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Versicherer: Kontraproduktive Kapitalpflichten

Viele Versicherer richten ihre Kapitalanlagepolitik konsequent an den von ihnen zu erfüllenden Verpflichtungen aus. Insbesondere Infrastrukturprojekte passen gut zu den lang laufenden Verpflichtungen eines Lebensversicherers. Doch diese Anlageklasse erfordert viel Know-how und – zum Ärger von Experten – viel Eigenkapital.

Höhere Renditeerwartungen der alternativen Anlageklassen werden durch höhere Eigenkapitalanforderungen belastet.

Auf die Frage, worin das größte Risiko für den Kapitalanlagebestand des Kölner Lebensversicherers Gothaer bestehe, antwortet Finanzvorstand Harald Epple kurz und knapp: “Die größte Gefahr wäre ein massiver Ausfall.”

Er schickt allerdings umgehend hinterher, dass man dies nicht erwarte, da die Anzeichen im Euro-Raum auf eine wirtschaftliche Erholung hindeuteten. So habe man zuletzt unter anderem kleinere Zukäufe in Spanien getätigt.

Peripheriestaaten wieder im Blick

Diese positiven Aussichten teilt man offenbar bei der Württembergischen – und tastet sich wieder etwas mehr ins Risiko vor. In der jüngeren Vergangenheit habe der Investitionsschwerpunkt wieder stärker auf den Peripheriestaaten der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion gelegen, sagt Alexander Mayer, Kapitalmarktexperte und Generalbevollmächtigter der Württembergischen Lebensversicherung.

Zudem habe man den weiteren Ausbau von europäischen Registered Covered Bonds betrieben. “Insgesamt kommen in diesem weiterhin sensiblen Zinsumfeld intensivem Asset-Liability-Management und konsequentem Risikomanagement in der Kapitalanlage entscheidende Bedeutung zu”, fährt Mayer fort.

Investionen in zinsunabhängigere Assetklassen

Der Kapitalmarktexperte der Württembergischen und sein Team haben – auch bedingt durch Solvency II [1] – Risikobudgets für die einzelnen Assetklassen definiert.

Auf dieser Basis könnten auch Investionen in zinsunabhängigere Assetklassen wie Private Equity [2], Immobilien, Erneuerbare Energien [3] und Infrastruktur erfolgen, heißt es. “Ziel unserer Kapitalanlagepolitik ist es, möglichst stetige Cashflows zu generieren und dabei extreme Bewertungsschwankungen über entsprechende Absicherungskonzepte zu minimieren”, sagt Mayer.

Seite zwei: Verlassen des Fixed-Income-Bereichs “abgestraft” [4]

Tobias Ultsch, Prokurist bei der Fondsgesellschaft Union Investment in Frankfurt am Main, gibt zu bedenken, dass beim Asset Liability Matching ein Verlassen des Fixed-Income-Bereichs “abgestraft” werde.

Im Rahmen eines Asset-Liability-Matching sei insbesondere Folgendes zu berücksichtigen, erklärt Ultsch: Durch die Investition in “nicht zinstragende” Instrumente werde die Cashflow-Bedeckung der versicherungstechnischen Verpflichtungen reduziert. Gleichzeitig werde das “Duration Gap” zwischen Aktiv- und Passivseite erhöht.

Beides sei im Rahmen eines Risikotragfähigkeitskonzepts in der Regel mit Risikokapital (Eigenkapitalpuffer) zu unterlegen. “Somit werden die höheren Renditeerwartungen der alternativen Anlageklassen per se ungeachtet möglicher positiver Diversifikationseffekte im Gesamtportfolio durch höhere Eigenkapitalanforderungen belastet”, fasst Ultsch zusammen.

Umgehung der Eigenkapitalunterlegung

Aus Sicht vieler Experten ist dies ein Ärgernis – zumal die Forderungen nach massiven Investitionen in die globale Infrastruktur immer lauter werden, einhergehend mit der Forderung, Versicherern den Einstieg in die Finanzierung entsprechender Projekte zu erleichtern.

“Solvency II erfordert eine Risikokapitalunterlegung solcher Projekte mit wenigstens 49 Prozent”, sagt Kapitalmarktexperte Dr. Carsten Zielke. “Das müsste geändert werden und das geht nur im europäischen Kontext.”

Seite drei: Komplexe Infrastrukturprojekte [5]Allerdings hätte dies nach Meinung Zielkes bereits in der Konsultationsphase passieren müssen. “Jetzt ist es zu spät, da die Direktive verabschiedet wurde”, bedauert der ehemalige Société-Generale-Manager, der jedoch einen Ausweg weiß: “Umgehen lässt sich die Eigenkapitalunterlegung durch ein gelistetes Vehikel, bei dem dann wieder nur 22 Prozent Risikokapitalunterlegung nötig wären.”

Komplexe Infrastrukturprojekte

Das Beispiel zeigt: Das Thema Infrastruktur ist komplex – und die Versicherer geben sich lieber zurückhaltend. “Grundsätzlich passen Infrastrukturprojekte gut zu den lang laufenden Verpflichtungen eines Lebensversicherers. Diese Anlageklasse ist jedoch nicht mit liquiden Märkten zu vergleichen und erfordert eine Menge Knowhow”, sagt Dr. Daniel von Borries, Chief Investment Officer (CIO) und Mitglied des Vorstands der Ergo Versicherungsgruppe. Man investiere im Konzernverbund, wenn das Projekt unter ökonomischen Aspekten attraktiv sei, so der Manager.

Experte Zielke dürfte für das vorsichtige Vorgehen wohl Verständnis haben. Er fragt sich: “Wie sicher sind diese Projekte, wenn die Politik ständig ihre Finger im Spiel hat?” So habe der Versicherer Allianz schon viel Geld in Norwegen verloren, berichtet Zielke, weil die neugewählte Regierung einfach neue Durchleitungsgebühren für die finanzierte Ölpipeline festgesetzt hätte.

“In Deutschland muss man sich nur die Debatte um die Trassenleitungen oder die Probleme mit den Offshore-Anlagen ansehen, um ebenfalls zum Schluss zu kommen, dass diese Projekte doch nicht risikolos sind.” Deshalb hält Zielke die derzeitige 49-Prozent-Unterlegung “nicht für unbegründet”. (lk)

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