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bAV: Vorsorge-Baustein mit Reformbedarf

Die betriebliche Altersversorgung (bAV) steht in Deutschland vor einer Bewährungsprobe. Die Marktdurchdringung kommt nur langsam voran und die Menschen fühlen sich aufgrund der volatilen Kapitalmärkte verunsichert.

Stefanie Alt, Nürnberger: “Die Anlagegelder werden in innovative Produkte investiert. Diese kombinieren konventionelle Garantieelemente mit modernen Fondsanlagen.”

Menschen von der Notwendigkeit einer privaten Altersvorsorge zu überzeugen, war noch nie ein leichtes Unterfangen. Glaubt man den Einschätzungen diverser Meinungsforscher, dürfte der Schwierigkeitsgrad dieser Aufgabe weiter zugenommen haben: “Öffentliche Debatten und kritische Medienberichte über die demografische Entwicklung sowie über die Rentabilität von gesetzlicher Rente und kapitalgedeckter Altersvorsorge verunsichern viele Menschen”, heißt es geradezu exemplarisch in einer aktuellen Studie zur betrieblichen Altersversorgung (bAV [1]), die die Generali Versicherungen und das F.A.Z.-Institut veröffentlicht haben.

Deutsche sind verunsichert

Die Erkenntnis der Studie dürfte im Alltag der bAV-Vermittler [2] und der bAV-Verantwortlichen in den Unternehmen inzwischen täglich zu besichtigen sein. So berichten die 100 befragten Personalverantwortlichen in deutschen Unternehmen mit 50 bis 500 Mitarbeitern, dass sie von der Belegschaft häufig auf den Lebensstandard angesprochen werden, den sie nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben zu erwarten hätten (57 Prozent).

Dabei zeigten sich viele Beschäftigte verunsichert, teilen die Autoren der F.A.Z.-Studie mit. Andere Studien kommen zu ähnlichen Resultaten: Laut einer im Juni 2013 veröffentlichten repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap geht drei Viertel der Deutschen (76 Prozent) davon aus, dass ihre Altersversorgung durch die Eurokrise zukünftig geringer ausfallen wird.

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Gleichzeitig befürchtet fast die Hälfte der Menschen (46 Prozent), die noch nicht in Rente sind, später einmal von Altersarmut betroffen zu sein. Die Versicherungsbranche äußert Verständnis für die Sorgen der Menschen, warnt aber zugleich davor, die private Altersvorsorge deshalb auf die lange Bank zu schieben.

Staat fördert bAV

“Die Verunsicherung der Menschen ist nachvollziehbar – dennoch ist es falsch, jetzt auf private Vorsorge zu verzichten”, sagt Dr. Alexander Erdland, Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Das Rentenniveau werde in Deutschland in den kommenden Jahren weiter sinken, es gelte daher, die entstehende Lücke zu schließen, so Erdland.

Um das Loch in der künftigen Rente zu stopfen, scheint der Baustein betriebliche Altersversorgung geradezu prädistiniert, denn der Staat fördert den Abschluss einer bAV. Vom Bruttogehalt des Arbeitnehmers, das über eine sogenannte Entgeltumwandlung in eine bAV fließt, werden bis zu vier Prozent der Beitragsbemessungsgrenze im Jahr (2.784 Euro) von der Steuer und der Sozialversicherung befreit.

In den Ohren der Arbeitnehmer dürfte sich dieses Argument zunächst sehr überzeugend anhören. Doch zuletzt hatten Berechnungen des Bamberger Altersvorsorge-Forschers Professor Ulrich-Arthur Birk den guten Ruf der Betriebsrente angekratzt. Birks These lautet, dass die bAV trotz der staatlichen Subvention [3] für viele Menschen keine lohnende Anlage für den Ruhestand sei. Die Branche bemüht sich nun nach Kräften, die Zweifel an der bAV zu zerstreuen.

