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7. Cash. Branchengipfel: Digitalisierung und Fungibilität

Zwei Begriffe zogen sich durch die Diskussionen auf dem 7. Cash. Branchengipfel Sachwertanlagen in der vergangenen Woche. Beide hängen zusammen. Der Löwer-Kommentar

Teilnehmer des 7. Cash. Branchengipfels (von links): Thomas F. Roth (Immac), Marcus Kraft (BVT), Thomas Böcher (Paribus), Dr. Ferdinand Unzicker (Kanzlei Lutz Abel), Anselm Gehling (Dr. Peters), Andreas Heibrock (Patrizia Grundinvest), Prof. Dr. Max Otte (IFVE Institut für Vermögensentwicklung), Martina Hertwig (Baker Tilly), Christian Hammer (NFS Netfonds), Johannes Palla (Habona). Erst später dazugestoßen ist Muhamad Chahrour (Fintech Group).

Sechs Geschäftsführer/Vorstände von Kapitalverwaltungsgesellschaften (KVGen), eine Wirtschaftsprüferin sowie als Referenten der Impulsvorträge ein bekannter Wirtschafts-Professor, ein Rechtsanwalt, ein Vertriebs-Chef und der Vorstand eines börsennotierten Fintechs trafen sich am vergangenen Donnerstag zum 7. Cash. Branchengipfel im Lindner Hotel am Michel in Hamburg.

Sechs Stunden lang diskutierte die exklusive Runde unter der Leitung von Cash.-Chefredakteur Frank Milewski und meiner Wenigkeit über die Gegenwart und Zukunft der Sachwertbranche. Märkte und Produkte, Regulierung, Vertrieb: Das waren die drei Themenblöcke.

Insbesondere zwei Begriffe zogen sich durch den Tag: Digitalisierung und Fungibilität. Dass letzteres Thema recht viel Raum einnahm, war etwas überraschend. Doch offenbar ist die meistens lange Laufzeit geschlossener alternativer Investmentfonds (AIF) in Verbindung mit der eingeschränkten Handelbarkeit weiterhin ein Hemmschuh im Vertrieb.

Fungibilität weiterhin bedeutend

Zuletzt sah es zwar eher so aus, als sei mehr die Produktknappheit wegen der schwierigen Assetbeschaffung und nicht mehr in erster Linie der Vertrieb der vorhandenen Produkte [1] der wesentliche Grund dafür, dass die Branche nicht wirklich durchstartet. Aber offenbar spielt auch die eingeschränkte Fungibilität der Fondsanteile weiterhin eine nicht unbedeutende Rolle.

Viele Anleger scheuen in Hinblick auf ihre persönliche Lebensplanung, aber auch wegen des weiterhin unsicheren Umfelds wohl eine so lange Kapitalbindung ohne eine verlässliche Möglichkeit, auf Veränderungen reagieren zu können. So wurde auf dem Branchengipfel auch über andere Rechtsformen für Sachwertkonzepte als die übliche geschlossene Investment-KG diskutiert, zum Beispiel Wertpapierkonzepte oder auch die Investment-AG.

Doch die Rechtsform allein stellt noch keine bessere Handelbarkeit her. Vielmehr muss auch entsprechende Liquidität, also Nachfrage, in den Zweitmarkt. Zudem resultiert die sperrige Übertragung von AIF-Anteilen nicht in erster Linie aus der Rechtsform der Investment-KG, sondern aus der vielfach noch antiquierten Abwicklung der Beteiligungen sowie überflüssigen vertraglichen Regelungen wie etwa Zustimmungsvorbehalten des Komplementärs oder starren Übertragungsterminen.

Seite 2: Zusammenhang mit Digitalisierung [2]

Hier besteht ein enger Zusammenhang mit dem zweiten beherrschenden Stichwort des Tages, das weniger überraschend war: Digitalisierung. Insbesondere aus dem Vortrag von Muhamad Chahrour, Vorstand der Fintech Group aus Frankfurt, und der anschließenden Diskussion wurde erneut deutlich, dass die Sachwertbranche anderen Bereichen der Finanzindustrie meilenweit hinterherhinkt.

