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Zwei Jahre KAGB: Nach der Pflicht kommt nun die Kür

Am 22. Juli 2013 trat das Kapitalanlagegesetzbuch (KAGB) in Kraft. Teil 2 der Geschichte: Wie es nun weiter geht.

Der Löwer-Kommentar

“Die Bafin spielt bei der Qualität der Konzepte und der Prospekte keine große Rolle, jedenfalls keine positive. In der Branche scheint sich mehr und mehr die Erkenntnis durchzusetzen, dass sie diese Punkte wieder selbst in Hand nehmen muss und sie hat begonnen, Lösungen zu entwickeln.”

Vor zwei Jahren hat das KAGB den Markt der Sachwertanlagen fast komplett zum Erliegen gebracht. Erst seit Herbst 2014 hat sich die Branche etwas belebt, doch auch seitdem erholt sie sich nur zögerlich.

Die bislang zugelassenen alternativen Investmentfonds (AIF) sind zudem kaum besser als ihre unregulierten Vorgänger, die Prospektqualität ist vielfach sogar deutlich schlechter und trotz der gewaltigen Bürokratie ist eine echte Kontrolle seitens der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) nicht ersichtlich.

Das war der ziemlich düstere Teil 1 der Geschichte [1]. Die Zukunft jedoch sieht deutlich heller aus, denn die Branche scheint sich endlich wieder auf ihre Stärken zu besinnen.

Vermehrt positive Nachrichten

Aktuell mehren sich die positiven Nachrichten. Das betrifft nicht nur die hohe Zahl von rund 60 vormaligen Initiatoren, die mittlerweile mit einer eigenen oder einer Service-Kapitalverwaltungsgesellschaft (KVG) den Schritt in die regulierte Welt vollzogen haben, darunter fast alle Häuser mit Marktbedeutung.

Auch die Zahl der neuen Fonds hat nach der erneuten Flaute von Februar bis Mai 2015 ab Juni wieder spürbar zugenommen, nach und nach scheinen die Unternehmen nun endlich die Vertriebserlaubnisse für ihre lange angekündigten Fonds zu erhalten.

Bei den Prospekten zeichnet sich ebenfalls eine Entwicklung in die richtige Richtung ab. Jedenfalls haben unlängst zwei KVGen gegenüber G.U.B. Analyse angekündigt, in die Prospekte ihrer nächsten Fonds anders als bei der AIF-Premiere wieder Prognoserechnungen aufzunehmen und sich auch ansonsten nicht wieder nur an den gesetzlichen Mindestangaben zu orientieren.

Seite zwei: Branchenverband BSI gefordert [2]

Nach der Pflicht der Bafin-Anforderungen scheint nun wieder mehr Raum auch für die Kür zu sein. Doch nicht nur das. Mit einer Prospektqualität auf dem gewohnten Niveau – dem Wirtschaftsprüferstandard IDW S4 – reduzieren die Anbieter auch das ansonsten gewaltige Risiko in Hinblick auf die zivilrechtliche Prospekthaftung des Vertriebs.

Die Vertriebe müssen nun Druck machen und auch die noch zögerlichen KVGen von einheitlich hohen Prospektstandards überzeugen. Sie müssen dann auch nicht länger Sachwertanlagen verkaufen, ohne den Sachwert und seine konkreten Erfolgsaussichten zeigen zu können.

Hier ist auch der Branchenverband BSI gefordert. Er muss sich von der Vorstellung verabschieden, dass die AIF-Prospekte genauso aussehen sollen wie die blutleeren Enthaftungsdokumente der restlichen weißen Welt  – und davon, dass höhere Standards für die AIF-Branche ein Wettbewerbsnachteil seien.

Neuer IDW-Standard muss her

Denn mit einer höheren und einheitlichen Informationstiefe der Prospekte kann die Branche nicht nur ihre Sachwerte besser darstellen.

