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Eine kleine Korrektur

In der letzten Woche habe ich mich zu den steuerlichen Vorteilen einer Investment-AG ein kleines Stückchen zu weit aus dem Fenster gelehnt. Denn der Gesetzgeber hat sich wieder einmal eine Regelung einfallen lassen, die die Sache unnötig verkompliziert. Der Löwer-Kommentar

“Auch bei einer Investment-AG können, wenn auch nur in geringer Höhe, Steuerzahlungen des Anlegers anfallen, obwohl er keine Dividende erhalten hat.”

Es ging in der vergangenen Woche [1]um den ersten alternativen Investmentfonds (AIF) für Privatanleger in der Rechtsform einer Investment-Aktiengesellschaft (AG), den die Bremer HTB aufgelegt hat.

Hervorgehoben habe ich unter anderem, dass die AG aus Anlegersicht steuerlich deutlich einfacher zu handhaben und mit weniger Risiken behaftet ist als die sonst übliche Investment-Kommanditgesellschaft (KG).

Unter anderem drohe dem Aktionär – anders als bei einer KG-Beteiligung – nicht, dass er Steuern zahlen muss, obwohl er keine Ausschüttung erhalten hat. Bei einer AG werde auf Anlegerebene stets nur die Dividende besteuert (sowie Veräußerungsgewinne).

Das stimmt nicht ganz

Nach genauerer Lektüre des HTB-Prospektes stellt sich heraus: Das stimmt das nicht ganz. Denn auch bei einer Investment-AG können, wenn auch nur in geringer Höhe, Steuerzahlungen des Anlegers anfallen, obwohl er keine Ausschüttung (Dividende) erhalten hat.

Das liegt an einer Regelung in dem neuen Investmentsteuergesetz, das ab Anfang 2018 auf die Investment-AG Anwendung findet (nicht aber auf Personengesellschaften wie etwa eine KG). Demnach können für den Anleger auch ohne Dividende Steuern auf eine „Vorabpauschale“ fällig werden.

Seite 2: Komplizierte Berechnung [2]

Die “Vorabpauschale” wird relevant, wenn die Dividende einen „Basisertrag“ unterschreitet, obwohl der Fonds in dem Jahr einen entsprechenden Wertzuwachs erzielt hat. Der Basisertrag wiederum ist der Wert des Fonds am Jahresanfang multipliziert mit 70 Prozent eines „Basiszinses“.

Dieser ist laut Gesetz aus „der langfristig erzielbaren Rendite öffentlicher Anleihen abzuleiten“ und wird jährlich vom Finanzministerium auf der Grundlage von Bundesbank-Berechnungen veröffentlicht. Die Differenz zwischen dem errechneten Basisertrag und der Dividende ist die Vorabpauschale. Darauf hat der Anleger dann die Abgeltungssteuer (oder auf Wunsch seinen persönlichen Steuersatz) zu entrichten.

Puh! Ich hab’s beim ersten Lesen auch nicht verstanden. Vereinfacht ausgedrückt heißt das: Wenn der Fonds einen Wertzuwachs erzielt hat und keine entsprechende Dividende zahlt, muss der Anleger jährlich eine fiktive Verzinsung seines Fondsanteils versteuern. Der Zinssatz dafür entspricht 70 Prozent des Zinssatzes einer öffentlichen Anleihe.

„Verstetigung des Steueraufkommens“

Nach der Gesetzesbegründung in dem seinerzeitigen Regierungsentwurf für das Investmentsteuergesetz dient die Vorschrift „zur Vermeidung einer zeitlich unbeschränkten Steuerstundungsmöglichkeit und damit zur Verhinderung von Gestaltungen sowie zur Verstetigung des Steueraufkommens“. Im Gegenzug sind bei Immobilienfonds, zu denen die HTB AG zählt, auf Ebene des Fonds 60 Prozent der Erträge von der Körperschaftssteuer befreit.

