- Finanznachrichten auf Cash.Online - https://www.cash-online.de -

Reform der Lebensversicherung: “Problematik der Niedrigzinsphase bleibt”

Das Lebensversicherungsreformgesetz kommt, die Niedrigzinsphase bleibt. Cash. sprach mit Dr. Paul Verhoeven, seit Juni dieses Jahres Direktor bei der Unternehmensberatung Towers Watson, über die Schwierigkeiten der Versicherer im derzeitigen Marktumfeld und ihre Handlungsoptionen in der Kapitalanlage.

“Natürlich wäre eine ausgewogenere Verteilung der gesamten Anlagen auf Aktien, Immobilien und verzinsliche Papiere generell wünschenswert, aber bei hoch bewerteten, teuren Immobilien- und Aktienmärkten ist das nicht leicht umsetzbar.”

Cash.: Wie schätzen Sie die Situation für die Versicherer in der Niedrigzinsphase [1] ein? 

Die Niedrigzinsphase betrifft alle Versicherer in Deutschland, besonders aber die Lebensversicherer. Ein durchschnittlicher Garantiezins in der Gegend von drei Prozent lässt sich nicht mehr ohne höheres Risiko erzielen.

Kann die Reform der Lebensversicherung und die damit verbundene Neuordnung der Bewertungsreserven [2] das Risiko mildern?

Die Reform der Bewertungsreserven führt zu einer Beseitigung ökonomisch unsinnigen Verhaltens, das die Versicherer und damit auch das Versichertenkollektiv in dieser Niedrigzinsphase besonders traf. Ein Belastungsfaktor ist weggefallen. Die Problematik der Niedrigzinsphase bleibt.

Experten beobachten einen Trend, wonach viele Versicherer versuchen, das Kreditrisiko innerhalb der Rentenanlage moderat zu erhöhen. Was ist von dieser Entwicklung zu halten?

Versicherer halten durchschnittlich 80 bis 90 Prozent ihrer Vermögensanlagen in festverzinslichen Papieren. Es ist naheliegend in der augenblicklichen Niedrigzinsphase insbesondere diesen großen Block der Anlagen zu überprüfen und weiter zu diversifizieren.

Leider sind die genannten Märkte bereits weit gelaufen und weisen niedrige Zinsspreads zu Bonds auf. Die gegenwärtig erzielbaren Renditen bieten keinerlei Puffer, wenn die Staatsschuldenkrise wieder zurückkehrt oder sich die Unternehmensdaten wieder verschlechtern.

Deshalb begegnen wir dieser Strategie für einen Buy- and Hold-Investor mit Skepsis. Nur mit einem sehr qualifizierten, aktiven Managementansatz, der sehr reagibel in liquiden Rentenmärkten operiert, lassen sich diese Investments unseres Erachtens nach teilweise noch vornehmen.

Seite zwei: “Solvency II drückt die Ertrags-/Risikorelation nachhaltig nieder” [3]

 

Inwieweit wäre eine stärkere Beimischung realwertorientierter Investments, wie etwa in Immobilien oder Aktien empfehlenswert?

Natürlich wäre eine ausgewogenere Verteilung der gesamten Anlagen auf Aktien, Immobilien [4] und verzinsliche Papiere generell wünschenswert, aber bei hoch bewerteten, teuren Immobilien- und Aktienmärkten ist das nicht leicht umsetzbar.

Die gegenwärtig niedrigen Quoten der deutschen Versicherungswirtschaft in Immobilien und Aktien spiegeln auch die verhältnismäßig niedrigen Risikopuffer wider. Zudem bedeuten Immobilieninvestments meistens einen sehr hohen Personal- und Zeitaufwand, der nicht von allen Versicherern betrieben werden kann.

Außerdem drückt die relativ hohe Kapitalunterlegungspflicht für Immobilien nach Solvency II [5] die Ertrags-/Risikorelation nachhaltig nieder. Aktien scheinen da einfacher im Handling, sind aber nochmals deutlich volatiler und mit noch höherem Kapital zu unterlegen.

Was empfehlen Sie Versicherern speziell in der Aktienanlage?

Ein ungehedgtes Aktienengagement bedeutet zu hohe Risiken in Anbetracht der Aktienindizes nahe Höchststand. Aktieninvestments mit teilweiser Absicherung durch Put-Optionen oder direkte Käufe von Call-Optionen stellen bei niedrigsten implizierten Volaprämien eine echte Alternative dar.

Interview: Lorenz Klein

Foto: Towers Watson