalische und makroökonomische Fundamentaldaten aufweisen und bereits vor der Covid-19-Krise zu kämpfen hatten. Stattdessen bevorzugen wir Anleihen von Ländern und Unternehmen, die aktiv mit internationalen Institutionen und Investoren zusammenarbeiten und eine starke Bereitschaft zeigen, den Reformkurs wieder aufzunehmen sobald die Krise überwunden ist.

Davon sollten nicht nur Staats-, sondern auch Unternehmenspapiere profitieren. Viele Konzerne in den Schwellenländern haben recht solide Bilanzen und oft niedrigere Verschuldungsgrade als ihre Industrieländer-Wettbewerber. Die Ausfallraten sollten sich deshalb in Grenzen halten. Doch ist sorgfältiges Risikomanagement, aktive Auswahl und Diversifikation in dieser Anlageklasse entscheidend – was über einen Fonds einfacher abzubilden ist als über ein Portfolio aus Einzeltiteln.

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