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MiFID II: Die Hängepartie rückt näher

Die Sachwertbranche bereitet sich weiterhin nur halbherzig auf MiFID II vor, der freie Vertrieb hängt noch immer in der Luft, die Politik ist mit sich selbst beschäftigt: Keine guten Voraussetzungen für einen reibungslosen Übergang. Der Löwer-Kommentar

“Es sieht nicht danach aus, als würden vor dem Jahreswechsel noch wesentliche politische Entscheidungen fallen.”

Es scheint noch lange hin zu sein, doch in zehn Wochen schon ist Weihnachten. Wenige Tage später – am 3. Januar 2018 – tritt das 2. Finanzmarktnovellierungsgesetz (FiMaNoG) in Kraft. Es setzt die EU-Finanzmarktrichtlinie MiFID II in deutsches Recht um und enthält unter anderem eine komplette Neufassung des Wertpapierhandelsgesetzes (WpHG).

Damit krempelt es auch den Vertrieb von Sachwertbeteiligungen, also alternativen Investmentfonds (AIFs) und Emissionen nach dem Vermögensanlagengesetz, in weiten Teilen um und gilt auch für Offerten, die sich bereits im Vertrieb befinden und über den Jahreswechsel hinaus platziert werden.

Ein Bestandsschutz oder eine Übergangsfrist sind nicht vorgesehen. Trotzdem scheint sich ein nicht unbeträchtlicher Teil der Branche noch immer nicht ernsthaft mit dem Thema zu beschäftigen.

Thema beim Cash.-Branchengipfel

Darauf jedenfalls lassen die Äußerungen der Experten auf dem 7. Cash.-Branchengipfel Sachwertanlagen Anfang September schließen, dessen wichtigste Ergebnisse in einem Extra in der neuesten Cash.-Ausgabe 11/2017 (ab Donnerstag im Handel) zusammengefasst sind.

Mit einem klaren „Nein“ antwortete etwa Andreas Heibrock, Geschäftsführer bei Patrizia Grundinvest und Vorstand des noch bis Jahresende existierenden Sachwerteverbands BSI, auf die Frage, ob die Branche besser vorbereitet sei als 2012 vor der Umstellung auf das WpHG. „Das war bei der Einführung der WpHG-Regeln für unsere Branche nicht so und das ist auch bei der MiFID II nicht so“, sagte Heibrock.

Damals war vielfach der Absatz geschlossener Fonds von einem Tag auf den anderen eingebrochen, weil die Unterlagen und die Organisation des Vertriebs nicht mehr den gesetzlichen Vorschriften für Banken und Finanzdienstleistungsinstitute mit Zulassung nach dem Kreditwesengesetz (KWG) entsprachen.

Seite 2: „Die sind alle noch nicht fertig“ [1]

Auch Christian Hammer, Geschäftsführer des Vertriebs NFS Netfonds, bestätigte auf dem Cash.-Branchengipfel in Hinblick auf die Aktivitäten der Emissionshäuser und Kapitalverwaltungsgesellschaften (KVGen): „Die sind alle noch nicht fertig.“ NFS sei schon seit Monaten mit MiFID II aktiv. „Doch viele KVGen tun sich noch schwer damit“, so Hammer.

So zeichnet sich ab, dass der bei manchen Anbietern ohnehin schleppende Produktabsatz ab Anfang 2018 weiter ins Stocken geraten wird. Das betrifft zunächst den Vertrieb über KWG-Institute. Er fällt unter das neu gefasste WpHG.

Der freie Vertrieb nach Paragraf 34f Gewerbeordnung hingegen hängt weiter in der Luft. Für die erforderliche Neufassung der Finanzanlagenvermittlungsverordnung (FinVermV) liegt – soweit bekannt – weiterhin noch nicht einmal ein Entwurf vor.

Neue FinVermV wohl nicht vor März 2018

Branchenkenner gehen mittlerweile davon aus, dass die neue FinVermV wahrscheinlich nicht vor März 2018 verabschiedet wird und frühestens zur Jahresmitte in Kraft tritt. Vermutlich kann der freie Vertrieb zunächst nach den bisherigen Vorschriften weiterarbeiten. Das gibt ihm zwar etwas Aufschub, aber die Vorbereitungszeit auf die neuen Regeln wird dann wohl äußerst kurz.

Die voraussichtliche Hängepartie hängt auch mit der schwierigen Regierungsbildung nach der Bundestagswahl zusammen, die sehr zäh anläuft. In dieser Woche – mehr als drei Wochen nach der Wahl – sind gerade einmal die ersten Sondierungsgespräche für eine Jamaika-Koalition aus CDU/CSU, FDP und Grünen anberaumt.

Erst danach können die konkreten Koalitionsverhandlungen beginnen. Selbst Optimisten rechnen frühestens bis Weihnachten mit einem Koalitionsvertrag. Bis die neue Regierung dann handlungsfähig ist, kann es locker bis Januar oder Februar dauern.

Seite 3: Anbieter müssen zweigleisig fahren [2]

Nicht ausgeschlossen ist auch, dass die Verhandlungen scheitern, was entweder Neuwahlen oder eine weitere Hängepartie nach sich ziehen würde (für Verhandlungen über eine neue, gar nicht mehr so große Groko oder – sehr unwahrscheinlich – über eine schwarz-gelbe Minderheitsregierung).

So oder so sieht es nicht danach aus, als würden vor dem Jahreswechsel noch wesentliche politische Entscheidungen fallen. Die Anbieter müssen sich wohl darauf einstellen, dass sie zunächst zweigleisig fahren müssen: Mit den bisherigen Vertriebsunterlagen für die freien Vermittler, mit neuem Material für Banken und Finanzdienstleistungsinstitute.

Veränderte Darstellung der Kosten

Dazu zählt neben der erforderlichen Zielmarktbestimmung mit standardisierter Risikoklassifizierung unter anderem eine veränderte Darstellung der Kosten. Die MiFID II weicht hier teilweise von den Vorschriften des KAGB ab. Darauf wies Wirtschaftsprüferin Martina Hertwig von Baker Tilly auf dem Cash.-Branchengipfel hin.

Auch dieser Punkt, für den wichtige Detailvorschriften der EU erst vor wenigen Wochen veröffentlicht wurden, dürfte nicht von allen Häusern bis zum Jahreswechsel vollständig abgearbeitet worden sein. Sie fliegen dann zunächst aus dem Bankenvertrieb.

Für den freien Vertrieb könnte die Sache insofern auch einen Vorteil haben: Einige Monate lang wird er wohl stark umworben werden. Von jenen Anbietern, die die Umstellung der Unterlagen für die Institute nicht gut genug vorbereitet haben und den Absatzsatzausfall durch andere Kanäle kompensieren müssen.

 

Die komplette Zusammenfassung des Cash.-Branchengipfels lesen Sie in dem Cash.-Extra, das der Cash.-Ausgabe 11/2017 (ab 19. Oktober im Handel) beiliegt und dann auch zum kostenlosen Download auf Cash.Online verfügbar ist.

Stefan Löwer ist Chefanalyst von G.U.B. Analyse und betreut das Cash.-Ressort Sachwertanlagen. Er beobachtet den Markt der Sachwert-Emissionen als Cash.-Redakteur und G.U.B.-Analyst insgesamt schon seit mehr als 25 Jahren. G.U.B. Analyse gehört wie Cash. zu der Cash.Medien AG.