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Negativzinsbeben in Deutschland und Europa

Das pan-europäische Zinsportal WeltSparen analysiert regelmäßig den Einfluss von der Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) auf Sparer in ganz Europa. Kein Ende in Sicht! Kurz vor Ende der Amtszeit von Mario Draghi verlängert er sein Erbe und somit die Negativzinsen in Form von Strafzinsen auf Bankeinlagen – voraussichtlich ab September. Ein Kommentar von Dr. Tamaz Georgadze, CEO von WeltSparen.  

Für 2020 erwartet die Notenbank eine Inflationsrate von 1,4 Prozent, 2021 dann 1,6 Prozent. Während der jährlichen Notenbankkonferenz in Sintra, Portugal, betonte Draghi: “In den kommenden Wochen wird der EZB-Rat überlegen, wie unsere Instrumente entsprechend der Schwere des Risikos für die Preisstabilität angepasst werden können.”

Für Banken und Sparer bedeutet dies, dass weiterhin Negativzinsen als geldpolitisches Instrument eingesetzt werden. Für BaFin-Chef Felix Hufeld schwächen höhere Strafzinsen deutsche Banken noch stärker und führen zu einem Bankensterben. “Ich vermute, der Druck muss noch steigen”, so Hufeld.

Wer trägt die Schuld?

Schließlich fehle es vielen Geldhäusern an Problembewusstsein und Reformbereitschaft. International sorgte die Ankündigung für Empörung – unter anderem sieht US-Präsident Donald Trump in der EZB-Politik eine Wettbewerbsverzerrung, wobei er die Nachteile des Stimulierungsprogramms für Banken und Verbraucher außer Acht lässt.

An den Märkten sorgten Draghis Worte für erkennbare Ausschläge – ein Negativzinsbeben. An den europäischen Kapitalmärkten sanken die Renditen deutlich. In Deutschland fiel die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen auf ein Rekordtief. Die Aktienmärkte reagierten positiv.

Konjunktur im Euroraum schwächt ab, Inflation in Großbritannien setzt Sparern zu

Der EZB-Zielwert bei der Inflation im Euroraum liegt bei knapp unter 2 Prozent. Die Inflation der Eurozone sank im Vergleich zum April um 0,5 Prozentpunkte auf 1,2 Prozent. Dementsprechend sind zusätzliche Zinssenkungen und Anleihekäufe seitens der EZB wieder wahrscheinlicher geworden, um die Konjunkturschwäche einzudämmen. Sowohl der Brexit sowie der anhaltende US-Handelskonflikt und der schwellende Konflikt zwischen den USA und dem Iran schwächen zusätzlich die europäische Wirtschaftskraft.

In Großbritannien sinkt die Inflation auf 2,1 Prozent – und ist damit heute bereits höher als in Kontinentaleuropa. Da die aktuelle Verzinsung im Privatkundenbereich bereits signifikant unter dem Inflationswert liegt und britische Banken Guthaben im Durchschnitt nur mit rund einem Drittel des Leitzins der britischen Zentralbank verzinsen, sind Sparer in Großbritannien von dieser Entwicklung besonders hart betroffen.

Rezession: schon da?

Der Geschäftsklimaindex (BCI) in der Eurozone fällt auf ein 4,5 Jahrestief. Lag er im Mai 2018 noch bei 1,44 Punkten erreichte zwölf Monate später im Mai 2019 lediglich 0,3 Punkte – ein Abfall um fast 80 Prozent. Der aktuelle deutsche ifo-Geschäftsklimaindex erreicht mit 97,4 Punkten und somit 0,5 Punkten weniger als im Vormonat Mai 2019 seinen tiefsten Stand seit 2014.

Gemäß dem Ifo-Institut werde sich das Wirtschaftswachstum für Deutschland halbieren. Es erwarte lediglich einen Anstieg um 0,6 Prozent für 2019 gegenüber 1,4 Prozent 2018, was laut ifo vor allem an der Rezession des stark exportorientierten verarbeitenden Gewerbes liege. Dagegen steigt der Einkaufsmanager-Index (PMI) des verarbeitenden Gewerbes in der Eurozone um 0,1 Punkte auf 47,8 Punkte im Juni 2019 leicht an.

Tritt Lagarde in Draghis Fußstapfen oder endet bald die Ära der Negativzinsen?

Am 11. Juni 2014, führte die EZB erstmalig und zur Überraschung aller Negativzinsen ein und stärkte so die Exportkraft der Eurozone. Fünf Jahre später wird eine Wende der Strafzinsen herbeigesehnt. Passend dazu endet am 31. Oktober 2019 – gleichzeitig letzte Frist für den Brexit – die Amtszeit und Ära von Mario Draghi als Präsident der Europäischen Zentralbank.

Den Spekulationen um eine Nachfolge mit der Nominierung von IWF-Chefin Christine Lagarde wurde ein Ende gesetzt. Die aktuelle Fortsetzung der Negativzinspolitik sowie der Schuldenstreit zwischen Italien und der EU heizen kurz vor der Sommerpause die Gemüter an.

