- Finanznachrichten auf Cash.Online - https://www.cash-online.de -

Die Sachwertbranche lebt noch

Zwei Veranstaltungen in der vergangenen Woche belegen eine Belebung der Sachwertbranche, ließen aber auch Fragen offen. Antworten gibt es vielleicht auf einem weiteren Event an diesem Mittwoch. Der Löwer-Kommentar

“Die Grenze zwischen Crowdinvesting und klassischer Fondsbranche verschwimmt zusehens.”

Am Mittwoch letzter Woche trafen sich auf Einladung von Friedrich Andreas Wanschka sowie den Fachjournalisten Stefan Loipfinger und Markus Gotzi am Münchner Flughafen rund 120 Vertreter der Branche zum “Sachwerte-Kolloquium 2017”.

Bemerkenswert an der Veranstaltung war neben der Anzahl der Teilnehmer auch deren Qualität: Jede Menge Chefs, vorwiegend aus dem Lager der Emissionshäuser und des Vertriebs, sowohl auf dem Podium als auch im Auditorium. Highlight war ohne Frage der Auftritt von Jamestown-Chef Christoph Kahl, der sich persönlich nach München bequemt hatte.

Inhaltlich gab es nicht so fürchterlich viel Neues: Alternative Investmentfonds (AIF) versus Emissionen nach Vermögensanlagengesetz, Blind Pool versus konkrete Objekte, Prognose im Prospekt – ja oder nein? Das Ganze in drei Diskussionsrunden á zwei Stunden mit jeweils sechs Teilnehmern. Der eine oder andere Implusvortrag hätte der Sache gut getan, aber das ist sicherlich auch Geschmackssache.

Rechtsanwalt Klumpe: Prognose „erforderlich“

So wurden hauptsächlich bekannte Positionen und Argumente ausgetauscht. Das ändert jedoch nichts daran, dass von der Veranstaltung ein positiver Impuls ausgehen kann – allein dadurch, dass sie stattgefunden hat und man sich austauschen konnte: Die Branche lebt noch. Zwei Punkte müssen zudem festhalten werden.

Erstens: Loipfinger forderte – zu recht [1] – dass bei AIF die gesetzlich vorgeschriebenen Ergebnisszenarien in dem Merkblatt “wesentliche Anlegerinformationen” (wAI) durch eine aussagekräftige Detailprognose im Prospekt untermauert werden müssen. Unkommentierte Gesamtausschüttungen in den wAI – nicht selten auf zwei Stellen hin dem Komma – sind eine Zumutung für Anleger und Vertrieb. Die Diskussion ist alt, neu ist jedoch die rechtliche Einordnung.

So betonte Rechtsanwalt Werner Klumpe, dass eine Prognose nach seiner Auffassung “erforderlich” ist, um die zivilrechtlichen Ansprüche des BGH an eine vollständige Aufklärung des Anlegers zu erfüllen. Die aufsichtsrechtlichen Mindestanforderungen des KAGB und der Finanzaufsicht BaFin reichen demnach unter Umständen nicht aus. Das wird der Diskussion neuen Schwung verleihen.

Seite 2: [2] Grenze zum Crowdinvesting verschwimmt [2]

Der zweite Punkt: Die Grenze zwischen Crowdinvesting und klassischer Fondsbranche verschwimmt zusehens. So berichtete Simon Brunke, Vorstandsvorsitzender der Plattform Exporo, sein Unternehmen strebe eine Zulassung als Finanzdienstleistungsinstitut an und werde künftig auch Emissionen mit gesetzlicher Prospektpflicht begleiten. Technisch sei das kein großer Unterschied zu den prospektfreien Crowd-Emissionen bis 2,5 Millionen Euro.

Auch Dr. Guido Sandler, Vorstand der Plattform Bergfürst, berichtete, bereits Wertpapieremissionen mit entsprechendem Prospekt durchgeführt zu haben. Da ist der Schritt zu AIF oder prospektpflichtigen Vermögensanlagen nicht mehr weit.

Auf der anderen Seite wies Efonds-Chef Alexander Betz darauf hin, dass bei seinem jüngst gestarteten Online-Zeichnungsprozess für AIF eine hohe Mindestbeteiligung von 10.000 Euro oder mehr technisch nicht erforderlich sei. Da ein zusätzlicher Zeichner praktisch keinen zusätzlichen Aufwand nach sich zieht, könne die Beteiligung auch deutlich geringer sein.

