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Kfz-Versicherung: Eine Branche am Limit

Nach dem Auslaufen der Abwrackprämie ist der gnadenlose Wettbewerb der Autoversicherer in die nächste Runde gegangen. Doch die K-Sparte fährt 2009 auf der Felge zum Jahresendgeschäft. Die Ertragslage ist kritisch. Dauert der Preiskrieg trotzdem an?

Text: Hannes Breustedt

Eine Branche unter Hochdruck: Nachdem die staatlich geförderte Abwrack-Sonderkonjunktur ausgelaufen ist, steht für die Kfz-Versicherer die Jahresendoffensive an. Ein Kampf um die Kunden, der mit harten Bandagen geführt wird. Bereits seit einigen Jahren liefern sich die knapp 90 deutschen Anbieter einen beispiellosen Unterbietungswettbewerb. Im wichtigsten Segment der Schaden- und Unfallversicherung sind die Beitragseinnahmen inzwischen im fünften Jahr in Folge rückläufig, wie die Kölnische Rückversicherung Gen Re herausgefunden hat. Dieses Jahr drohen sie erstmals seit 1999 wieder unter die 20-Milliarden-Euro-Marke zu fallen.

Allein im letzten Jahr schrumpfte die Ertragskraft der Kraftfahrtsparte laut Gen Re um vier Prozentpunkte, die Preise schmolzen dem aktuellen Marktreport des internationalen Versicherungsmaklers Marsh zufolge um bis zu zehn Prozent. Erschwerend kommt hinzu, dass die Schadensquote mittlerweile bei über hundert Prozent liegt. Die Folge: Das Kfz-Geschäft rechnet sich kaum noch. Versicherungstechnisch schlidderte die Kraftfahrtsparte in Deutschland erstmals seit 2002 wieder in die Verlustzone.

Ertragslage im roten Bereich

Dass die Assekuranz im Kfz-Preiskampf dermaßen leidensfähig ist, liegt an der besonderen Stellung der Sparte. Nach der Altersvorsorge lassen sich die Bundesbürger die Versicherung ihrer aktuell etwa 50 Millionen zugelassenen Autos am meisten kosten. Im Schnitt geben die Deutschen etwa 400 Euro pro Jahr dafür aus. Noch wichtiger: Viele Anbieter messen dem Geschäftsfeld besondere Bedeutung bei, da es sich gewissermaßen um die Einstiegsdroge handelt, über die Neukunden gebunden, und später mit weiteren Tarifen versorgt werden können.

Allerdings ist es auch in keinem anderen Bereich so leicht, den Anbieter zu wechseln. Diese Option können Autofahrer ziehen, wenn der Versicherungsfall eintritt, das Fahrzeug verkauft wird, oder der Versicherer den Beitrag erhöht, ohne die Leistung zu verbessern. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, zum Ende des Versicherungsjahres zu wechseln. Dafür muss innerhalb der Frist von einem Monat zum Termin der Hauptfälligkeit gekündigt werden. Dabei handelt es sich klassischerweise um den 1. Januar, sodass vor allem die Monate Oktober und November entscheidend für die Branche sind. Um im Jahresendgeschäft Tarifwechsler an sich zu binden, lassen sich die Versicherer einiges einfallen. In diesem Jahr reicht die Palette von Beitragsfreistellung bei Arbeitslosigkeit, Chefarztbehandlung oder Krankentagegeld nach Unfällen bis hin zur Deckung gegen Eigenschäden oder Gratis-Allgefahren-Zusatzbaustein. All diese Gimmicks animieren zum Tarif-Hopping, zumal sie heutzutage im Internet oder mit entsprechender Software leicht zu vergleichen sind. Doch was die pfennigfuchsende Kundschaft freut, bringt die Anbieter zunehmend in die Bredouille. Ist das Ende der Rabattschlacht programmiert?

Trendwende im ruinösen Preiskampf eingeleitet?

