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bAV: Die zweite Säule stützen

Trotz der Wahl zwischen fünf Durchführungswegen, steuerlichen Erleichterungen und höchster Sicherheitsausstattung ist die betriebliche Altersversorgung (bAV) noch immer kein Selbstläufer. Das kann und muss geändert werden.

Gastbeitrag von Ulf Kesting, DGbAV

Ulf Kesting, DGbAV: “Unausweichlich wird die staatliche Rente weiter absinken, die “Rente vom Chef” dagegen im Stellenwert steigen.”

Personalverantwortliche in der mittelständischen Wirtschaft und Firmenchefs kleinerer Unternehmen stimmen alle das gleiche Klagelied an, wenn sie auf die betriebliche Altersversorgung [1] für ihre Arbeitnehmer angesprochen werden: “Zu kompliziert, zu arbeitsintensiv, drückende Haftungsfragen, kostet zu viel”. Fragt man die Mitarbeiter, sind die Antworten ähnlich: “Zu wenig Information vom Chef, zu kompliziert, kein Geld für Eigenbeitrag zur Betriebsrente”.

Politik trommelt für die bAV

Ob die Argumente gegen die bAV schlüssig sind oder nur vorgeschoben: Jeder sollte inzwischen wissen, dass bei abnehmender Anzahl der Arbeitenden und zunehmender Anzahl von Rentnern der Generationenvertrag mit der umlagenfinanzierten Rente vor dem Scheitern steht. Die heranwachsende Generation [2] muss zukünftig einen demografischen “Rentnerbauch” durchfüttern. Schon heute kommt auf zwei Verdiener ein Rentner.

“Bald hat jeder sozialversichert Beschäftigte seinen eigenen Rentner zu versorgen”, sagt Professor Dr. Bernd Raffelhüschen, Direktor des Forschungszentrums Generationenverträge an der Universität Freiburg und Berater der Bundesregierung. Unausweichlich wird die staatliche Rente weiter absinken, die “Rente vom Chef” dagegen im Stellenwert steigen. Die Weichen dafür müssen heute gestellt werden. Das steht sogar im Koalitionsvertrag.

Beseitigung von Fehlanreizen

Wie Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles [3] bei der Aba-Jahrestagung in Berlin sagte, haben sich die Regierungsparteien darauf geeinigt, die betriebliche Altersversorgung insbesondere in Klein- und Mittelbetrieben auf eine breitere Basis stellen zu wollen (siehe Infokasten). Nahles sagte, sie sei zum Dialog bereit, den man in der zweiten Jahreshälfte aufnehmen könne. Vereinfachungen und die Beseitigung von Fehlanreizen müssten im Mittelpunkt von bAV-Reformen stehen, hörte die Ministerin aus dem Kreis der Fachleute. Und: “Die Bundesregierung sollte gemeinsam mit den Sozialpartnern eine Verbreitungs-offensive starten”.

Flott schreitet auch die EU in Sachen bAV voran. Die berufliche Standortwahl für Arbeitnehmer in den EU-Staaten ist seit Jahren ein großes Thema in Brüssel. Jeder Arbeitnehmer soll die Chance haben, in jedem der 28 Länder der Europäischen Union zu arbeiten.

Ein Hindernis für die Freizügigkeit war bislang die betriebliche Altersversorgung [4] über Ländergrenzen hinweg. Jetzt wurde endlich eine EU-Richtlinie vom Europäischen Parlament und dem Ministerrat verabschiedet, die “Mindestvorschriften zur Erhöhung der Mobilität von Arbeitnehmern zwischen den Mitgliedstaaten durch Verbesserung des Erwerbs und der Wahrung von Zusatzrentenansprüchen” beinhaltet.

 

Seite zwei: Honorar- vs. Provisionsberatung [5]

Bis 2018 muss die Richtlinie von allen EU-Ländern in nationales Recht umgesetzt werden. “Dieser Beitrag zur Stärkung des Rechts auf Arbeitnehmer-Freizügigkeit wird eine wesentliche Verbesserung für mehr als 14 Millionen EU-Bürger darstellen, die im Laufe ihres Lebens innerhalb der EU umziehen oder ihren Dienstort wechseln”, verlautbart aus Brüssel.

Für die Umsetzung in Deutschland bedeuten die Regelungen im neuen EU-Gesetz nicht nur Gutes: Renten- und Pensionsansprüche sollen spätestens nach drei Jahren unverfallbar (garantiert) sein. Gilt ein Mindestalter für die Unverfallbarkeit, darf dieses nicht höher als 21 Jahre sein. Schon jetzt ist der Aufschrei der deutschen bAV-Experten [6] zu hören, weil damit die Bindungswirkung ans Unternehmen durch das Versprechen eines Anspruchs auf Betriebsrente erheblich gestört wird.

