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Die sonderbare Billionen-Schmelze der Deutschen Bank

Deutschlands größtes Geldhaus hat letzten Mittwoch in der Frankfurter Innenstadt zwei Billionen schmelzen lassen.

Der Löwer-Kommentar

“Anscheinend zählt auch die Deutsche Bank zu jenen Instituten, die Sachwertanlagen in geschlossenen AIF bislang im Wesentlichen ignorieren und ihren Kunden vorenthalten”.

Genauer gesagt: Es waren 2.016.000.000.000. Diese 13 Ziffern hatte die Deutsche Bank aus Eis formen und zum Roßmarkt schaffen lassen, um sie öffentlichkeitswirksam der Sommersonne auszusetzen. Zwei Meter hoch, insgesamt gut zehn Meter lang und 7,5 Tonnen schwer war die Skulptur, wie das Institut das Zahlen-Monstrum vornehm nannte, zu Beginn.

2,016 Billionen Euro: Diese gewaltige Summe haben die Deutschen insgesamt auf Sparbüchern, Giro-, Tages- und Festgeldkonten gehortet, hat die Bank auf Basis der Bundesbank-Zahlen errechnet. Dort erhalten die Kunden schon seit geraumer Zeit keine oder allenfalls Minizinsen.

Die Botschaft war also klar und ist im Kern auch korrekt: Eine riesige Summe liegt ungenutzt auf den Konten der Nation [1] und verliert durch die Inflation sukzessive an Wert.

Billionen-Schmelze als Promotion

Wie lässt sich die Aktion bezeichnen? Schräge? Originell? Eigenwillig? “Sonderbar” trifft es vielleicht am besten – schon deshalb, weil ein solches Spektakel so gar nicht zu Deutschlands größtem Bankhaus passen will. Üblich ist derlei sonst eher für Umwelt-„Aktivisten“ oder andere Gruppierungen, die mit plakativen Aktionen Öffentlichkeit und Politik aufrütteln und auf Missstände aufmerksam machen wollen.

Die Billionen-Schmelze jedoch war keine Demonstration, sondern eine Promotion-Aktion für die Produkte des Geschäftsbereichs Deutsche Asset & Wealth Management (DeAWM). Das ist legitim, aber doch reichlich durchsichtig. So hielt sich das Interesse der Passanten an dem Eis-Koloss nach einem Bericht des “Handelsblatts”, das offenbar vor Ort war, wohl in Grenzen.

Hinzu kommt: Der Zeitpunkt der Aktion war alles andere als günstig. Im Mittelpunkt sollten Aktienanlagen stehen, doch zwei Tage zuvor – an dem fast schon wieder vergessenen “Schwarzen Montag” [2] letzter Woche – waren die Börsen weltweit zusammengebrochen.

Aktien-Billionen verdampft

Sicherlich: Das Timing ist dem Institut nicht vorzuwerfen, sondern gehört in die Abteilung „dumm gekommen“. Schließlich lässt sich eine solche Veranstaltung nicht von heute auf morgen planen. Doch der Börsen-Crash belegt ein grundsätzliches Risiko von Aktienanlagen.

Allein am letzten Montag haben sich weltweit drei Billionen US-Dollar in Luft aufgelöst, hat irgendjemand ausgerechnet. Ob die Zahl stimmt, spielt keine große Rolle. Jedenfalls ist eine gewaltige Summe nicht etwa über Jahre dahingeschmolzen, sondern innerhalb weniger Stunden verdampft. Solche unkalkulierbaren Crashs sind es, die vielen Anlegern Angst machen. Da nehmen sich die Eis-Billionen geradezu noch solide aus.

Natürlich war auch den Deutsch-Bankern klar, dass der vergangene Mittwoch nicht unbedingt der ideale Tag war, um Aktienanlagen zu promoten. Doch sie zogen die Aktion durch und versuchten, das Beste daraus zu machen. Schließlich war sie aufwändig vorbereitet worden und unter anderem durch eigens eingerichtete Websites mit „Kaufkraft-Rechner“, Webcam zum „Live-Event“ sowie entsprechenden Produktangeboten flankiert.

