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Die BU muss schlechter werden, um für alle bezahlbar zu sein

Immer mehr Berufsgruppen, immer neue Leistungsauslöser, immer bessere Bedingungen. Die Absicherung der Arbeitskraft erreicht im Premium-Segment einen kritischen Punkt. Um die Menschen besser abzusichern, sind bezahlbare, schlechtere Lösungen gefragt.

Gastbeitrag von Philip Wenzel, Freche Versicherungsmakler GmbH

“Der Trend zu noch mehr Premium in der BU ist nur für die wenigsten finanzierbar. Aber gerade durch eine Abkehr von High-Class-Produkten ließe sich für viele eine passende Lösung finden.”

Die drei großen Trends bei der Arbeitskraftabsicherung [1] sind immer hochwertigere Lösungen in der Berufsunfähigkeitsversicherung [2] (BU) und immer mehr günstige Lösungen auf Unfall [3]-Basis. Auslöser hierfür ist der bereits bekannte Trend zu immer mehr Berufsgruppen [4].

2015: Noch mehr Berufsgruppen

Letzterer ist unumkehrbar und wird sich 2015 [5] höchstwahrscheinlich noch verschärfen, da die Versicherer ab dem 1. Januar auf zwei Drittel der bisherigen Risikoüberschüsse verzichten müssen. Dies lässt sich nur durch eine bessere Risikoselektion auffangen. Das bedeutet einerseits strengere Gesundheitsprüfungen und andererseits eine genauere Differenzierung der Berufsgruppen, sprich: noch mehr Berufsgruppen.

Und es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis es die BU gibt, die ab dem 43. Krankheitstag leistet, auch bei schweren Krankheiten, bei einem Grad der Behinderung von über 50 Prozent sogar lebenslang und sich nach dem 67. Lebensjahr in eine ausfinanzierte Pflegerente wandelt, die ab Pflegestufe 1 die versicherte Rente leistet.

Doch dieser Trend zu noch mehr Premium ist nur für die wenigsten finanzierbar. Aber gerade durch eine Abkehr von den High-Class-Lösungen ließe sich für viele eine passende Lösung finden.

Schlechter ist das neue Besser

Um die Menschen besser abzusichern, sind bezahlbare, schlechtere Lösungen gefragt. Aber schlechter ist nicht gleich schlecht, sondern einfach weniger. Denn wenn man eine günstige BU-Lösung für die Berufsgruppen zwei und drei am Reißbrett entwerfen würde, dürfte man unter keinen Umständen an der Qualität der Bedingungen sparen.

Die entscheidenden Definitionen dürfen keinen Spielraum für Interpretationen lassen. Schlechte Bedingungen sind wahrscheinlich häufiger ein Problem im Leistungsfall als der geringere Leistungsumfang. Deswegen ist durch eine Reduzierung der Leistungsauslöser und der Leistungen eine günstigere Prämie erreichbar, ohne den Schutz der Arbeitskraft generell zu gefährden.

Seite zwei: Wie sollte eine günstige BU aussehen? [6]Wie sollte eine günstige BU aussehen?

Hierzu muss als erstes untersucht werden, welche Bausteine tatsächlich prämienrelevant sind. Einige der Leistungsauslöser, die standardmäßig in den Bedingungen zu finden sind, haben keinerlei Einfluss auf die Prämie, da sie nie zum Tragen kommen und manche sind nur für bestimmte Berufe sinnvoll.

Alle prämienrelevanten Bausteine müssen aber in Frage gestellt werden. Ist eine Klausel bei andauernder Arbeitsunfähigkeit (AU-Klausel) tatsächlich notwendig? Oder der Pflegebaustein?

Alles, was über die Definition des Leistungsfalles als Verlust von 50 Prozent der Berufsfähigkeit hinausgeht, muss untersucht werden. Auch die als unverzichtbar geltende Klausel zur abstrakten Verweisung darf zu diesem Zweck kein Tabu-Thema sein.

Was ist für die anvisierte Zielgruppe relevant?