Cash. hat die Top-Versicherer befragt. „Die Neugeschäftsprämien im Markt sind seit Mitte 2008 relativ stabil. Da die Ertragslage zunehmend angespannt ist, könnte dies auf ein mögliches Ende des jahrelangen Preiskampfes hinweisen“, erklärt Dr. Edgar Martin, Bereichsleiter Kraftfahrt-Betrieb bei der R+V Versicherung.  Ähnlich fällt die Einschätzung bei der VHV-Gruppe aus, zu der auch der Direktversicherer Hannoversche Direkt gehört: „Die meisten Versicherer verzeichnen inzwischen steigende versicherungstechnische Verluste. Auf der anderen Seite ist die Situation am Kapitalmarkt unverändert schwierig. Dies kann auf Dauer keine wünschenswerte Situation sein“, so VHV-Vorstand Dietrich Werner.

Die LVM rechnet damit, dass sich die Spreu vom Weizen trennen wird: „Viele Unternehmen werden den Preiskampf nicht fortführen können“, heißt es aus Münster. Thomas Doll, Hauptabteilungsleiter Sach/HUK-Betrieb der DEVK Versicherungen, sieht die Talsohle erreicht: „In der Branche gibt es erste Anzeichen für Tarifanhebungen im nächsten Jahr.“ Bei der HDI-Gerling erwartet man zumindest nicht, dass es weiter nach unten geht: „Wir gehen davon aus, dass sich die Preise auf dem heutigen Niveau stabilisieren“, erklärt Mathias Both, Leiter der Abteilung Produkt- und Markenmanagement Privat. Die Nummer zwei der Branche, Huk-Coburg, geht indes davon aus, dass die Prämien weiter unter Druck bleiben: „Das Ertragsniveau ist allerdings sehr angespannt. Großen Spielraum für weitere Absenkungen sehen wir deshalb nicht“, sagt Unternehmenssprecher Alois Schnitzer. Bei der Marktführerin Allianz hält man sich derweil bedeckt und verweist auf die Prognose des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft, der für dieses Jahr von einem Minus von etwa 1,5 Prozent bei den Kraftfahrtzeug-Versicherungsbeiträgen ausgeht.

Abwrackprämie entfachte zusätzlichen Konkurrenzdruck

Der ohnehin schon zugespitzte Wettbewerb wurde in diesem Jahr zusätzlich durch die Abwrackprämie angeheizt. Wenngleich dadurch keine neuen Fahrzeuge in den Markt kamen, ermöglichte die staatliche Initiative, das Neuwagengeschäft anzukurbeln, und Tausenden von Haltern, kurzfristig den Tarif zu wechseln. Die Neuverteilung des Policen-Kuchens nach Ablauf der „Umweltprämie“ zu ermitteln, gestaltet sich allerdings schwierig. Kaum ein Versicherer kann den Einfluss auf das Neugeschäft beziffern. Lediglich die R+V (plus zehn Prozent), die Hannoversche Direkt (positiver Effekt in kleinem zweistelligen Prozentbereich) und die Huk (plus 80.000 bis 100.000 Kfz) machen einigermaßen konkrete Angaben.

Bei der Allianz wurde ein „gesteigertes Interesse“ an Autoversicherungen festgestellt. In den ersten Monaten 2009 seien in der Kraftfahrtsparte rund 30 Prozent mehr Angebote berechnet worden, so das Unternehmen. Die DEVK hat nach eigenen Angaben „stark von der Abwrackprämie profitiert und im Neugeschäft deutlich dazugewonnen“, die LVM eine „deutliche Zunahme von Versicherungsverträgen für Neuwagen“ registriert. Der Maklerversicherer VHV sowie HDI und Axa haben keinen Sondereffekt erfasst. Dass der abwrackbedingte Einmaleffekt sich negativ auf das Jahresendgeschäft auswirkt, steht nicht zu befürchten, da es dabei nicht in erster Linie um die Versicherung von neu angeschafften Fahrzeugen geht.