Seite 2: “Aktienfonds trotz Rücksetzer unverändert attraktiv” [3]

So hieß es in der Presse-Information, „breit gestreute Substanzanlagen mit langfristigem Anlagehorizont wie Aktien-, Immobilien- oder Mischfonds“ seien, „eine trotz des jüngsten Rücksetzers unverändert attraktive Alternative“. Als Argument musste dabei in erster Linie das Ergebnis für Anleger herhalten, die 30 Jahre lang monatlich in einen deutschen Aktienfonds eingezahlt haben.

Keine Frage: Stures Ansparen kann gerade in volatilen Märkten Sinn machen, auch weil man auf längere Sicht unter dem Durchschnittskurs einkauft (bei niedrigen Kursen werden mit der gleichen Investitionssumme mehr Anteile erworben als bei hohem Kursniveau).

Allerdings passt das nicht wirklich zu dem Bild der Billionen-Schmelze. Zum einen helfen solche langfristigen Sparpläne nur sehr bedingt dabei, den aktuellen Liquiditätsberg auf den Konten schnell abzubauen. Zum anderen bezog sich die zitierte Berechnung, wonach in keinem Quartal zwischen Dezember 1995 und Juni 2015 über die jeweils vorangegangenen 30 Jahre ein Verlust angefallen wäre, offenkundig auf Nominalwerte und ließ damit die Tauglichkeit gegen die angeprangerte schleichende Geldentwertung offen.

Zinspapiere als „Substanzwerte“?

In der Tat noch weitaus riskanter ist es jedoch, einen größeren Betrag auf einen Schlag in Aktien zu investieren. Sollte das Geld also vielleicht doch zunächst lieber auf den Konten weiter vor sich hin tröpfeln als womöglich an der Börse zu verdampfen?

Selbst der Chefanlagestratege der DeAWM, Asoka Wöhrmann, wollte sich da wohl nicht zu weit aus dem Fenster lehnen: „Momentan kann ich es keinem verübeln, Liquidität zu halten. Auf lange Sicht sollten die Deutschen jedoch einen sehr viel größeren Teil ihres Ersparten in Substanzwerten anlegen“, wird er in der Presse-Information zitiert.

Ob Aktien und vor allem die in den Mischfonds enthaltenen Zinspapiere tatsächlich als „Substanzwerte“ zu bezeichnen sind, sei dahingestellt. Jedenfalls scheint auch die Deutsche Bank Schwierigkeiten zu haben, Ihren Kunden derzeit sinnvolle Einmalanlagen nahe zu bringen.

Keine AIF-Sachwertanlagen im Angebot

Das könnte auch daran liegen, dass ihren Vorschlägen für Maßnahmen gegen die Geldschmelze mit Ausnahme des hauseigenen offenen Immobilienfonds eines komplett fehlt: Echte Sachwertanlagen.

Anscheinend zählt auch die Deutsche Bank zu jenen Instituten, die geschlossene alternative Investmentfonds (AIF) bislang im Wesentlichen ignorieren und ihren Kunden vorenthalten, zumindest den herkömmlichen Privatkunden. Doch es bleibt dabei: Die voll regulierten AIF gehören einfach zu einem vollständigen Produktangebot. [4]

Insofern kann das Spektakel auf dem Roßmarkt für die Sachwert-Branche durchaus auch positiv zu sehen sein. Wenn die Aktion tatsächlich Kunden dazu animiert hat, die Anlage ihres Kapitals zu überdenken, kann der AIF-Vertrieb mit echten Sachwerten in die Bresche springen.

Die agilen unter den Finanzdienstleistern werden sich dabei wohl vor einer Filiale der Deutschen Bank postieren. Die richtigen Argumente jedenfalls hat die Bank schon geliefert.

Stefan Löwer ist Chefanalyst von G.U.B. Analyse und beobachtet den Markt der Sachwertanlagen als Cash.-Redakteur und G.U.B.-Analyst insgesamt schon seit mehr als 20 Jahren.

Foto: Anna Mutter