Suche nach Tippgebern

Efonds und auch die erst vor wenigen Tagen gestartete Erstmarktplattform [3] der bisher auf den Zweitmarkt spezialisierten Fondsbörse Deutschland würden sich dann kaum noch von den Schwarmfinanzierungen, wie das Crowdinvesting im Behördendeutsch heißt, unterscheiden. Im Vertrieb verschwimmen die Grenzen ebenfalls, denn auch bei den Crowd-Plattformen reicht die rein virtuelle Kundengewinnung allein nicht aus: Sie sind auf der Suche nach Tippgebern aus dem klassischen Vertrieb.

Dieser traf sich einen Tag später in Frankfurt: Auf der “Jahresauftakttagung” der Bit Treuhand AG, die damit auch ihr 15. Firmenjubiläum beging. Diese Veranstaltung kann ebenfalls allein durch ihren Zuspruch einen positiven Impuls setzen: Mit mehr als 200 Teilnehmern – vorwiegend Vertriebspartner – war sie sehr gut besucht und die anwesenden Emissionshäuser waren überwiegend auf Chef-Ebene vertreten.

Geprägt war der ziemlich späte Jahresauftakt – wie es sich für eine Vertriebsveranstaltung gehört – durch Produktvorstellungen, darunter eine Reihe von geplanten Emissionen, sowie eine Ausstellung mit 13 weiteren Anbietern. Demnach wird die Branche bunt bleiben: Neben (hauptsächlich) AIF und Vermögensanlagen reichte die Bandbreite bis zu Photovoltaik-Einzelanlagen, Self-Storage-Lagerhäusern sowie Rinderzucht und Orangenanbau in Paraguay.

Seite 3: [4] Hochkarätige Runde beim Ratingwissen-Tag [4]

Deutlich wurde auf der gut organisierten und durchaus informativen Bit-Tagung auch, dass Vertrieb weiterhin auch verkaufen heißt. Jedenfalls war der Saal vor allem bei einem Vortrag bis auf den letzten Platz gefüllt: “Top-Selling” mit Verkaufstrainer Klaus-J. Fink. Ob das wirklich noch in die Zeit passt, sei dahingestellt.

Diese Frage an Bit-Vorstand Sascha Sommer zu richten, dazu wird an diesem Mittwoch (29. März) in Hamburg Gelegenheit sein. Dort lädt Jürgen Braatz (Ratingwissen) zu seiner 15. Tagung dieser Art ein, deren Bezeichnung er vor drei Jahren modernisiert hat, weswegen die Veranstaltung die etwas sperrige Überschrift “15. Fondsrating-Tag/3. Assetmanagement-Tag” trägt.

Sommer hat dort zu der Abschlussdiskussion zugesagt. Weitere Teilnehmer der Diskussion sind Eric Romba, Chef des Sachwerteverbands BSI sowie Norman Wirth (Vertriebsverband AfW) und Helmut Schulz-Jodexnis (Jung, DMS & Cie.). Braatz hat also wieder eine hochkarätige Runde zusammengestellt. Ich darf sie leiten und zuvor die von Cash. erhobenen Marktdaten zum Platzierungsjahr 2016 vorstellen.

Freier Vertrieb überfordert?

Zu den weiteren Referenten des Ratingwissen-Tags zählt der Rechtsanwalt und geschäftsführende Vorstand des Vertriebsverbands Votum, Martin Klein. Dieser war auch Teilnehmer der Juristen-Runde zur Vertriebshaftung auf der Bit-Veranstaltung, die einmal mehr die Frage aufwarf, ob der freie Vertrieb mit der Regulierung überfordert ist.

Dabei geht es nicht nur darum, dass nicht wenige Vermittler offenbar allerlei Unsinn glauben, der zu dem Thema Plausibilitätsprüfung und deren angebliche “Auslagerung” [5] verbreitet wird. Vielmehr scheint der Großteil des Vertriebs noch nicht einmal die rechtliche Grundlage seiner Arbeit – die Finanzanlagenvermittlungsverordnung – gelesen zu haben, obwohl diese auch für juristische Laien zumindest in ihren Grundzügen leicht zu verstehen ist.

Jedenfalls meldete sich auf die entsprechende Frage von Rechtsanwalt Ekkehart Heberlein an das Auditorium kein einziger der zu dem Zeitpunkt vielleicht noch 150 anwesenden Bit-Gäste. Möglicherweise (hoffentlich) waren sie lediglich am Nachmittag des Bit-Tages bereits ermattet. Aber auch darüber wird am Mittwoch bei der Braatz-Veranstaltung zu reden sein.

Stefan Löwer ist Chefanalyst von G.U.B. Analyse und betreut das Cash.-Ressort Sachwertanlagen. Er beobachtet den Markt der Sachwert-Emissionen als Cash.-Redakteur und G.U.B.-Analyst insgesamt schon seit mehr als 25 Jahren. G.U.B. Analyse gehört wie Cash. zu der Cash.Medien AG.

Foto: Florian Sonntag