Dabei geht es nicht nur um die elektronische Zeichnung, die mittlerweile von einer Reihe von KVGen immerhin ermöglicht wird. Vielmehr kann die Zukunft nur in einer „Medienbruch freien“ Verwaltung der gesamten Beteiligung liegen, also dem digitalen Versand sämtlicher Unterlagen, elektronischen Postfächern oder auch online-basierten Gesellschafterversammlungen und -beschlüssen. Dazu gehört auch, dass die Verwaltung innerhalb der KVG ausschließlich digital erfolgt.

Kommunikation auf Papier per Post

Hiervon ist der Großteil der AIF-Branche noch weit entfernt. Der wesentliche Teil der Kommunikation mit den Anlegern erfolgt bei den meisten Häusern anscheinend weiterhin auf Papier und per Post. Das ist nicht mehr zeitgemäß.

Dass es auch anders geht, belegen die Crowdinvesting-Plattformen. Sie wickeln ihre Emissionen inklusive Zeichnung, Zahlungsverkehr und Exit vollständig digital ab. Anders wären die winzigen Mindestbeteiligungen bis hinunter zu zehn Euro nicht möglich. Für die Plattformen spielt es schlicht keine Rolle, ob eine Information an 500 oder 5.000 Anleger geht. Sie klicken so oder so nur einmal auf „versenden“.

Obwohl die Crowd-Emissionen meist nur eine Laufzeit von 1,5 bis drei Jahren haben, findet dort teilweise ein reger Zweitmarkt-Handel statt. Auch das kostet die Plattformen kaum Mühe und funktioniert vermutlich zum einen wegen der geringen Investitionssummen recht gut, zum anderen aber sicherlich auch deshalb, weil die Käufer der gebrauchten Anteile mit wenigen Mausklicks in den Vertrag einsteigen können.

Seite 3: Digitalisierung und Vertrieb [3]

Das lässt den Schluss zu, dass für Fungibilität nicht in erster Linie die Rechtsform einer Anlage entscheidend ist, sondern die möglichst einfache, allein digitale Abwicklung.

Ein weiterer Aspekt der Digitalisierung war Thema auf dem Branchengipfel: Ist sie eine Gefahr für den Vertrieb? Nein, so die einhellige Meinung der Runde. Vielmehr unterstützt die elektronische Abwicklung den Vertrieb, erleichtet die rechtssichere Dokumentation des Vermittlungsvorgangs und lässt ihm mehr Zeit für seine eigentliche Aufgabe: Die Beratung des Kunden.

Vermittler hingegen verstehen unter Digitalisierung nicht selten hauptsächlich Robo-Beratung, durch die sie ersetzt werden könnten. Doch zunächst bedeutet Digitalisierung in erster Linie die elektronische Vereinfachung und Automatisierung der Prozesse, also der Abwicklung und Verwaltung der Beteiligungen.

Mensch wird weiter gebraucht

Allerdings wird die erneute Regulierungsrunde durch die Finanzmarktrichtlinie MiFID II ab Anfang 2018 den Handlungsspielraum für den Vertrieb weiter einschränken. Er muss die standardisierten Kriterien der künftig erforderlichen Zielgruppenbestimmung des Produkts mit den ebenfalls schematisch erfassten Merkmalen und Prioritäten des Kunden in Einklang bringen.

Solche starren Auswahlmechanismen lassen sich sehr gut auch digital abbilden und “matchen”, was den Trend zur Robo-Beratung verstärken könnte. Trotzdem werden Sachwert-AIF individuelle und erklärungsbedürftige Produkte bleiben, bei denen ein Mensch als Berater auch künftig eine wesentliche Rolle spielen wird. So jedenfalls der Tenor auf dem Branchengipfel.

Die Vorträge und Diskussionen des 7. Cash. Branchengipfels Sachwertanlagen werden in einem Cash.Extra ausführlich dokumentiert, das der Cash.-Ausgabe 11/2017 (ab 19. Oktober im Handel) beigefügt wird.

Stefan Löwer ist Chefanalyst von G.U.B. Analyse und betreut das Cash.-Ressort Sachwertanlagen. Er beobachtet den Markt der Sachwert-Emissionen als Cash.-Redakteur und G.U.B.-Analyst insgesamt schon seit mehr als 25 Jahren. G.U.B. Analyse gehört wie Cash. zu der Cash.Medien AG.

Foto: Jörg Böh