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Verschläft die Sachwert-Branche die Absatzrally?

Gleich drei Unternehmen meldeten in der vergangenen Woche die schnelle Platzierung ihrer Immobilienfonds. AIF mit konkreten Objekten sind nun fast ausverkauft. Doch der Nachschub stockt. Der Löwer-Kommentar

„Die gestiegene Inflationsrate kann zum Platzierungsturbo für Sachwertanlagen werden.“

WealthCap teilte mit, innerhalb von nur zehn Wochen 50 Millionen Euro für den Fonds Immobilien Deutschland 39 platziert [1]zu haben, Patrizia Grundinvest hat den „Stuttgart Südtor“ nach acht Monaten [2] mit den erforderlichen 55 Millionen Euro Eigenkapital geschlossen und Hannover Leasing brauchte nur drei Monate [3], um die 24 Millionen Euro für eine Büro- und Hotelimmobilie in Freiburg einzusammeln.

Es mag Zufall sein, dass alle drei Meldungen fast zur selben Zeit erfolgten. Doch es spricht einiges dafür, dass die Platzierung von geschlossenen alternativen Investmentfonds (AIF) seit dem Jahreswechsel kräftig Fahrt aufgenommen hat.

Jamestown: 95 Millionen US-Dollar in vier Wochen

So legt auch der US-Spezialist Jamestown ein rasantes Tempo vor. Allein in den ersten vier Wochen 2017 hat das Unternehmen nach Angaben von Geschäftsführer Dr. Jürgen Gerber insgesamt 95 Millionen US-Dollar für seinen Fonds 30 platziert, berichtet Cash. in der aktuellen Ausgabe 4/2017, die letzte Woche in den Handel gekommen ist.

Die Auslöser für die plötzliche Absatzrally sind schwer auszumachen. Ein Grund mag das ausgedünnte Angebot sein, so dass sich die Nachfrage auf wenige Produkte konzentriert, die sich dann entsprechend schnell platzieren.

So war schon vor der Schließung der Offerten von Patrizia und Hannover Leasing insbesondere das Angebot an Fonds mit konkreten Objekten äußerst spärlich. An deutschen Immobilien verbleiben hier nun allein der “Patrizia Grundinvest München Leopoldstraße” und der WealthCap 39, der sich mit einem Gesamtvolumen von bis zu 150 Millionen Euro Eigenkapital für drei große Objekte weiterhin in der Platzierung befindet.

Seite 2: [4] Fast nur noch Blind Pools [4]

Daneben können sich Anleger lediglich über vier Auslandfonds an konkreten Objekten beteiligen: Zwei Fonds der Serie „Wohnen Europa“ von Patrizia mit Immobilien in Holland und Dänemark sowie zwei US-Fonds von WealthCap.

Alle Angebote an Fonds mit feststehenden Immobilien stammen somit derzeit von nur zwei Anbietern. Ansonsten ist der Markt der Immobilien-AIF ausverkauft und besteht nur aus Blind Pools oder Semi-Blind-Pools, die sich zudem ebenfalls an zwei Händen abzählen lassen.

Es wird also höchste Zeit, dass nicht nur WealthCap und Hannover Leasing, die nach ihren Mitteilungen beide „mit Hochdruck“ an weiteren Produkten arbeiten, damit vorankommen. Auch andere Anbieter sind hier gefordert, doch nicht wenige angekündigte Emissionen lassen weiterhin auf sich warten und werden ein ums andere Mal verschoben.

Preissteigerung spürbar gestiegen

Mit dem spärlichen Produktangebot verpasst die Branche womöglich auch die Chance, sich zum richtigen Zeitpunkt breit und entsprechend attraktiv zu präsentieren. Denn ein weiterer Faktor könnte bei dem derzeitigen Nachfrageschub eine nicht ganz unwesentliche Rolle spielen: Die gestiegene Inflationsrate.

So hat die allgemeine Preissteigerung, die lange Zeit nahe Null lag und sogar Diskussionen um eine bevorstehende Deflation provozierte, in den letzten Monaten spürbar zugenommen und lag im Februar bei 2,2 Prozent. Die Null-Zinsen, die bislang für viele sicherlich nur ein Ärgernis waren, werden dadurch zu einer echten Bedrohung für das Vermögen.

Jeder Anleger kann sich leicht ausrechnen, dass bei einer Geldentwertung von 2,2 Prozent jährlich und gleichzeitig null Zinsen schon nach zehn Jahren – der üblichen Mindestlaufzeit geschlossener AIF – rund 20 Prozent des Vermögens real weg sind, wenn er nichts unternimmt.

Seite 3: [5] Platzierungsturbo Inflationsrate [5]

Dass die Vermögensvernichtung nicht mehr nur theoretischer Natur ist, wird viele Anleger dazu motivieren, sich intensiver nach Alternativen zum Festgeld umzusehen als bisher. Die gestiegene Inflationsrate kann damit zum Platzierungsturbo für Sachwertanlagen werden.

Hinzu kommt die zunehmende Verbreitung von Minus-Zinsen, zumindest für größere Vermögen. So berichtete das “Handelsblatt” erst letzte Woche, dass nun auch die Sparkasse Köln-Bonn Soll-Zinsen auf Guthaben ab einer (nicht genannten) Millionenhöhe berechnet.

Kleinere Guthaben sind davon noch verschont, auch bei anderen Banken. Sie werden jedoch nicht selten schon jetzt mit versteckten Zinsen belastet, die noch als Gebühren getarnt sind, und der offene Minuszins wird sich vermutlich bald tiefer in die Vermögensschichten fressen.

Gas geben, bitte

Allein die Diskussion darüber wird die Nachfrage nach Sachwertanlagen wohl weiter anfachen. Doch das Rennen wird vielfach nicht ein geschlossener AIF machen. Dafür ist das Angebot viel zu gering – vor allem für Anleger, die den Blind Pools skeptisch gegenüber stehen. Fast scheint es so, als würde die Branche die Absatzrally verschlafen.

Ja, es ist nicht einfach: Die hohen Assetpreise, die schwierige Vorfinanzierung, die unkalkulierbare Dauer bis zur Bafin-Genehmigung. Alles bekannt und richtig. Trotzdem müssen dringend mehr Fonds mit konkreten Objekten auf den Markt kommen. Also, liebe Kapitalverwaltungsgesellschaften: Gas geben, bitte.

Stefan Löwer ist Chefanalyst von G.U.B. Analyse und betreut das Cash.-Ressort Sachwertanlagen. Er beobachtet den Markt der Sachwert-Emissionen als Cash.-Redakteur und G.U.B.-Analyst insgesamt schon seit mehr als 25 Jahren. G.U.B. Analyse gehört wie Cash. zu der Cash.Medien AG.

Foto: Florian Sonntag