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Versicherer noch ohne Einheitstarife für Frauen und Männer in der Schublade

Einer Umfrage des Verbraucher- und Finanzportals Financescout 24 zufolge hat bislang kaum ein Versicherer bereits sogenannte Unisex-Tarife entwickelt. Stattdessen überwiegt die Hoffnung, dass der Europäische Gerichtshof (EuGH) geschlechtsspezifische Tarife [1] weiter für zulässig erklärt.

Das neue Jahr könnte für Deutschlands Versicherer eine Neuerung bringen, die sie am liebsten vermeiden würden: Derzeit prüft nämlich der EuGH , ob die Assekuranz die Prämien von Frauen und Männern angleichen muss, um dem Antidiskriminierungsgebot gerecht zu werden. Versicherer wie Huk Coburg, DEVK oder Admiral Direkt betonten im Rahmen der Befragung unisono, dass nicht das Geschlecht, sondern das vom Kunden ausgehende Risiko ausschlaggebend für die Berechnung der Tarife sei und diese Vorgehensweise sehr wohl ihre Berechtigung habe.

Männer bezahlten deshalb höhere Beiträge in der Autoversicherung, weil sie häufiger als Frauen schwere Unfälle verursachen. Dafür seien zum Beispiel private Rentenversicherungen für Frauen teurer, weil sie im Schnitt fünf Jahre länger lebten als Männer. Für Financescou t24-Geschäftsführer Dr. Errit Schlossberger ist diese Kalkulation nachvollziehbar: “Wer mehr kostet, muss mehr bezahlen. Die Versicherer berechnen die Prämien auf Basis von Statistiken – und die sind so objektiv wie eindeutig.”

Laut einem Sprecher der Huk Coburg: Die Differenzierung der Tarife nach dem Geschlecht verstoße keineswegs gegen das Gleichbehandlungsgebot, sondern entspreche diesem sogar explizit: Demnach müssten gleiche Risiken gleich und ungleiche Risiken ungleich behandelt werden. Unisextarife zwängen die Gesellschaften dazu, ungleiche Risiken gleich zu behandeln. Schlossberger fürchtet gar, dass Einheitstarife zu einem generellen Prämienanstieg führen könnten: In der privaten Rentenversicherung würden die Prämien für Männer steigen, damit Frauen nicht länger vermeintlich diskriminiert werden. Als Konsequenz käme es zu Kündigungen von Männern, die diese Anpassung nicht mittragen wollen. Weil die Zahl der Versicherten sänke und es bei den Assekuranzen zu Beitragsabflüssen käme, würden diese die Tarife generell erhöhen – auch diejenigen der Frauen. “Am Ende würde niemand mehr vermeintlich diskriminiert. Aber alle müssten höhere Beiträge zahlen”, kritisiert der Financescout 24-Chef.

Seite 2: Verbraucherschützer pochen EU-weit auf Unisex-Tarife

Dass es soweit kommt, ist indes nicht unwahrscheinlich, denn die Generalanwältin am EuGH in Luxemburg hält Preisunterschiede bei Versicherungsprämien für diskriminierend. In den meisten Fällen folgen die Richter dem Schlussantrag ihrer Generalanwälte. Geklagt hatten ein belgischer Verbraucherschutzverband und zwei Privatpersonen. Gewinnen diese den Prozess, müssen die Versicherer nach einer Übergangsfrist von drei Jahren Unisextarife für alle Policen anbieten. Auch Altverträge müssten angepasst werden.

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen hierzulande unterstützt die Klage. Bei den Riester-Verträgen habe die Anpassung schließlich auch geklappt. Dort gibt es bereits seit dem Jahr 2006 Einheitstarife; Männer bezahlen seither höhere Beiträge. Einheitstarife sind ferner bereits bei Rechtsschutzpolicen und einigen Sachversicherungen Standard. Bei der DEVK gibt es auch private Krankenzusatzversicherungen, die auf separate Tarife für Frauen und Männer verzichten.

Der Gesamtverband der Versicherer in Deutschland (GdV) fürchtet für den Fall, dass Unisextarife zur Pflicht werden, dass auf die Lebensversicherer enorme Kosten zukommen könnten. Schlossberger hierzu: “Bei den teureren Tarifen mag das nicht so sehr ins Gewicht fallen. Es wäre aber naiv zu glauben, dass diese Mehrkosten bei den günstigsten Tarifen nicht an die Kunden weitergereicht werden.” (te)

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