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“bKV hat das Potenzial, mit der bAV gleichzuziehen”

Michael Harnisch, Geschäftsführer des Maklerunternehmens AVM Alters Vorsorge Management, erläutert, wie er das Marktpotenzial der betrieblichen Krankenversicherung bewertet und an welchen Verbesserungen die Versicherer noch zu arbeiten haben.

Michael Harnisch, AVM: “Die Idee eines Kombiprodukts aus bKV und bAV liegt nahe.”

Cash: Wie schätzen Sie den Markt für die betriebliche Krankenversicherung (bKV [1]) ein?

Die bKV wird in den nächsten Jahren enorm an Stellenwert gewinnen. Denn sie ist ein sehr interessantes Produkt, das Firmen ihrer Belegschaft anbieten können. Die Stichworte sind hier demografischer Wandel [2] und Fachkräftemangel. Hinzu kommt, dass jedes Unternehmen “seine” bKV individuell zusammenstellen kann.

Die Bausteine reichen von der Basisabsicherung wie Brillenzuzahlungen oder Zahnergänzung bis hin zur Absicherung auf Privatpatienten-Niveau, ohne die gesetzliche Krankenkasse verlassen zu müssen.

Kann die bKV langfristig den Stellenwert einer betrieblichen Altersvorsorge (bAV [3]) erreichen?

Die bKV hat ganz klar das Potenzial, mit der bAV gleichzuziehen. Denn anders als bei der bAV kann die bKV praktisch sofort von den Arbeitnehmern in Anspruch genommen werden, wohingegen die bAV-Leistung erst mit Eintritt in die Altersrente sichtbar wird. Ich bezeichne die bKV daher gern als den “Erste-Hilfe-Koffer” in der Mitarbeiterversorgung.

Wäre eine Kombination von bKV und bAV, wie sie etwa Christian Molt, Vorstand der Allianz Private Krankenversicherung, vorschwebt, wünschenswert?

Die Idee eines Kombiprodukts liegt nahe. Allerdings besteht die Gefahr, den Arbeitnehmer mit Informationen zu überfluten. Richtig implementiert sind kurzfristige und langfristige Versorgung aber äußerst wichtig, um den Mitarbeitern zu helfen, die Lücken in den gesetzlichen Systemen zu schließen.

Welche Herausforderungen in der bKV-Beratung müssen gelöst werden, um dem Ziel einer hohen Marktdurchdringung näher zu kommen?

Ideal wären Versorgungsmodelle analog zur bAV. Das bedeutet konkret, dass die bKV-Beiträge steuer- und sozialversicherungsfrei vom Arbeitgeber gezahlt werden könnten und die Mitarbeiter sie wie bei einer Entgeltumwandlung aus dem Bruttogehalt zahlen. Die vorhandene Regelung, dass der Arbeitgeber 44 Euro monatlich als Sachbezug nutzen kann, wird derzeit oft schon anderweitig von den Unternehmen genutzt.

Es gibt zwar heute schon Firmen, die eine arbeitgeberfinanzierte bKV oder eine Mischfinanzierung, etwa über Zuschüsse anbieten, doch wäre die Bereitschaft bei der Belegschaft viel größer, wenn die Beiträge nicht aus dem versteuerten Netto gezahlt werden müssten.

Die bKV-Angebote der Versicherer sind vielfältig und oftmals sehr unterschiedlich. Welche Entwicklungen hinsichtlich Produkt- und Prämiengestaltung beobachten Sie?

Aktuell drängen ständig neue Anbieter mit bKV-Angeboten auf den Markt. Diese Entwicklung bringt aber nicht nur Vorteile mit sich, da der bKV-Markt viel sensibler ist als der Bereich der “normalen” Zusatzversicherung. Denn für Unternehmen brauchen Sie – auch als Makler- – Produkte, die sich bewährt haben.

Ein Trial-and-Error-Prozess scheidet im Umgang mit Firmenkunden ganz klar aus. Da die alte Produktwelt sich aber nicht für eine moderne bKV eignet, gibt es nun viele neue bKV-Konzepte, die ihre Praxistauglichkeit noch beweisen müssen.

Die wichtigsten Kriterien sind eine einheitliche Prämiengestaltung und maximal drei Altersstufen, da sonst die Umsetzung in den Firmen nicht praktikabel ist.

Welche Innovationen würden den bKV-Markt voranbringen?

Bezogen auf das Leistungsspektrum ist alles am Markt vorhanden, was benötigt wird. Die größte Innovation wäre es, wie vorhin schon angedeutet, wenn der Arbeitnehmer seinen Beitrag aus dem Brutto fi nanzieren könnte. Denn in der Praxis kann sich der Otto-Normal- Mitarbeiter bisher auch die günstigsten Firmentarife oft nicht leisten.

Interview: Lorenz Klein

Foto: AVM