Bislang galt: Ansprüche erwarb, wer mindestens fünf Jahre im selben Unternehmen tätig war und mindestens 25 Jahre alt war. In Deutschland sind aus unserer Sicht derzeit zwei Faktoren in der öffentlichen Wahrnehmung “wenig hilfreich” für das Vertrauen in die bAV. Da der weitaus überwiegende Teil der Betriebsrenten- Vereinbarungen versicherungsbasiert ist, wirkt die vieldiskutierte Garantiezins-Absenkung [7] auf 1,25 Prozent ab kommendem Jahr abschreckend auf Neueinsteiger. Die Versicherer sollten viel deutlicher auf die Tatsache hinweisen, dass die reale Verzinsung der Beiträge im Schnitt der letzten Jahre oberhalb von vier Prozent lag und auch in Zukunft damit zu rechnen ist.

Honorar- vs. Provisionsberatung

Faktor zwei unter „nicht hilfreich“ ist die Diskussion Honorarberatung versus Provisionsberatung, die sich dem bAV-Geschäft in den Weg stellt. Für Heiko Maas, den Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz, scheint Verbraucherschutz gleich Honorarberatung [8] zu heißen. Dabei haben beide Vergütungspraktiken ihre Berechtigung. bAV-Vermittler fallen derzeit noch nicht unter das Honorar-Anlageberatungsgesetz (HAnlBG), aber die Branche rechnet damit, dass damit ein Einfallstor geschaffen wird. Eine ausschließliche Festlegung für alle Versicherungsprodukte auf Honorarvergütung ist aber praxisfremd.

Die Stärkung der bAV wurde im Koalitionsvertrag der Bundesregierung vereinbart.

Honorarvereinbarungen auf Zeitanteile bergen die Gefahr, dass in solchen erklärungsbedürftigen Feldern wie der bAV die Beratungszeit künstlich ausgeweitet wird und schließlich – um die Komplexität einzugrenzen – nur ein Produkt verkauft wird. Das bedeutet eigentlich reine Produktberatung und ist bei der Beratung von Unternehmen, die eine Bandbreite zur Entscheidung erwarten, kontraproduktiv. Die Beratungsleistungen zur Optimierung der sozialen Versorgungssysteme in Unternehmen werden schon heute hauptsächlich auf Honorarbasis erbracht. Ein wichtiger Aspekt zur Kundenzufriedenheit [9] im bAV-Geschäft ist die “Nachsorge”.

 

Seite drei: Hilfe für “Einzelkämpfer” [10]

Wechselnde Verhältnisse bei der Belegschaft müssen beachtet und entsprechend bearbeitet werden. Für diese konstante Betreuung sind Unternehmen bereit, Honorare zu zahlen. Versicherungsfachleute und Makler, die einzeln oder in kleinen Bürogemeinschaften arbeiten, können jedoch dafür meistens nicht die nötige Kapazität aufbringen. Eine Clearingstelle kann hier für Abhilfe sorgen.

Allein bei der Clearingstelle der DGbAV – Deutsche Gesellschaft für betriebliche Altersversorgung [11] werden bAV-Verträge von Kleinunternehmen bis zu Unternehmensgrößen jenseits der 10.000 Mitarbeiter verwaltet. Die Beschränkungen, die dem „Einzelkämpfer“ durch die rigide Handhabung der Paragrafen 34 d, f und h GewO auferlegt sind, können durch entsprechende Kooperationen mit einer Clearingstelle aufgehoben werden.

Wenn die Beratungs- und Betreuungsleistung in den Bereichen Betriebsrenten und Entgeltoptimierung klappen soll, ist es für Einzelkämpfer zweckmäßig, über solch ein Kooperationsmodell nachzudenken. Schon wetterleuchtet es wieder aus Brüssel. Die Umsetzung der Reform der europäischen Vermittlerrichtlinie (IMD 2) kommt mit Riesenschritten auf die Assekuranz zu. Bereits im Herbst stehen in Brüssel weitere entscheidende Weichenstellungen an und ab 2015 könnte IMD 2 [12] in nationales Recht umgewandelt werden.

Kosten senken

Speziell zur geplanten Vermittlerrichtlinie IMD 2 verfügen fast drei Viertel der Makler nach eigenen Angaben bisher nicht über ausreichende Kenntnisse und wissen laut einer aktuellen Studie noch gar nicht, was auf sie zukommt. Hier sind Weiterbildungsangebote zur bAV und zur Entgeltoptimierung, wie sie auch die DGakademie anbietet, mehr denn je gefragt. Ärger droht der Versicherungsbranche und dem Vertrieb aber nicht nur aus Brüssel, sondern auch von europäischen Nachbarländern.

Durch die Reduzierung des Höchstzillmersatzes beim Abschluss einer Lebensversicherung [13], der laut Lebensversicherungsreformgesetz in Deutschland ab 1. Januar 2015 von derzeit 40 auf 25 Promille beschränkt wird, drängen europäische Versicherer auf den deutschen bAVMarkt. Ein Rosenkrieg zwischen Versicherungsvertretern, Maklern, Versicherungsgesellschaften und Pensionsfonds ist abzusehen. Also gilt es in der Branche, Kosten zu senken wo irgend möglich.

