Warum das Zeitalter bahnbrechender Innovationen vorbei ist

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Hype um Innovationen? So sahe es 2014 vor einem Apple Store in Manhatten aus, als die Markteinführung des iPhone 6 anstand – nur ein Telefon, das nicht viel Revolutionäres mit sich brachte.

Vom iPhone über soziale Medien bis hin zu neuen Formen von Impfstoffen: Unsere Wissensgesellschaft strotzt nur so von Innovationen, lautet eine gängige Meinung. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppen sich alle Neuerungen als Spielarten von bereits Dagewesenem. Warum in Wahrheit ein Mangel an Innovationen herrscht – und was dies für unsere Volkswirtschaft bedeutet. Ein Kommentar von Dr. Georg von Wallwitz, Geschäftsführender Gesellschafter und Lead Portfolio Manager bei Eyb & Wallwitz

Als das erste iPhone im Jahr 2007 auf den Markt kam, bildeten sich lange Schlangen vor den Stores des kalifornischen Tech-Unternehmens Apple. Der Hype ging sogar so weit, dass einige der „Apple-Jünger“ vor den Geschäften übernachteten, um das iPhone als erstes zu ergattern. In der Tat war ein derartiges Smartphone mit Touchscreen damals etwas völlig Neues.

Dr. Georg von Wallwitz, Eyb & Wallwitz

Aber steckte hinter dem kleinen Taschencomputer tatsächlich eine bahnbrechende, revolutionäre Technologie? Mitnichten. Apple-Gründer Steve Jobs hat weder den Computer noch das Telefon erfunden. Das iPhone kombiniert lediglich zwei bereits existierende Erfindungen, die schon seit längerem im Markt vorhanden waren. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich viele vermeintliche Innovationen heute als Weiterentwicklung von Bestehendem.

Alle bahnbrechenden Innovationen liegen meist weit zurück

Wer also der Auffassung ist, wir leben in einem Zeitalter der bahnbrechenden Innovationen und des Fortschritts, der irrt: Die meisten revolutionär erscheinenden Erfindungen, die unser Leben entscheidend verändert und auf eine neue Stufe gehoben haben, sind bereits älteren Datums. Wir zehren heute nur noch von den alten Ideen, wir schaffen keine wirklich neuen mehr.

Das Telefon hat seine Ursprünge im ausgehenden 19. Jahrhundert, der Computer wurde in den 1940er-Jahren erfunden, die mathematischen Grundlagen dafür bereits in den 1920er-Jahren gelegt.

Künstliche Intelligenz ist mathematisch ein alter Hut. Die so gefeierten neuen Corona-Impfstoffe basieren auf den Forschungen aus den 1960er-Jahren.

Unsere Automobilindustrie verfügt über gewaltige Forschungsetats und doch kommen wir heute nicht schneller voran als vor 50 Jahren. Unsere Infrastruktur stammt weitestgehend aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Die Reise zu weit entfernten Planeten bleibt weiterhin nur ein Traum.

Nichts wirklich Neues bei den Erfindungen

Zwar kommen auch heute immer wieder neue Erfindungen hinzu, beispielsweise das Internet oder die Sozialen Medien, doch diese sind lediglich Verfeinerungen von bestehenden Technologien. Wirklich innovative Meilensteine waren die Dampfmaschine, die Eisenbahn, das Flugzeug, Radio, Fernsehen oder Auto. Sie alle stammen aber aus dem vergangenen Jahrhundert oder sind teilweise noch älter.

Doch warum ist das so? Warum wurden besonders in den 1920er- bis 1940er-Jahren auf so vielen Gebieten die Grundlagen für revolutionäre Erfindungen gelegt? Gerade in dieser Zeit von Krisen, Krieg, Diktatur und Entbehrungen? Nehmen wir beispielsweise Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie oder Heisenbergs Quantenmechanik: Die Physiker waren damals ganz auf Stift und Papier zurückgeworfen, da sie im Krieg und in den Jahren danach nicht die Mittel für teure Experimente hatten. Die Entbehrung hatte ihre Arbeit auf das Wesentliche reduziert, ihre Kreativität gefördert – so schufen sie letzten Endes die Grundlage für bahnbrechende Erfindungen. Krieg, der sprichwörtliche Vater aller Dinge, ist somit immer auch ein Treiber von Innovation.

Und die Folgen für uns?

Was bedeutet das für uns heute? Niemand kann sich ernsthaft eine Zeit von Krieg und Entbehrungen herbeiwünschen. Allerdings müssen wir uns damit abfinden, dass dieser Mangel an echten Innovationen unserer Gesellschaft auf lange Sicht ein Problem beschert: Denn Innovationen sind eine wichtige Triebfeder für die Produktivität einer Volkswirtschaft. Sie sorgen für Kaufschübe in der Gesellschaft und damit für einen Zuwachs an Produktivität. Entsprechend ist diese in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten nur im überschaubaren Rahmen gewachsen.

Anstelle bahnbrechender Technologien entwickeln Unternehmen in unserer globalisierten Welt heute oft nur Methoden, um Kosten zu sparen. Die daraus resultierende Innovationsschwäche wirkt als dauerhafte Bremse für Wachstum und Inflation. Auf diesen dauerhaft gedämpften Zustand müssen wir uns als Gesellschaft einstellen und lernen, damit umzugehen – oder endlich wieder bahnbrechende Physik betreiben.

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