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Versicherungsratings: Hinweise vom Profi

Das Angebot an Versicherern auf dem deutschen Markt ist breit gestreut, die Zahl der Produkte schier unüberschaubar. Ratings können Endverbrauchern und Vermittlern bei der Suche nach der richtigen Offerte helfen. Wer sind die wichtigsten Player und wie arbeiten sie?

Text: Mathias Ohanian

Bis Mitte der 1990er-Jahre spielten Ratings auf dem deutschen Versicherungsmarkt kaum eine Rolle. Die Branche war reguliert, Produkte und Vertragsbedingungen unterschieden sich kaum. Erst 1994 änderte sich das Umfeld: Die Deregulierung setzte ein und mit ihr wurde die Einheitlichkeit der Produkte aufgehoben. Ein ausgeprägter  Wettbewerb bezüglich der Ausgestaltung des Versicherungsschutzes war die Folge und die neuen Produkte wurden immer heterogener.

Unternehmen und Produkte

Wer heute in diesem Dschungel an Offerten den Überblick behalten will, ist gut beraten, sich Hilfe bei den Profis  zu holen. Dabei ist zu unterscheiden, ob das betrachtete Rating die Versicherungsgesellschaft selbst oder ein von ihr angebotenes Produkt beurteilt. Je nach Art wird zwischen einem Unternehmens- und einem Produktrating unterschieden.

Allgemein gilt: Ein reines Unternehmensrating sagt noch nichts über die Qualität der angebotenen Produkte aus. Anders herum kann auch ein Produktrating keine Rückschlüsse auf die finanzielle Lage eines Versicherers geben. Bei der Entscheidung für ein angebotenes Produkt sollten daher immer sowohl die wirtschaftliche Situation des Unternehmens als auch die spezielle Beurteilung der Offerte berücksichtigt werden.

Fitch, Moody´s und S&P dominieren international

Die weltweit bekanntesten Analysehäuser sind die drei international tätigen Agenturen Fitch Ratings, Moody’s und Standard & Poor’s. Allesamt haben sie ihren Ursprung in den USA und heute ihren Sitz in New York. Fitch hat zudem eine Zentrale in London.

Seite 2: Warum Geschäftsberichte oftmals nicht ausreichen [1]

Die Geschichte der Ratingagenturen geht zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Eisenbahn in Nordamerika gebaut wurde. Der Bau erforderte hohe Kredite, die Banken alleine nicht stemmen konnten. Daher gaben die Unternehmen Anleihen aus. Henry Varnum Poor war es, der 1868 Investoren das erste Handbuch mit Informationen zu den Gesellschaften aus der Eisenbahnindustrie bereitstellte.

Früher Eisenbahn, heute Versicherungen, Banken und Staaten

Heute bewerten die großen Drei neben Unternehmen auch Banken und Staaten. Für den hiesigen Versicherungsmarkt führen sie in der Regel Analysen durch, welche die gegenwärtige finanzielle Lage einer Gesellschaft beurteilen.

Tim Ockenga, Fitch Ratings

Fitch führt Ratings durch, welche die finanzielle Stärke von Unternehmen einschätzen. „Ein Finanzstärkerating bezieht sich auf die versicherungsvertraglichen Verpflichtungen eines Anbieters gegenüber Versicherungsnehmern und Vertragsinhabern“, so Tim Ockenga, Analyst bei Fitch.

In die Bewertung fließen sowohl die rechtliche Organisationsstruktur einer Gesellschaft als auch die betriebliche Strategie und die Produktpalette mit ein. Ebenso wird die Sparte, in der die Versicherung tätig ist, berücksichtigt.

Des Weiteren werden auch Management und Unternehmensleitung analysiert. „Das ist deshalb wichtig, weil Insolvenzen von Versicherungsunternehmen in entwickelten Märkten bislang hauptsächlich durch Managementfehler verursacht wurden“, so Ockenga.