Aber auf der anderen Seite muss geprüft werden, was für die anvisierte Zielgruppe relevant sein könnte. Verzicht auf Leistungsfreiheit bei grober Fahrlässigkeit, Verzicht auf Meldepflicht bei gesundheitlicher Verbesserung und Prüfung des zuletzt ausgeübten Berufes, so wie er ohne gesundheitliche Einschränkungen ausgestaltet war, sind drei Punkte, die gerade bei körperlichen Berufen von einiger Bedeutung sind.

Grobe Fahrlässigkeit wegen der erhöhten Verletzungsgefahr am Arbeitsplatz, Verzicht auf Meldepflicht, weil man in einem körperlichen Beruf unter Umständen beinahe ohne Einschränkung im Alltag BU sein kann und so nur schwer feststellen kann, ob noch 50 Prozent BU vorliegen.

Die genaue Definition der versicherten Tätigkeit ist deswegen wichtig, weil man bei Beginn eines Gebrechens oder einer Erkrankung in stark körperlichen Berufen leicht noch eine Zeit lang mit anderen Tätigkeiten innerhalb des Unternehmens beschäftigt werden könnte, bevor man wirklich nicht mehr arbeiten kann und ein Leistungsantrag eingereicht wird.

Welche Leistungsminderungen sind tragbar?

Darüber hinaus muss man prüfen, welche Leistungsminderungen tragbar wären. Ein gutes Beispiel für eine bedarfsgerechte Minderung des Leistungsumfanges ist die temporäre BU, die nur über einen bestimmten Zeitraum aufgrund von Berufsunfähigkeit [7] leistet und danach auf Erwerbsunfähigkeit [8] (EU) prüfen würde.

Seite drei: Großer biometrischer Experimentierkasten [9]Es wäre auch vorstellbar, eine Leistungsdynamik in den letzten zehn Versicherungsjahren automatisch abzusenken oder herausfallen zu lassen. Grundsätzlich muss man hier prüfen, welche Risiken ich selbst zu tragen bereit wäre.

Auch muss man darüber nachdenken, den Abstand zwischen EU und BU zu verringern. Denkbar wäre eine EU, die bereits voll leistet, wenn man dem allgemeinen Arbeitsmarkt keine fünf Stunden am Tag mehr zur Verfügung stehen kann. Dieses Kriterium wäre sicher in einigen Berufen der Berufsgruppen zwei bis drei sehr nahe an einer Berufsunfähigkeit.

Kreativität bei Absicherung der Berufsgruppe drei gefragt

Bis dahin muss der Makler kreativ sein, um die Berufsgruppe 3 bedarfsgerecht zu versichern. Ein 34-jähriger Dachdecker darf für 1000 Euro Rente bis Endalter 62 für eine BU mindestens 150 Euro in die Hand nehmen.

Kombiniert man eine vernünftige EU (Endalter 62, ca. 50 Euro) mit einer Dread Disease (Endalter 67, ca. 40 Euro), dann hat man einen vergleichbaren Schutz für 60 Euro weniger. Immer noch eine Menge Geld.

Ich kann auch eine sehr eingeschränkte EU (Endalter 62, ca. 38 Euro) mit einer funktionellen Invaliditätsabsicherung auf Unfallbasis (Endalter 67, ca. 23 Euro) kombinieren und habe eine Grundsicherung inklusive Psyche durch die EU.

Großer biometrischer Experimentierkasten

Wer den Überblick hat, dem steht ein großer biometrischer Experimentierkasten zur Verfügung. Auch hier muss man als Makler immer daran denken, dass individuelle Lösungen auch individuell dokumentiert werden müssen.

Generell ist es erfreulich, dass es mittlerweile so viele Ausweich- und Ergänzungsprodukte am Markt gibt, auch wenn eine kundengerechte Beratung dadurch deutlich anspruchsvoller wird.

Allerdings gilt es jetzt für die Versicherer [10], im nächsten Schritt die immer größer werdende Schlucht zwischen den 1+++- und den Berufsgruppe-drei-Berufen zu schließen. Nur so kann eine flächendeckende Absicherung der Arbeitskraft über alle Berufsgruppen erreicht werden.

Autor Philip Wenzel ist Kaufmann für Versicherungen und Finanzen (IHK) und bei der freche versicherungsmakler GmbH & Co. KG [11] für den Bereich der biometrischen Risiken zuständig.

Foto: Shutterstock / Freche Versicherungsmakler