Im Gegenteil sind dieses Jahr sogar mehr Autofahrer wechselwillig als vor Jahresfrist: 13 Prozent der Fahrzeughalter wollen den Tarif, 17 Prozent zudem auch den Anbieter wechseln, wie eine Umfrage der VHV zeigt. Im Vorjahr lag der Anteil bei sieben beziehungsweise elf Prozent. Um im verschärften Wettbewerb um die Kundengunst zu bestehen, haben sich einige Gesellschaften – allen voran Branchenprimus Allianz und die Ergo-Gruppe – einen besonderen Coup ausgedacht: Sie wollen den traditionell einheitlichen Stichtag für den Wechsel der Autoversicherung abschaffen und auf flexible Regel-Termine umschwenken.

Ergo und Allianz wollen Jahresendgeschäft entzerren

„Der 1. Januar ist für viele, die ihre Autoprämie auf einen Schlag zahlen, kein günstiger Termin für die Hauptfälligkeit der Kfz-Versicherung, weil sich zum Jahresanfang allerlei andere Zahlungen bündeln“, erklärt Ergo-Vorstand Frank Sievers. Von der flexiblen Regelung soll neben den Kunden auch der vertriebliche Außendienst profitieren, der sich im letzten Quartal bislang fast ausschließlich der K-Sparte widmet. Die Ergo rechnet damit, dass die Hauptfälligkeiten in vier bis sechs Jahren gleichmäßig übers Jahr verteilt sein werden. Bei der Huk sorgen diese Pläne für Unmut. In Coburg hat man ein klares Bekenntnis für den 1. Januar als Regel-Stichtag abgegeben: Nur die klassische Regelung gewährleiste, dass der Autofahrer zum frühestmöglichen Zeitpunkt in die nächsthöhere Schadensfreiheitsklasse aufrückt. Gegen diesen Einwand spricht allerdings, dass es Versicherten auch bei freier Terminwahl unbenommen bliebe, am 1. Januar festzuhalten. Auf Cash.-Nachfrage erklärt das Unternehmen Wettbewerbstransparenz zum Hauptargument: Der Kunde sei mittlerweile so vertraut mit dem gängigen Wechsel-Turnus, dass Verträge zum Jahresende gewohnheitsgemäß auf den Prüfstand gestellt werden. Eine Praxis, die von Medien durch detaillierte Tarifvergleiche unterstützt werde, was wiederum dem Verbraucher nütze, so die Huk.

Aufschluss in der Diskussion liefert indes die Frage, wer vom Status quo profitiert. Das ist mitunter die im Jahresendgeschäft traditionell starke Huk. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass dort wenig Interesse an einer Abkehr von den Standards besteht.

Huk bekennt sich zum klassischen Hauptfälligkeitstermin

Eine Einschätzung, die auch Dr. Dirk Schmidt-Gallas, Partner und Global Head of Insurance der Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners, teilt. Der Versicherungsexperte sieht in der Entkopplung der alljährlichen Vertriebs-Rush-Hour eine Chance, dem ruinösen Preiskrieg Einhalt zu gebieten: „Flexible Termine können dazu führen, dass in der K-Sparte endlich wieder Geld verdient werden kann. Das Jahresendgeschäft wird vor allem über die Preise geführt, sodass Wechsel in billigere Tarife zur Routine geworden sind und die Qualität des Neugeschäfts zunehmend gesunken ist.“ Wenn sich künftig nicht mehr alle Anbieter gleichzeitig um die Kunden reißen würden, könne der Wettbewerb auf ein für die Branche verträgliches Maß zurückgeführt werden, so Schmidt-Gallas weiter. Zudem hätte der Vertrieb wieder Luft, sich gewinnbringenden Tätigkeiten zu widmen. Nicht zuletzt wäre es auch im Sinne der Beratungsqualität, die Wechselperiode über das Gesamtjahr zu strecken.

Dass die Hauptfälligkeit überhaupt thematisiert wird, zeigt, dass die Lage angespannt ist. Die großen Gesellschaften müssen das Kfz-Geschäft als Türöffner zum Kunden zum Teil teuer quersubventionieren und suchen nach Auswegen. Die Branche kann sich den Preiskampf nicht ewig leisten. Zuletzt wurden schon vereinzelt Prämien angehoben. Die Trendwende scheint unausweichlich. Denn der „Geiz-ist-geil-Klientel“ weiterhin mit Dumping-Tarifen nachzulaufen, ist ein Fass ohne Boden.

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