Quelle: DG-Gruppe

Wie hilft man nun dem schleppenden Geschäft mit der betrieblichen Altersvorsorge in Deutschland auf die Beine? Wie kann die Branche dazu beitragen, dass – wie von der Bundesregierung als Ziel ausgegeben – Klein- und Mittelbetriebe für ihre Mitarbeiter Sozialsysteme mit dem Anreiz einer lebenslangen Betriebsrente im Ruhestand einrichten? Ein probates Mittel wäre eine Stärkung der bAV per Entgeltumwandlung.

 

Seite vier: Förderhöchstgrenzen raufsetzen [14]

Durch die derzeitige Deckelung von vier Prozent der Beitragsbemessungsgrenze können Arbeitnehmer maximal 238 Euro monatlichen Beitrag steuer- und sozialversicherungsbefreit aus ihrem Brutto in einen bAV-Vertrag einzahlen.

Je nach Gehalt werden damit für Arbeitnehmer in ihren Dreißigern betriebliche Ruhegehälter in Höhe von weniger als 1.000 Euro generiert. Sollte die bAV [15] von der Politik ernsthaft als gleichberechtigte zweite Säule neben der gesetzlichen Rente angesehen werden, muss die Förderhöchstgrenze auf fünf oder sechs Prozent angehoben werden. Damit wäre ein angemessener Lebensstandard im Alter garantiert.

Gut gemeint, aber ohne ausreichenden Praxisbezug sind die neuen Gesetze, die es wahrscheinlich machen, dass der Beratermarkt auszehrt. Nicht weniger, sondern weniger schlecht ausgebildete Finanz- und Versicherungsfachleute sind nötig, um die Sisyphusarbeit zu erledigen, kleinere Betriebe auf die betriebliche Altersvorsorge [16] einzuschwören und die Belegschaften in Einzelgesprächen von den Vorteilen einer Altersabsicherung zusätzlich zur staatlichen Rente zu überzeugen. In naher Zukunft wird man sogar Tablet-basierte Beratung mit elektronischer Unterschrift sehen.

“bAV für lau”

Individuelle Beratungsgespräche bedingen Produktkonzepte der rückdeckenden Versicherungswirtschaft, die durch Beratungsgesellschaften wie die DGbAV per “Feintuning” auf die jeweiligen Lebensumstände angepasst werden können. Die Beratungsleistung in den Unternehmen ist nur von bAV-Spezialisten einwandfrei zu erbringen. Der Anspruch muss dabei sein, Belegschaftsmitglieder selbst von Großunternehmen an verschiedenen Standorten in kurzer Zeit individuell zu beraten. Einzelne Versicherungsvertreter oder Makler sind mit der komplizierten Materie zumeist nicht ausreichend vertraut. Leider treffen wir in den Unternehmen immer wieder auf schlecht aufgestellte Versorgungswerke, die Haftungsfallen enthalten und weder für das Unternehmen noch dessen Mitarbeiter “passen”.

Ganz im Sinne der Politik, die breitere Kreise in der Arbeitnehmerschaft ansprechen will, ist das Angebot “bAV für lau”. Mitarbeiter mit geringerem Einkommen, die sich mit dem Argument “Von meinem Gehalt kann ich nichts für eine eigene Altersvorsorge abzwacken”, jedem bAV-Gespräch entziehen, kann mit diesem stimmigen Rechenmodell eine Lösung angeboten werden. Auf diese Weise kann einem 35-jährigen Arbeitnehmer eine betriebliche Altersvorsorge [17] ermöglicht werden, die ein Garantiekapital von rund 100.000 Euro beziehungsweise circa 360 Euro garantierte monatlicher Betriebsrente – ohne finanziellen Eigenanteil – aufweist.

Betriebsrente zum Nulltarif

Arbeitgeber und Arbeitnehmer beschließen, als Vergütungsoptimierung einen geringen Teil des Bruttoentgelts exakt 1:1 gegen steuer- und sozialversicherungsbegünstigte Sach- und Barzuschüsse auszutauschen. Entgeltbausteine wie Waren- oder Tankgutscheine, Handykostenübernahme, Einkaufs- beziehungsweise Verzehrgutscheine sind steuer- und versicherungsbefreit und generieren deshalb ein höheres Netto.

Der Gesamtentgeltanspruch des Mitarbeiters bleibt in voller Höhe bestehen. Nunmehr wandelt er einen Anteil seines Bruttoentgelts in einen bAV-Beitrag [18] um (Entgeltumwandlung), der – weil ebenfalls lohnsteuer- und versicherungsfrei – ihn netto nur rund die Hälfte der Beitragshöhe kosten würde. Mit dem durch die Entgeltbausteine gesparten Netto finanziert er sich den Eigenanteil am bAV-Monatsbeitrag. Somit erhält er bei gleichgebliebenem Brutto und Netto zum Nulltarif seine eigene, unverfallbare Betriebsrenten-Versicherung, die im Ruhestand ein beträchtliches Zubrot auszahlt.

Autor Ulf Kesting ist Vorstand der DGbAV – Deutsche Gesellschaft für betriebliche Altersversorgung AG.

Foto: Frank Seifert