Sie kann sich damit auch positiv abheben und signalisieren: WIR sind in dieser Branche die Spezialisten und setzen selbstverständlich weiterhin die Standards. Wer da mithalten will, muss sich unseren Maßstäben anpassen und nicht umgekehrt. Dieses Selbstvertrauen scheint nun allmählich zurückzukehren, wenn auch noch nicht bei allen KVGen.

Dazu muss sich der BSI endlich auch mit dem Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) an einen Tisch setzen und über eine praktikable, aber auch anspruchsvolle Neufassung des IDW S4 verständigen, zu der nun schon seit über eineinhalb Jahren unverändert ein – in der Tat noch nicht ausgereifter – Entwurf auf der IDW-Website sein Dasein fristet.

Manche Prospekte besser als früher

Das ist keinesfalls ein aussichtsloses Unterfangen. Wie sich KAGB und IDW S4 gut vereinbaren lassen, belegen zum Beispiel die Prospekte von Hahn, PCE oder HEH. Sie sind sogar besser als früher, weil sie einen Großteil des überflüssigen Ballasts des alten Vermögensanlagengesetzes und der -verordnung über Bord werfen konnten.

Seite drei: Talsohle spürbar durchschritten [3] Bleiben noch die unsäglichen „bis zu“-Kostenklauseln, mit denen sich die KVGen nach Gusto bedienen können und die auch Analysten vor Herausforderungen stellen: Glauben wir an das Gute im Initiator und vertrauen seinen Beteuerungen, dass er sich nur angemessene Vergütungen überweisen wird? Oder bewerten wir nur die vertraglichen Maximalsätze?

Letzteres hätte zum Teil ziemlich verheerende G.U.B.-Urteile zur Folge. Bisher hat sich das Analysehaus diesbezüglich für einen Mittelweg entschieden, aber das kann sich ändern.

Eine recht gute und einfache Lösung hat sich hier Dr. Peters ausgedacht: Auch in diesem Fall enthalten die Anlagebedingungen zwar eine exorbitant hohe „bis zu“-Regelung als Prozentsatz des Nettoinventarwerts. In dem betreffenden Dienstleistungsvertrag ist die Vergütung jedoch auf eine angemessene absolute Summe begrenzt. Diese Konstruktion hat bislang wenig Nachahmer gefunden. Doch auch dabei muss es ja nicht bleiben.

Talsohle spürbar durchschritten

Festzuhalten bleibt: Zwei Jahre nach Einführung des KAGB hat die Branche ihre Krise noch längst nicht überwunden. Doch die Talsohle ist spürbar durchschritten, fast alle vormaligen Initiatoren mit Marktbedeutung haben den Schritt in die regulierte Welt vollzogen und die Anzahl – aber auch die Vielfalt – an neuen Fonds nimmt seit Anfang Juni wieder kontinuierlich zu.

Die wesentlichen Knackpunkte im Umgang mit der Bafin sind mittlerweile geklärt. Zweit- und drittklassige Anbieter wurden überwiegend ausgesiebt und vor allem die Einbindung von Verwahrstellen sowie externen Bewertern kann das Vertrauen der Anleger wieder herstellen.

Ansonsten spielt die Bafin bei der Qualität der Konzepte und der Prospekte keine große Rolle, jedenfalls keine positive. In der Branche scheint sich mehr und mehr die Erkenntnis durchzusetzen, dass sie diese Punkte wieder selbst in Hand nehmen muss und sie hat begonnen, Lösungen zu entwickeln.

Wenn dann noch Vertriebe und KVGen an einem Strang ziehen, wird auch das Platzierungsvolumen wieder kräftig zulegen. Und vielleicht sieht das Fazit nach drei, vier oder fünf Jahren KAGB dann ganz anders aus als heute: Die Regulierung war ein Segen für Anbieter, Vertriebe und Anleger.

Stefan Löwer ist Chefanalyst von G.U.B. Analyse [4] und beobachtet den Markt der Sachwertanlagen als Cash.-Redakteur und G.U.B.-Analyst insgesamt schon seit mehr als 20 Jahren. G.U.B. Analyse gehört wie Cash. zu der Cash.Medien AG.

Foto: Anna Mutter