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Betriebliche Krankenversicherung: „Arbeitgeber bewegen sich“

Die betriebliche Krankenversicherung gilt als lukrativer Wachstumsmarkt. Dr. Matthias Becker, Partner von der Unternehmensberatung Boston Consulting Group, erläutert in Cash., wie es um den Arbeitsmarktfaktor „Gesundheit“ bestellt ist.

Dr. Matthias Becker, Boston Consulting Group

Cash.: Die betriebliche Altersversorgung (bAV) hat sich in den Unternehmen etablieren können. Von der betrieblichen Krankenversicherung (bKV) lässt sich das noch nicht sagen. Wie beurteilen Sie die Fortschritte der Unternehmen in der bKV?

Becker: Während das Thema bei vielen Dax-Konzernen schon etabliert ist, bieten nur 15 bis 20 Prozent der großen mittelständischen Unternehmen eine betriebliche Krankenversicherung an.

Im Wettbewerb um hochqualifizierte Fachkräfte kann die bKV ein attraktiver Baustein bei den betrieblichen Sonderleistungen sein; gleichzeitig wird damit die signifikante ökonomische Belastung durch krankheitsbedingte Arbeitsausfälle adressiert.

Weit mehr als 50 Prozent der Personalleiter halten das Thema für strategisch relevant. Wir sehen zudem, dass sich die bKV-Lösungen von traditionellen Gruppenversicherungsangeboten hin zu sogenannten „Health Packages“ weiterentwickeln, mit denen Arbeitgeber attraktive Gesamtpakete anbieten, die dem gestiegenen Gesundheitsbewusstsein entsprechen.

Die Integration von Versicherungskomponenten und Präventionsangeboten oder individuellen Coaching-Programmen für gesundheitsbewusstes Verhalten ermöglicht umfassende Angebote, die nach Segmenten ausdifferenziert werden können.

Seite zwei: Politik hat die Bedeutung der betrieblichen Gesundheit erkannt [1]

Cash.: Wird sich die arbeitgeber- oder die arbeitnehmerfinanzierte bKV durchsetzen?

Becker: Durch die zunehmende Verbreitung von Zusatzversicherungen nach Sachversicherungsart erwarten wir einen Wachstumsschub für das arbeitgeberfinanzierte bKV-Geschäft, da gerade im betrieblichen Kontext die ökonomische Attraktivität von Versicherungsangeboten ohne Alterungsrückstellungen steigt – zudem bietet diese Produktart dem Versicherten mehr Flexibilität für die Zeit nach der Unternehmenszugehörigkeit.

Aber auch im Bereich der arbeitnehmerfinanzierten betrieblichen Krankenversicherung besteht Wachstumspotenzial, was sich an der steigenden Nachfrage nach privat finanzierten Gesundheitsleistungen, wie beispielsweise IGeL („Individuelle Gesundheitsleistungen“, die Ärzte in Deutschland Kassenpatienten gegen Selbstzahlung anbieten können), ablesen lässt.

Cash.: Kürzlich hat Europas größter Versicherer, die Allianz, nach einer Testphase den Schritt in das Geschäftsfeld bKV unternommen. Werden weitere Anbieter dem Beispiel der Allianz folgen?

Becker: Die PKV-Industrie setzt zunehmend auf das Geschäft mit Unternehmen als vertrieblich attraktiven und – im Vergleich zum Retailgeschäft – großflächigen Zugang zu attraktiven Versichertensegmenten, die besonders gute Risiko- und Solvenzprofile aufweisen.

Bei Anbietern wie Axa, DKV oder Gothaer liegt der Fokus je nach Unternehmensstrategie und Etablierung im Markt auf Angeboten für Großunternehmen, auf Lösungen für internationale Kunden oder auf innovativen Paketen für größere mittelständische Kunden.

Cash.: Welche Hausaufgaben hat der Gesetzgeber noch zu erledigen, um die bKV attraktiver zu gestalten?

Becker: Vor dem Hintergrund der demografischen Veränderungen hat die Politik die Bedeutung der betrieblichen Krankenversicherung erkannt. Sowohl im Bundesministerium für Arbeit und Soziales als auch im Bundesministerium für Gesundheit gibt es aktuell Initiativen, um das Thema voranzutreiben.

Derzeit können die im Rahmen von „Health Benefit Packages“ entstehenden Kosten für Krankenversicherungs- und Präventionsleistungen bis zu 500 Euro pro Jahr und Mitarbeiter steuerlich geltend gemacht werden.

Dennoch fällt die Inanspruchnahme durch Unternehmen trotz einer ersten Vereinfachung im Jahr 2009 derzeit äußerst gering aus. Hier könnte der Gesetzgeber durch weitere Vereinfachung und Pauschalierung der Nachweispflicht die Implementierung von betrieblichen Programmen erleichtern.

Das Gespräch führte Lorenz Klein, Cash.

Fotos: Shutterstock & Boston Consulting Group