Tim Ockenga: “Geschäftsberichte reichen nicht aus”

Nicht zuletzt analysiert Fitch viele Finanzkennzahlen. Insbesondere in diesem Bereich ist die Mitarbeit der Versicherer notwendig. „Allein öffentlich zugängliche Informationen reichen oft nicht aus, um eine vollständige Finanzanalyse durchzuführen. Viele wichtige Finanzinformationen stehen häufig nicht im Geschäftsbericht. Daher fragen wir bei den Versicherern auch interne Dokumente an“, sagt Ockenga. Nachhaken muss sein Team regelmäßig beim Thema Kapitalanlage. Beispielsweise die tatsächliche Ertragslage eines Versicherers sei aus den Geschäftsberichten nicht immer zu erkennen.

Die Frage nach dem Kapitalanlageverhalten der Versicherer ist insbesondere für die Rendite von Altersvorsorgepolicen wichtig. Erwirtschaften Versicherer selbst eine hohe Rendite, hat das positive Auswirkungen auf die Rendite des Endverbrauchers.

Seite 3: Wer wacht über die Bonität der deutschen Assekuranz? [2]

Auch Standard & Poor’s (S&P) bewertet die finanzielle Stabilität von Versicherungsunternehmen. Dabei unterscheidet die Agentur zwischen zwei Ansätzen, die sich eigenen Angaben zufolge vornehmlich in Art und Umfang der zugrunde liegenden Informationen unterscheiden.

Das sogenannte interaktive Finanzkraftrating beruht auf einer breiten Informationsbasis und erfolgt im Auftrag des jeweiligen Versicherers. Daneben führt S&P auch sogenannte pi-Ratings durch, wobei pi für public information – zu Deutsch öffentlich zugängliche Informationen – steht. Wie der Name sagt, verwenden die Analysten dafür keine internen Daten. Wie die beiden genannten Bonitätsprüfer führt auch Moody’s hierzulande Versicherungsratings durch, die Aussagen über die Finanzstärke von Versicherungsgesellschaften treffen.

Nationale Wettbewerber mit unterschiedlichen Ansätzen

Die hiesigen Wettbewerber der großen Drei verfolgen in der Regel andere Ansätze. Assekurata beispielsweise versteht sich als Ratingagentur, die vor allem aus Kundensicht bewertet. Um die Kundenorientierung zu messen, kontaktiert ein Marktforschungsinstitut im Auftrag von Assekurata für jedes Unternehmensrating repräsentativ 800 Kunden und befragt diese zu ihrer Bindung und Zufriedenheit mit dem Anbieter.

Reiner Will, Assekurata

Bei Gesellschaften, die ihre Produkte vor allem über Makler und Mehrfachagenten vertreibt, werden auch die auf den Plan getretenen Vermittler kontaktiert. „Bei Maklerversicherern ist der Vermittler der persönliche Kontakt zwischen den beiden Vertragspartnern. Weil er im Sinne des Kunden handeln soll, weiß er am besten, was der Kunde will“, so Dr. Reiner Will, Geschäftsführer bei Assekurata.

Das Resultat der Telefonumfrage fließt als Teilergebnis zu einem Viertel  (Lebensversicherungs- und Krankenversicherungsrating) beziehungsweise einem Drittel (Unfallversicherungsrating) in das Endergebnis mit ein. Weitere Teilergebnisse sind Sicherheit, Wachstum/Attraktivität und Erfolg. Besonderheiten der einzelnen Sparten: Beim Rating von Lebensversicherungen wird das Teilergebnis Gewinnbeteiligung/Performance mit 30 bis 45 Prozent gewichtet. Entscheidend ist dort, welches Ausmaß das Geschäft mit Fondspolicen beim jeweiligen Versicherer ausmacht. Im Bereich Kranken ist die Beitragsstabilität mit 35 Prozent gewichtet.