Ein Jahr Minuszinsen für Sparer in Europa: Achterbahn, Schlitterpartie oder Stillstand?

Trotz aller Aufs und Abs zeichen die aktuellsten EZB-Daten für viele EU-Länder lediglich eine leichte Veränderung von 0 bis 5 Basispunkten zum Vorjahr. Unter den Niedrigzinsen leiden besonders Deutschland, Luxemburg, Irland, Italien, Spanien, Portugal, Griechenland, Slowenien und Litauen. Hier fanden zumindest im letzten halben Jahr keine signifikanten Zinsbewegungen statt.

Eine Ausnahme bilden Österreich und Litauen: Beide verzeichnen einen Sinkflug der Retail-Zinsen. Außerhalb der Eurozone blieben die Zinsen in Polen relativ konstant flach und in Schweden zeichnet sich kürzlich ein Aufwärtstrend ab, jedoch auf dem Niveau vor einem Jahr.

 

Seite 2: Verluste in einzelnen Märkten [1]

Derweil verzeichnet das Zinsniveau in den Niederlanden, Belgien, Finnland, Lettland, Malta und Zypern bedeutende Verluste zwischen -7 und -70 Basispunkten im Jahresvergleich. Trotzdem zeigen die Zinsen in Lettland, Malta und Belgien einen stetigen Aufwärtstrend, genauso wie Kroatien außerhalb der Eurozone.

Dagegen setzen die Zinsen in Frankreich ihre Holperfahrt – immerhin aktuell steigend – fort und landen im Jahresvergleich bei einem Plus von 26 Basispunkten. Ähnlich sieht es trotz derzeitigem Sinken in der Slowakei aus – hier zeichnet sich ein ein Plus von 45 Basispunkten gegenüber dem Vorjahr ab. In Estland herrschte für Monate regelrechter Zinsstillstand, doch der kürzliche Anstieg führt im Vergleich vor zwölf Monaten zu einem Plus von 22 Basispunkten.

Verluste in einzelnen Märkten, Abnahme der Top-Zinsen lässt Zinsschere in Deutschland offen

Obwohl derzeit keine großen Zinsbewegungen außerhalb der Eurozone stattfanden, stiegen in Großbritannien die Zinsen im Schnitt um 27 Basispunkte, in der Tschechischen Republik sogar um 87 Basispunkte und in Rumänien um 61 Basispunkte.

Im Vergleich zum letzten halben Jahr sind die aktuellen Raten für 1- und 3-jährige Einlagen der einzelnen Märkte des Europäischen Wirtschaftsraums relativ stabil geblieben. Eine Aufwärtsentwicklung mit fortlaufender Steigerung ist ausschließlich in Norwegen, Portugal und Rumänien zu erkennen. Die Entwicklung in Skandinavien verlangsamt sich und deutet einen Rückgang an. Deutschland und Italien haben ihre kleineren Zugewinne der 1-jährigen Einlagenzinsen verloren.

Währenddessen reduziert sich das Zinsgefälle zwischen den drei besten Zinsangeboten und denen der drei größten Banken in Deutschland, bedingt durch den Rückgang der Zinsen auf Top-Angebote. Die deutsche Zinsschere bleibt weiterhin geöffnet. Dagegen leidet Irland weiterhin am unteren Ende des Spektrums unter den niedrigen Zinsen.

Zinssprung Europas großer Volkswirtschaften aus ganzjähriger Perspektive

Laut der jüngsten EZB-Daten ist ein Anstieg der Geschäftskundenzinsen bei den großen Volkswirtschaften Europas im Vergleich zum Vorjahr zu erkennen. Litauen, Deutschland, Belgien, Estland und die Niederlande haben alle einen regelrechten Zinssprung mit 12 bis 28 Basispunkten erfahren.

Dabei haben sich die Niederlande kürzlich auf eine Art Achterbahnfahrt bergab begeben und Estland gleitet weiter nach unten. Die Geschäftskundenzinsen in Italien und Frankreich sowie Österreich – hier der Vormonatsanstieg fortgesetzt – kletterten zwischen 2 und 5 Basispunkten nach oben.

Wie vor einem Jahr, belegen die kleineren Volkswirtschaften Portugal, Slowakei, Slowenien, Irland und Lettland die gleichen Plätze. Dabei haben Lettland, Portugal und Irland die jüngsten Zuwächse verloren.

Die Länder Griechenland, Malta und Finnland verzeichneten einen stetigen Rückgang der Unternehmenszinsen, während sie auch in Spanien, Zypern und Luxemburg stockend rückläufiger wurden. Alle diese Länder liegen unter dem Vergleichswert vom Vorjahr. In Griechenland, Zypern und Malta ist der Rückgang von -15 auf -45 Basispunkte am stärksten ausgeprägt. Trotzdem führt Griechenland mit 0,79 Prozent als Land mit dem höchsten Geschäftskundenzinssatz innnerhalb der EU.

 

Foto: WeltSparen