„Sell in May…“ – ein guter Rat?

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Brian O’Reilly, Head of Market Strategy bei Mediolanum

Welcher Anleger kennt sie nicht, die alte Börsen-Weisheit „Sell in May and go away“? Sie ist ebenso verbreitet wie der „Januar-Effekt“ oder die „Nikolaus-Rallye“. Aber was ist tatsächlich dran an diesem Ratschlag? Lohnt es sich im Mai zu verkaufen, weil danach die Kurse fallen oder verpasst man nicht vielmehr einen weiteren Anstieg?

Börsensprüche wie „Sell in May and go away“ haben viele Jahrhunderte überdauert und zählen mittlerweile ähnlich wie Bauern-Regeln zur Investment-Folklore. Der Grund: Es hat sich oft ergeben, dass die Börsenkurse bis zum Herbst tatsächlich gefallen sind. Auf der anderen Seite ist es vermutlich keine so gute Idee, seine Investmentphilosophie auf einer sich reimenden Redewendung aufzubauen.

Sehr viel einfachere Zeiten

Um so erstaunlicher ist es für eine Industrie, die sich selbst dafür preist, in allen Belangen führend zu sein, derart anfällig für Volksweisheiten zu sein und damit die Unwägbarkeiten der Kapitalmärkte erklären zu wollen. Nichtsdestotrotz markiert Ende Mai oft den Start des Sommers, wenn in vielen Ländern die Menschen die Städte verlassen, um in Urlaub zu fahren und/oder Zeit mit der Familie zu verbringen. Der Job ruht dann, Händler schließen ihre Bücher, das Handelsvolumen an den Börsen fährt auf ein Minimum herunter und die Kurse dümpeln richtungslos vor sich hin.

Rasant in Richtung Zoom-Generation

So oder so ähnlich sah die Realität früher aus. Mittlerweile unterscheidet sie sich jedoch deutlich von diesem eher nostalgisch anmutenden Bild. Das Check-in in Hotels hat sich fortlaufend verändert, seit Bloomberg und CNBC die Wohnzimmer erobert haben, Melonen-Hüte sind nur noch ein witziges und begehrtes Party-Accessoire und die Financial Times wird auf der Zugfahrt ins Büro eher auf dem iPad als in gedruckter Form.

Als die globale Finanzkrise 2008 ausbrach, tauchte erstmals der Begriff „Blackberry Warrior“ (zu deutsch Blackberry Kämpfer) auf und bezeichnete jene Händler an den Stränden der Hamptons oder Jersey, die mit ihren kleinen Geräten ihre Aktienpositionen im Auge behalten wollten. (Nur für das Protokoll: Ich war an der Algarve als Lehman zusammenbrach.) Und als die Pandemie letztes Jahr ihren Lauf nahm, waren die Menschen sehr schnell in der Lage ihre Tätigkeit ins Homeoffice zu verlagern und Zoom sowie Bloomberg halfen dabei, von jedem Ort auf der Welt Wertpapiere zu handeln.

Lügen, verdammte Lügen und die Statistik

„Sell in May…“ ist typischerweise eine Strategie, mit der Investoren besser fahren sollten, indem sie einfach im Oktober den Markt kaufen und im Mai des Folgejahres wieder alles verkaufen. Aber schauen wir uns die Fakten an:

Der S&P 500 hat seit 1950 in der Tat zwischen Oktober und Ende April gut performt, nämlich im Schnitt 9 Prozent, während er zwischen Mai und Ende September nur um 1 Prozent erzielte. Aus diesem Blickwinkel passt die Börsenweisheit also. Auf der anderen Seite haben Anleger, die in den letzten 70 Jahren von Mai bis Ende September investiert waren, im Schnitt aber auch kein Geld verloren.

Die Grafik zeigt die durchschnittlichen Erträge pro Monat seit 1950. Deutlich wird, dass die Erträge abseits der Sommermonate in der Tat höher ausfallen, was die Theorie bestätigt. Und die Verteilung der Erträge untermauert auch die Aussagen zum „Januar-Effekt“ und zur „Nikolaus-Rallye“ in den Monaten November und Dezember.

Aber auch der Juli ist offensichtlich ein ertragreicher Monat, was wiederum die „Sell in May-Theorie“ widerlegt. Es kann sich also bitter rächen, wenn man in den Sommermonaten nicht investiert ist. Gerade das Jahr 2020 hat eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig es war, in den Monaten Juni bis August im Markt zu sein.

Sollte man diesen Mai verkaufen?

Aber wie ist die Situation aktuell? Seit der Ankündigung von Impfstoffen im November 2020 sind die Märkte phänomenal gelaufen. Ist es vielleicht doch die richtige Strategie jetzt zu verkaufen, weil eine Korrektur überfällig ist, wie nahezu alle fundamentalen und technischen Indikatoren signalisieren? Den Zeitpunkt für einen solchen Rücksetzer kann niemand genau vorhersagen, aber er rückt sicher näher, wenn die Notenbanken einmal mehr deutlich machen, dass sie darüber nachdenken, die Geldschleusen zu schließen.

Dabei stellt sich die Frage, wie dramatisch eine solche Korrektur ist und wie es anschließend  weitergehen wird. Zudem ist es heute sehr viel schwerer den Markt zu timen, da wir in einer Anlagewelt leben, die durch eine enorme Liquidität befeuert wird. Und es hängt sehr stark davon ab, ob man sich als Investor oder als Trader sieht. Nebenbei bemerkt glaube ich nicht, dass auch nur irgendwein „Reddit-Anleger“ jemals etwas von „Sell in May“ gehört hat oder falls doch, sich etwas daraus macht.

Durchhalten heißt die Devise

Gegenwärtig schwimmen die Bären gegen eine sehr starke Geldflut und eine äußerst starke wirtschaftliche Erholung, die zudem durch satte Unternehmensgewinne untermauert wird. Zugegeben, die Bewertungen sind zum Teil hochfliegend, aber das Impfgeschehen weltweit und die steigende Impfrate in Europa, lassen die Zukunft sehr viel rosiger als noch vor kurzem aussehen.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Strategie „Sell in May…“ Anlegern in der Vergangenheit keine höheren Erträge gebracht hat. Umgekehrt war auch der Versuch, den durch enorme Liquidität gefluteten Markt zu timen, eher zum Scheitern verursacht. Die Devise sollte also lauten, die Party an den Märkten mit zumachen, bis die Notenbanken sich irgendwann als party crasher outen.

Autor Brian O’Reilly ist Head of Market Strategy bei Mediolanum.

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