Assekurata achtet auch auf Kundenzufriedenheit

Auch wenn Assekurata im Gegensatz zu den internationalen Bonitätsprüfern die Kundenzufriedenheit einbezieht, sieht die Kernherausforderung ähnlich aus. „Natürlich spielt auch beim kundenorientierten Rating die betriebswirtschaftliche Konstitution der Gesellschaft eine zentrale Rolle. Überschussbeteiligung und Beitragsanpassungen hängen beispielsweise unmittelbar mit der wirtschaftlichen Situation zusammen. Daher muss auch hier zunächst die finanzielle Stärke des Unternehmens untersucht werden“, so Will.

Die Analysen von Assekurata basieren eigenen Angaben zufolge vor allem auf internen, vertraulichen Daten. Veröffentlichte Jahresabschlüsse und Berichte von Wirtschaftsprüfern haben nur begrenzte Aussagekraft über die Finanzstärke, so die Erfahrung der Analysten.

Seite 4: Das Kennzahlensystem von Morgen & Morgen [3]

Joachim Geiberger, M&M

Das Hofheimer Analysehaus Morgen & Morgen (M&M) hat für sein Rating von Lebensversicherungsunternehmen ein System entwickelt, das im ersten Schritt mit Geschäftsberichten arbeitet. Auf Basis dieser Veröffentlichungen bilden die Analysten um Geschäftsführer Joachim Geiberger insgesamt neun Kennzahlen, von denen jede einzelne einen spezifischen Aspekt des Unternehmens beleuchtet.

Werden diese Kennziffern über längere Zeit betrachtet und mit anderen Gesellschaften verglichen, können die Prüfer relevante Aussagen über die Unternehmen treffen. So lässt beispielsweise die Kenngröße Storno einen Rückschluss auf die Qualität der Beratung, der Tarife und der Vertriebswege zu, so die Analysten.

M&M setzt auf neun Kennzahlen plus Stresstest

Weitere Kennzahlen betreffen Nettoverzinsung, Abschluss- und Verwaltungskosten sowie das Wachstum einer Gesellschaft. Daneben werden auch die Bewertungsreserven [4], die freie RfB – eine Art Puffer zur Glättung der Gewinnbeteiligung –, die modifizierte Eigenmittelquote und die Überschüsse ermittelt. Mithilfe dieser Kennzahlen gewinnen die Analysten Einzelergebnisse, die letztlich zu einem Gesamtergebnis für jede Gesellschaft zusammengeführt werden.

Dieses Rating hat M&M um einen Belastungstest ergänzt, der unternehmensspezifische Daten beinhaltet, die nicht immer vollständig publiziert werden. In diesem Verfahren werden jeweils ein Zins- (minus 1,25 Prozent) und ein Aktiencrash (minus 20 Prozent) simuliert. „Das daraus entstandene benötigte Risikokapital wird dem verfügbaren Risikokapital gegenübergestellt und somit die Sicherheitsquote ermittelt“, so Geschäftsführer Geiberger.

Bei einem Wert von über 100 Prozent verfügt das Unternehmen im Krisenfall über das erforderliche Risikokapital und kann die Auswirkungen der Krise tragen. Neben dem Unternehmensrating für Lebensversicherer veröffentlicht M&M auch Bewertungen zu Krankenvollversicherungen und Berufsunfähigkeitspolicen (BU). Für das BU-Rating haben die Analysten eigenen Angaben zufolge branchenweit interne Daten und Kennzahlen wie Bestandskennzahlen, Leistungsfälle und dergleichen ermittelt. Das Rating setzt sich zusammen aus den Teilergebnissen Bedingungen (50 Prozent), Kompetenz (30 Prozent), Solidität (zehn Prozent) und Antragsfragen (zehn Prozent).

In der Krankenvollversicherung zählt Beitragsstabilität

Des Weiteren führt M&M auch ein sogenanntes Beitragsstabilitäts-Rating durch, das Krankenvollversicherungen auf den Prüfstein legt. Dabei soll die Antwort auf die Frage gegeben werden: Wie stabil sind die Beiträge im Marktvergleich? Dafür werden die relativen und absoluten Beitragssteigerungen der letzten zehn Jahre für Neugeschäftsprämien untersucht. Die Gesellschaft Morgen & Morgen feiert in diesem Jahr ihr zwanzigjähriges Bestehen.