In Wirklichkeit ist die Regelung ziemlicher Kokolores. Der Gesetzgeber hat es damit wieder einmal geschafft, eine eigentlich einfache Sache unnötig zu verkomplizieren, nur weil er Angst vor „Gestaltungen“ hat und sein „Steueraufkommen verstetigen“ (also abkassieren) will.

Derzeit spielt die Vorabpauschale keine große Rolle, weil der Zinssatz – und erst recht 70 Prozent davon – nahe Null liegt. Selbst wenn die Zinsen eines Tages wieder steigen, ist die Belastung für den einzelnen Anleger überschaubar. Bei einem Zinssatz für öffentliche Anleihen von zum Beispiel vier Prozent und 10.000 Euro Fondswert liegt die Abgeltungssteuer auf die Vorabpauschale jährlich bei gerade einmal 70 Euro plus Soli und gegebenenfalls Kirchensteuer.

Seite 3: Nur theoretisch erkleckliche Summen für den Fiskus [3]

Angesichts der enormen Summen, die in Investmentfonds investiert sind, können trotz der kleinen Einzelbeträge theoretisch erkleckliche Einnahmen für den Fiskus zusammenkommen. In der Praxis hingegen werden die Fondsmanager ihre Ausschüttungspolitik wohl so ausrichten, dass die Vorabpauschale vermieden wird.

Zusammen mit der Teil-Freistellung der Erträge auf Fondsebene schneidet sich der Fiskus womöglich sogar ins eigene Fleisch und bekommt insgesamt weniger Steuern als ohne die komplizierten Vorschriften, zumal die Vorabpauschale später einem Veräußerungsgewinn gegengerechnet wird. Auch insofern ist nur schwer verständlich, welchen Sinn die Verkomplizierung haben soll.

Für den HTB-Fonds jedenfalls ist in erster Linie die 60-Prozent-Freistellung auf Fondsebene ein Vorteil. Die Vorabpauschale hingegen wird wohl keine Rolle spielen: Bei Immobilienfonds sind wegen der Abschreibungen auf die Gebäude die liquiden Überschüsse schon bei leidlich planmäßigem Verlauf meistens höher als die bilanziellen Gewinne.

Kniff der HTB-Konzeptionäre

Der Fonds wird also kaum in die Verlegenheit kommen, trotz eines entsprechenden Wertzuwachses nicht über genügend Liquidität für eine Dividende in Höhe des “Basisertrags” zu verfügen.

Die HTB-Konzeptionäre hatten eher ein anderes Problem zu lösen: Anders als eine KG darf eine AG grundsätzlich nur bilanzielle Gewinne ausschütten, nicht aber darüber hinausgehende Liquiditätsüberschüsse zulasten des Grundkapitals. Um trotzdem auch höhere Überschüsse auszahlen zu können, greift HTB auf einen Kniff zurück: Nur ein Euro des Preises von 1.000 Euro pro Aktie der HTB AG ist Grundkapital. 999 Euro fließen in die Kapitalrücklage, aus der gegebenenfalls auch Auszahlungen über die bilanziellen Gewinne hinaus vorgenommen werden können.

Im Zweifel kann der Fonds also selbst ohne Überschüsse Auszahlungen aus der Kapitalrücklage vornehmen, um bei entsprechenden Wertzuwächsen die Steuer auf die „Vorabpauschale“ zu vermeiden. Sie wird also aller Voraussicht nach bei dem Fonds nicht zum Tragen kommen. Trotzdem musste HTB einen entsprechenden Risikohinweis in den Prospekt aufnehmen – und der Löwer-Kommentar der vergangenen Woche entsprechend korrigiert werden.

Stefan Löwer ist Chefanalyst von G.U.B. Analyse und betreut das Cash.-Ressort Sachwertanlagen. Er beobachtet den Markt der Sachwert-Emissionen als Cash.-Redakteur und G.U.B.-Analyst insgesamt schon seit mehr als 25 Jahren. G.U.B. Analyse gehört wie Cash. zu der Cash.Medien AG.

Foto: Florian Sonntag