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EZB: Auf der Suche nach Gleichgewicht

In den letzten Wochen hat die EZB Erwartungen einer bevorstehenden geldpolitischen Lockerung bestärkt. Zwar erklärte die Notenbank lediglich, Maßnahmen ergreifen zu wollen, wenn sich die konjunkturelle Lage nicht bessern sollte. Die Märkte interpretierten dies jedoch als klares Bekenntnis der EZB zu einer bevorstehenden Lockerung. Ein Kommentar von Dr. Klaus Bauknecht. Chefvolkswirt der IKB AG. 

Bundrenditen fielen deutlich, und auch das kurze Ende der Zinskurve reagierte in der festen Erwartung einer kurzfristig bevorstehenden Zinssenkung. Jüngste PMI- Zahlen aus der Euro-Zone scheinen diese Entwicklung zu bestätigen – die Konjunktur hat eher nachgelassen, auch wenn es weiterhin keine Anzeichen eines deutlichen Einbruchs gibt.

Erwartungen vor der EZB Sitzung waren breit gestreut

Insgesamt waren die Erwartungen der Analysten im Vorfeld der heutigen EZB-Sitzung relativ breit gestreut. Einige rechneten mit einer Anpassung des Statements zum Zinsausblick.

Andere erwarteten konkrete Maßnahmen, etwa eine Senkung des Einlagenzinssatz, gekoppelt mit einer Staffelung der Zinsen. Ein Wiederauflegen des Aufkaufprogramms mit ausgeweiteten Parametern wurden ebenfalls als Möglichkeit in Erwägung gezogen.

Insbesondere in einem Punkt war man sich und mit den Finanzmärkten einig: Etwas wird die EZB ankündigen.

Mit ihrer Kommunikation hat die EZB bereits eine geldpolitische Lockerung in den letzten Wochen erreicht

Risikofreie Renditen haben reagiert, und der Euro-Dollar-Devisenkurs hat sich trotz erwarteter Fed-Zinssenkung nicht nennenswert bewegt. Die Geldpolitik in der Euro-Zone stellt sich angesichts des Zinsniveaus und des Euro-Dollar-Kurses so expansiv wie nie zuvor dar.

Selbst der IWF kam um die Einschätzung nicht herum, dass der aktuelle Devisenkurs der Euro-Zone unterbewertet ist. Die EZB scheint somit alles richtig gemacht zu haben, um eine geldpolitische Lockerung zu erreichen. Gleichzeitig sind die Erwartungen an sie jedoch äußerst hoch, bzw. das Korrektur- und Enttäuschungspotenzial der Märkte ist nicht unbedeutend.

Um eine geldpolitische Straffung zu verhindern, musste die EZB in der heutigen Sitzung sicherstellen, dass sie den hohen Erwartungen grundsätzlich nachkommt – dies ist angesichts der übertriebenen Erwartungen bzw. Überreaktionen der Märkte kein einfaches Unterfangen.

Enttäuscht die EZB die Märkte trotz ihrer grundsätzlich äußerst expansiven Ausrichtung, wirken eine steilere Zinskurve und ein aufwertender Euro-Devisenkurs wie eine straffere Geldpolitik. Übertrifft sie die Erwartungen, schürt sie im Falle einer weiteren konjunkturellen Eintrübung überzogene und nicht haltbare Erwartungen.

Frühindikatoren rechtfertigen keine Rettungsaktion

Da es die Geldpolitik sein sollte, die die Märkte beeinflusst und nicht anders herum, war in der heutigen Sitzung mit einer gewissen Ernüchterung der Märkte zu rechnen. Die Fundamentaldaten deuten zwar weiterhin auf die Notwendigkeit einer äußerst unterstützenden Geldpolitik hin – vor allem weil jüngste Frühindikatoren immer noch keine Konjunkturstabilisierung signalisieren.

Die Frühindikatoren haben sich aber in den letzten Monaten auch nicht dermaßen verschlechtert, dass eine großangelegte Rettungsaktion der europäischen Konjunktur und Schuldentragfähigkeit kurzfristig notwendig geworden wäre.

Auch hat die EZB erst im Juni neue Wachstums- und Inflationsprognosen veröffentlicht, die angesichts der aktuellen Daten keine grundsätzliche Änderung erfordern. Trotzdem wurden die aus volkswirtschaftlicher Sicht überzogenen Erwartungen der Märkte zumindest von den Aus- und Zusagen der EZB nicht enttäuscht.
Zinsniveau: Es gibt beim Zinsniveau keine Veränderung – der Einlagenzins bleibt bei -0,4 % und der Leitzins bei 0 %.

 

Seite 2: Ziel: Zinskurve drücken [1]

Die EZB signalisierte, die Zinsen möglicherweise zu senken. So wurde die vorherige Aussage, dass die Zinsen noch bis mindestens Mitte 2020 auf dem aktuellen Niveau bleiben, erweitert um „auf dem aktuellen oder einem niedrigeren Niveau bis mindestens Mitte 2020“.

Anpassung weiterhin für den September erwartet

Verbessert sich die Konjunktur in den kommenden Monaten nicht deutlich, ist deshalb von einer Zinssenkung auszugehen. Die EZB hat in ihrer Pressemitteilung zudem explizit die Möglichkeit eines Tiering im Einlagenzins sowie ein neues Asset Purchase Programm erwähnt.

Zwar war bereits bekannt, dass die EZB dabei ist, solche Maßnahmen zu prüfen. Die explizite Erwähnung in der Pressemitteilung festigt allerdings die Erwartung, dass diese zum Einsatz kommen könnten, sollte sich die Konjunktur nicht erholen.

So bestätigt die EZB die Erwartungen „ihre Instrumente gegebenenfalls anzupassen“ – voraussichtlich im September bei der nächsten Sitzung, wenn neue Konjunktur- und Inflationsprognosen angekündigt werden. Auch gibt die EZB ihren vorherigen Aussagen etwas Nachdruck – nicht zuletzt um das Enttäuschungspotenzial auf den Märkten einzufangen.

Ziel: Zinskurve drücken

Gleiches gilt für die Aussage, dass die EZB ein symmetrisches Inflationsziel verfolgt: Nach Jahren der Niedrigzinsphasen sind durchaus höhere Inflationsraten konsistent mit dem Inflationsziel, und die EZB muss dann nicht aufgrund eines Anstiegs der Inflationsrate sofort an der Zinsschraube drehen.

Diese Aussage sowie die mögliche Einführung einer Staffelung des Einlagenzinses sollen das zukünftig erwartete Zinsniveau senken und damit die Zinskurve drücken bzw. verflachen.

Die Tatsache, dass die Inflationsprognosen der EZB unter ihrem Ziel liegen, lässt darauf schließen, dass die EZB ihre geldpolitische Ausrichtung in den kommenden Monaten weiter lockern wird.

Die EZB hat sich mächtig ins Zeug gelegt

Zinsstaffelung und weitere -senkungen, ein erneutes Aufkaufprogramm sowie die Betonung eines symmetrischen Inflationsziels – alles Maßnahmen, die im Raum stehen – nur nicht aktuell.

Konjunktur und Inflation in der Euro-Zone lassen jedoch wenig Raum für Zweifel: Die EZB wird ihre Geldpolitik weiter lockern – voraussichtlich mit den neuen Makroprognosen im September. Draghi bestätigt somit die Erwartungen weiterer Zinssenkungen – heute eher mit Worten als mit Taten.

 

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