Seite 5: Franke & Bornberg vertrauen auf Eigenanalysen [5]

Ein weiteres Urgestein auf dem deutschen Bewertermarkt ist Franke & Bornberg (F&B). Die Hannoveraner führen bei der Erstellung ihrer Ratings ausschließlich Eigenanalysen durch und verschicken keine Fragebogen an die einzelnen Unternehmen.

Michael Franke, Franke & Bornberg

„Wir beschaffen uns die Versicherungsbedingungen selbst, anhand derer wir unsere Bewertung anschließend durchführen“, sagt Michael Franke, geschäftsführender Gesellschafter der Franke & Bornberg GmbH. Das hat den Vorteil, dass nicht der Versicherer, sondern das Analysehaus selbst die Feststellung der Leistungen vornimmt.

Da die Analysten bereits seit 1994 am Markt sind, funktioniert die Zusammenarbeit mit den Assekuranzen gut. „Etwa 85 Prozent der beurteilten Versicherer schicken uns mittlerweile von sich aus die für uns notwendigen Informationen zu“, so Franke. Aktuell veröffentlicht F&B Ratings sowohl zu Berufsunfähigkeitspolicen als auch zu Produkten aus allen drei Schichten der Altersvorsorge. Dabei werden neben fondsgebundenen und klassischen Policen auch Hybridprodukte bewertet.

Ratings als Entscheidungshilfen

Ab Anfang 2010 wollen die Analysten auch Ratings aus den Bereichen Krankenversicherung und Komposit veröffentlichen. Die dafür notwendigen Daten werden von F&B bereits seit 2005 zusammengestellt und zu Analysen zusammengefasst. Eine weitere Neuerung: Ab kommendem Jahr nehmen F&B auch die Tarifleistungen genauer unter die Lupe. Die Bewertung berücksichtigt beispielsweise die Rückkaufswerte einzelner Policen zu jedem Vertragszeitpunkt. Das ist notwendig, denn: „In der Regel vergleichen Vermittler einzelne Policen anhand ihrer Ablaufleistungen. Das wissen viele Versicherer und kalkulieren ihre Produkte ablauforientiert“, so Franke.

Das heißt im Umkehrschluss: Über die Laufzeit fällt der Rückkaufswert bei Versicherern sehr unterschiedlich und teilweise sehr mickrig aus. „Bei einzelnen Versicherern kann es bei 35-jährigen Verträgen sechs Jahre dauern, bis der Rückkaufswert den eingezahlten Beiträgen entspricht, bei anderen bis zu 18 Jahren oder länger“, so Franke.

Auch Map-Report oder Stiftung Warentest helfen bei der Auswahl

Neben den vorgestellten Ratingagenturen tummeln sich diverse andere Anbieter von Analysen und Vergleichsportalen, die bei der Auswahl eines Produkts ebenfalls zu Rate gezogen werden können. Der Map-Report, herausgegeben von Branchen-Urgestein Manfred Poweleit, setzt sich seit Jahren mit der Versicherungswirtschaft auseinander – inklusive regelmäßigen Veröffentlichungen zu diversen Themen. Ein weiterer Marktteilnehmer: Die Stiftung Warentest mit dem Finanztest. Dieser Anbieter vergibt unter anderem Gütesiegel für Versicherungsprodukte. Daneben gibt es Anbieter von Vergleichsprogrammen, die Rankings von Produkten erstellen. Neben Morgen & Morgen tut das beispielsweise die Hamburger Gesellschaft Softfair.

Allen Anbietern ist gemein, dass sie keine Kaufempfehlungen geben, sondern lediglich Entscheidungshilfen darstellen, die Vermittler und Endverbraucher auf der Suche nach dem richtigen Produkt bei der richtigen Gesellschaft unterstützen sollen.

Fotos: Shutterstock; Morgen & Morgen; Franke & Bornberg; Fitch Ratings