Seite zwei: bAV-Rentabilität umstritten [4]

“Die Verunsicherung der Bürger ist gerade in Zeiten volatiler Kapitalmärkte bei einem insgesamt historisch niedrigen Zinsniveau gut nachvollziehbar. Auf den ersten Blick scheint es, als könnten die Erträge der Kapitalanlage den Kaufpreisverlust nicht decken, sodass unter dem Strich eine negative Rendite droht”, sagt Dr. Stefanie Alt, Geschäftsführerin der Nürnberger Beratungs- und Betreuungsgesellschaft (NBB).

Nach Meinung der bAV-Expertin seien diese Ängste jedoch “zweifach unbegründet”. “Erstens werden die Anlagegelder bei den Versicherern in innovative Produkte investiert. Sie vereinen Sicherheit und Chance durch die Kombination konventioneller Garantieelemente mit modernen Fondsanlagen”, erklärt Alt.

Steuerspareffekte durch Bruttosparen

Zum Zweiten profitiere der Sparer im Rahmen der bAV vom Bruttosparen: “Investitionen in die bAV erfolgen stets brutto, das heißt vor Abzug von Steuern und Sozialabgaben, so dass der Kunde von umfangreichen Steuerspareffekten profitiert. Der Abschluss einer bAV lohnt sich damit gerade in der heutigen Zeit.”

Dies gelte umso mehr, wenn sich der Arbeitgeber im Rahmen einer modernen Personalpolitik an den Beiträgen in die bAV beteilige, ergänzt die bAV-Fachfrau. Verzichtet der Arbeitgeber allerdings auf einen Zuschuss, so sinkt die Attraktivität der bAV nach den Berechnungen von Wissenschaftler Birk merklich.

Für Beschäftigte, die von ihrem Chef keinen Zuschuss bekommen, zudem gesetzlich krankenversichert sind und nach 2005 einen Vertrag unterschrieben hätten, sei die Entgeltumwandlung für die Betriebsrente in der Regel nicht rentabel, so der Altersvorsorge-Forscher.

Finanzamt langt bei bAV zu

Birk begründet dies vor allem mit der gestiegenen Belastung der bAV durch das Finanzamt. So sind bei der Betriebsrente im Gegensatz zur Riester-Rente die vollen Beiträge für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) und die gesetzliche Pflegeversicherung (PV) fällig.

Für private Krankenversicherte gilt dies nicht, weil sie den Krankenkassenbeitrag von derzeit 15,5 Prozent in der Rentenphase nicht entrichten müssen. Darüber hinaus hatte Birk errechnet, dass sich die bAV für einen Arbeitnehmer mit einem Bruttoeinkommen von 3.400 Euro ebenfalls als unrentabel herausstellen kann.

Demnach würde die Belastung durch einen Grenzsteuersatz im Ruhestand von 25 Prozent und die infolge der Entgeltumwandlung reduzierten Rentenansprüche die Vorteile der Steuer- und Sozialversicherungsersparnis übersteigen.

Auf die Kritik, dass die erhobenen Daten nicht repräsentativ seien, reagierte Birk mit einer Ausweitung seiner Analyse auf die monatlichen Einkommenshöhen 2.500, 3.000 und 4.000 Euro – zudem berücksichtigte er Ehepaare.

Doch auch hier hat sich laut Birk gezeigt, dass die ermittelten Grenzsteuersätze die später gezahlten Betriebsrenten erheblich einschränken. Dies gelte nur nicht für jene Arbeitnehmer, die weniger als 2.500 Euro brutto verdienten.

Kritik an Rechtsvorschriften

Der Steuerberater und Vorsitzende des Beirats des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP), Professor Dr. Thomas Dommermuth, bezeichnet Birks Analyseergebnisse als “Extremfälle”, gleichwohl ärgert er sich über das derzeit geltende Steuer- und Sozialversicherungsrecht. Dieses würde sich zu einem “Gefährdungspotenzial für die bAV“ entwickeln, so Dommermuth. (lk)

Lesen Sie den vollständigen Artikel ab sofort in der neuen Cash.-Ausgabe 8/2013 [5] oder über die Cash.App [6].

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