- Finanznachrichten auf Cash.Online - https://www.cash-online.de -

„Wir liegen erst bei 50 Prozent“

Dr. Markus Arnold ist Leiter des Firmenkundengeschäfts beim Versicherer Allianz Leben und Vorstand der Allianz Pensionsfonds AG. Cash. befragte ihn zur aktuellen Situation sowie zu den künftigen Trends in der betrieblichen Altersvorsorge (bAV).

Cash.: Wie schätzen Sie für 2012 das Marktpotenzial der betrieblichen Altersvorsorge in Deutschland ein?

Arnold: Trotz stetigen Wachstums in den vergangenen zehn Jahren besteht in der bAV nach wie vor Nachholbedarf. Der Anteil der Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft mit einer bAV-Anwartschaft liegt erst bei gut 50 Prozent. Zudem reichen viele Anwartschaften der Höhe nach noch nicht aus, damit die bAV, als zweite Säule in der Altersvorsorge, die ihr zugedachte Ergänzungsfunktion vollständig erfüllen kann.

Cash.: Was muss geschehen?

Arnold: Um insbesondere die unteren Einkommensgruppen noch besser zu erreichen, sind sowohl die Tarifparteien als auch Arbeitgeber und Anbieter gefragt. Beispielsweise lassen sich viele Mitarbeiter, die an der herkömmlichen Entgeltumwandlung nicht teilnehmen, über intelligente „Opting-Out-Modelle“ erreichen (Anm. der Redaktion: Opting-Out bedeutet, dass ein bAV-Abschluss automatisch zu Stande kommt. Mitarbeiter, die das nicht wollen, müssen ausdrücklich widersprechen).

Cash.: Müssen Arbeitgeber im Rahmen der bAV-Beratung mehr tun?

Arnold: Im Hinblick auf die Interessen der Arbeitgeber gibt es produktseitig mit der Direktversicherung und Pensionskasse schon heute sehr einfache Lösungen mit minimalem Risiko und Verwaltungsaufwand für die Arbeitgeber. Die Herausforderung besteht wie gesagt vor allem darin, die Mehrheit der Mitarbeiter zu erreichen. Schlüssel hierfür bleibt eine qualifizierte Beratung von Arbeitgeber und Arbeitnehmer, idealerweise flankiert durch zusätzliche Anreize des Arbeitgebers. Weit verbreitet und bewährt ist dabei die Weitergabe der Sozialversicherungsersparnis in Form von Zuschüssen zur Entgeltumwandlung.

Seite 2: Arnold über Zuschussrente und Trends bei den Durchführungswegen [1]

Cash.: Nach Plänen der Bundesregierung sollen Geringverdiener ab 2013 von einer Zuschussrente profitieren, die auch an eine bAV gekoppelt werden kann. Was halten Sie davon?

Arnold: Bei der Zuschussrente kommt es wie immer auf die Details an, beispielsweise darauf, dass ein solches Modell die Anreize zur Eigenvorsorge, wie etwa in der bAV nicht beschädigt. In diesem Zusammenhang sollte etwa die Anrechnung von bAV-Leistungen vermieden werden.

Cash.: Welche Branchentrends sehen Sie bei den fünf Durchführungswegen?

Arnold: Für die bAV-Grundversorgung werden die Direktversicherung und die Pensionskasse aufgrund ihrer Vorzüge – einfach, kostengünstig, risikoarm – die beliebtesten Durchführungswege mit den meisten Neuzusagen bleiben. Der Pensionsfonds spielt mit wenigen Ausnahmen lediglich bei der Übertragung bereits bestehender bilanzieller Verpflichtungen (Pensionsrückstellungen) eine Rolle, die Versorgung der einzelnen Arbeitnehmer ist von einer solchen Auslagerung zumeist gar nicht betroffen. Das Chancen-Risiko-Profil bestimmter Anlagestrategien berührt in diesem Fall ausschließlich den Arbeitgeber, die einschlägigen rechtlichen Rahmenbedingungen halten wir für ausreichend. Unterstützungskasse und Direktzusage werden schwerpunktmäßig für die Aufstockung der bAV eingesetzt, dort wo der Dotierungsrahmen des Parafgrafen 3.63 Einkommensteuergesetz (EStG) nicht ausreicht.

Cash.: Wie bewerten Sie die Situation der firmeneigenen Pensionskassen?

Bei Diskussionen um die firmeneigenen regulierten Pensionskassen geht es in der Regel gar nicht um die unbestrittene Eignung des Durchführungswegs an sich, sondern um die Frage, ob sich eine eigene Pensionskassen unterhalb einer bestimmten Größenordnung überhaupt effizient betreiben läßt und ob der Arbeitgeber Risiken, wie eine Nachschussverpflichtung bei Unterdeckung zu tragen bereit ist. Dies können nur die betroffenen Trägerunternehmen selbst beurteilen.

Seite 3: Portabilität und EU-Pläne in der Diskussion [2]

Cash.: Deutsche Mitarbeiter werden immer mobiler: Wie ist es um die Mitnahme von Versorgungsrechten bestellt?

Arnold: Im Rahmen der vorhandenen Übertragungsabkommen für die Direktversicherung, Pensionskasse und bestimmte Pensionsfondsverträge sind bereits heute kostenlose Übertragungen ohne erneute Abschlußkosten und ohne erneute Gesundheitsprüfung branchenweit möglich und werden auch praktiziert. Damit sind weit über 90 Prozent der Verträge mit Entgeltumwandlung abgedeckt. Viele Arbeitgeber ermöglichen neu eingestellten Mitarbeitern auch die Fortführung ihres vorhandenen Vertrags.

Cash.: Wäre es nicht hilfreich, dass steuerliche Rahmenbedingungen bei den externen Versorgungsträger vereinheitlicht werden?

Arnold: Eine Vereinheitlichung über alle Durchführungswege halten wir aufgrund deren jeweiliger Spezifika für nicht realistisch und auch nicht für sachgerecht – insbesondere das in der Regel vom Arbeitgeber finanzierte Instrument der Direktzusage mit allen Freiheitsgraden setzt der Portabilität natürliche Grenzen, will man nicht die Unternehmen von der Erteilung derartiger Zusagen abschrecken.

Cash.: Auf europäischer Ebene stehen in diesem Jahr die Themen Solvency II und die Überarbeitung der EU-Pensionsfondsrichtlinie im Fokus. Welche Auswirkungen sind hier für die bAV zu erwarten?

Arnold: Unabhängig von Solvency II wird immer wieder eine Überarbeitung der EU-Pensionsfondsrichtlinie diskutiert. Solange aber die nationalen Steuer-, Arbeitsrechts- und Sozialversicherungssysteme national geprägt sind, werden grenzüberschreitende bAV-Lösungen eine Randerscheinung bleiben. Für die Praxis spielt eine größere Rolle, ob und inwieweit die Anforderungen aus Solvency II auf Einrichtungen der bAV (regulierte Pensionskassen, Pensionsfonds) übertragen werden. Zunächst ist festzustellen, daß selbst die Regelungen für Lebensversicherer nich nicht abschließend fixiert und einige der vorliegenden Vorschhläge noch nicht sachgerecht sind. Bezüglich der genannten bAV-Einrichtungen sind wir optimistisch, daß der Gesetzgeber deren Besonderheiten angemessen berücksichtigen wird. Dies kann beispielsweise bedeuten, daß eine Firmenpensionskasse dann weniger Eigenmittel bereithalten muss, wenn eine (insolvenzgesicherte) Nachschusspflicht des Arbeitgebers besteht.

Interview: Lorenz Klein

Foto: Allianz Leben