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Bewertungsreserven: “Kunden werden gegeneinander ausgespielt”

In der Diskussion um ein Ende der Ausschüttung der Bewertungsreserven [1] in der Lebensversicherung haben sich die Fronten zwischen Versicherern und Verbraucherschützern verhärtet. Cash. sprach mit Axel Kleinlein, Vorstandssprecher des Bundes der Versicherten (BdV), über seinen alternativen Vorschlag zur Kappung der Bewertungsreserven und was verunsicherte Kunden tun sollten.

“Wenn die Versicherungswirtschaft es ernst meint, dass sie eine soziale Verantwortung übernehmen will, dann sollte sie den Kunden reinen Wein einschenken und nicht verschiedene Kundengruppen gegeneinander hetzen.”

Cash.: Der Bund der Versicherten hat das geplante Hilfspaket der Bundesregierung für die Lebensversicherer [2] scharf kritisiert: Der BdV warnte vor einem “hysterischen Schnellschuss” [3] und warf der Regierung vor, sich “zum Handlanger der Versicherungsbranche” zu machen. Im Gegenzug sprach Hessens Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) von einer von den “Verbraucherschützern getriebene Massenhysterie”. Derlei Verbalscharmützel dürfte viele Kunden zusätzlich verunsichert haben. Wäre es nicht höchste Zeit für einen konstruktiven Dialog?

Kleinlein: Ganz richtig, den konstruktiven Dialog wünschen wir uns seit November letzten Jahres. Da haben wir bereits Gesprächsbereitschaft signalisiert. Aufgegriffen hat das aber niemand. Stattdessen hörten wir Monate später von dem geplanten Schnellschuss der Regierung.

Und auch die Versicherer selbst sind unbeweglich: Kürzlich habe ich auf dem Vorlesungstag des Instituts für Versicherungswissenschaften in Leipzig mit Torsten Oletzky von der Ergo darüber diskutiert, dass wir eine Lösung für den Umgang mit den verschiedenen Reserven diskutieren sollten und dabei eben auch die Frage der Bewertungsreserven [4] lösen können.

Als Antwort kam Ablehnung, da nach seiner Ansicht nur und ausschließlich über Bewertungsreserven diskutiert werden sollte. Nach allem was man hört, ist auch der Lobbyverband stur ausschließlich auf die Bewertungsreserven fixiert.

Sie sagten kürzlich, der BdV wolle die verschiedenen Reservetöpfe der Versicherer “neu ordnen, fair verteilen und zusammen mit der Mindestzuführungsverordnung austarieren”. Warum sehen Sie Handlungsbedarf an der bestehenden Verteilungsarithmetik und wie sähe Ihre Lösung in der Praxis aus?

Das derzeitige Verfahren in Sachen Bewertungsreserven ist ungeeignet. Es gibt also Handlungsbedarf. Zusätzlich schlummern aber in der Zinszusatzreserve weitere 13 Milliarden. Hier besteht Unklarheit, was mit diesen Mitteln geschieht, wenn sie frei werden.

Daneben gibt es die freie Rückstellung für Beitragsrückerstattung (RfB), die zwar formal den Kunden gehören, an die aber kein Kunde herankommt und stattdessen den Eigenkapitalbedarf mindern. Indirekt profitieren also Unternehmen und Aktionäre.

Seite zwei: “Alle Kunden gleich schlechter gestellt” [5]Und bei den Mitteln in den Schlussüberschusstöpfen sollte endlich auch geklärt werden, nach welchen Regeln diese Gelder den Kunden zu Gute kommen sollen. Für die Bildung all dieser Reserven verzichten die Kunden auf Überschüsse, deswegen brauchen wir Klarheit, wie sie später an den Reserven beteiligt werden.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV [6]) meint, dass 95 Prozent der Kunden, die eine noch länger laufende Lebensversicherung [7] haben, von einer entsprechenden Neuregelung der Bewertungsreserven profitieren würden. Was kritisieren Sie an der Darstellung des GDV?

Das ist Unfug. Warum sollten denn die Kunden davon profitieren, wenn ein Teil der Überschüsse gestrichen wird? Wenn sich der GDV durchsetzt, dann sind zwar auf jeden Fall alle Kunden gleichgestellt, aber eben nur indem dann alle weniger bekommen.

Diese Strategie, die Kunden gegeneinander auszuspielen damit die Unternehmen mehr bekommen, ist perfide. Wenn die Versicherungswirtschaft es ernst meint, dass sie eine soziale Verantwortung übernehmen will, dann sollte sie den Kunden reinen Wein einschenken und nicht verschiedene Kundengruppen gegeneinander hetzen. Kein Kunde profitiert direkt davon, wenn andere nichts bekommen. Da gewinnen nur die Unternehmen.

Was raten Sie Kunden, die in der jetzigen Situation mit dem Gedanken einer Kündigung ihrer Lebensversicherung spielen?

Erst einmal prüfen, ob man auf den Risikoschutz des Vertrages wirklich verzichten kann und will. Ist im Vertrag zum Beispiel eine Berufsunfähigkeitsversicherung [8] integriert und man hat mittlerweile Vorerkrankungen, kann die Fortsetzung des Vertrags ja die einzige Chance sein, einen solchen Risikoschutz zu erhalten.

Benötigt man den Risikoschutz nicht, dann sollte man mit spitzem Bleistift nachrechnen, was sich mehr rentiert: Kündigen, Beitragsfreistellung oder Vertragsfortsetzung [9]. Ein Rückkaufswert oder die eingesparten Beiträge müssten ja dann an anderer Stelle angelegt werden.

Und um die Kürzung der Bewertungsreserven zu verhindern, sucht man am besten den Weg zu seinem Abgeordneten. Der kann Druck machen, dass die Interessen der Kunden nicht vergessen werden.

Interview: Lorenz Klein

Foto: BdV