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PKV: “Das Wort Billigtarif ist irreführend”

Eberhard Sautter ist seit Juli Vorstandsvorsitzender der Hanse-Merkur-Versicherungsgruppe. Er spricht über die Strategie seines Hauses, seine Erwartungen an die Bundesregierung und den Systemwettstreit mit der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).

GKV vs. PKV [1]

“Der PKV-Markt war im vergangenen Jahr durch die Diskussion um die Bürgerversicherung im Zuge der Bundestagswahl verunsichert.”

Cash.: Gesundheitsminister Hermann Gröhe hat sich ausdrücklich zum Fortbestand der privaten Krankenversicherung (PKV) bekannt. Welche darüber hinausgehende Erwartung haben Sie an die Gesundheitspolitik der Bundesregierung?

Sautter [2]: Wir erwarten eine weitere Stärkung des dualen Systems mit Wettbewerb sowohl innerhalb der GKV [3] als auch der PKV [4] zum Wohle der Kunden. Wir erkennen doch deutlich, dass dieser Wettbewerb zu mehr Qualität bei besseren Preisen im Gesundheitssystem [5] geführt hat.

Die lange gepriesenen Vorbilder, die Niederlande und die Schweiz, stellen fest, dass Kosten und Leistungen immer weiter aus dem Lot geraten. Weder die Kopfpauschale in der Schweiz noch die Bürgerversicherung [6] in den Niederlanden sind also attraktive Modelle. Wir sind daher gut beraten, unser duales System zu erhalten und zu stärken.

Gröhe erklärte auch, dass sich die Branche mit “Billigtarifen keinen Gefallen” tue. Damit würden Leute angelockt, die in der GKV besser aufgehoben seien. Es ist bekannt, dass Sie das Wort “Billigtarif” nicht mögen. Was entgegnen Sie dieser Kritik?

Das Wort “Billigtarif” ist in der Tat irreführend und verunglimpft eine bewusste Entscheidung von Kunden, die ihr Gesundheitsverhalten [7] eher steuern und lenken, auf Ernährung und Bewegung achten, auf bestimmte Leistungen verzichten und mit dem Hausarztprinzip kein Problem haben.

Wir steuern also unsere Tarifpolitik über Anreize, und diese werden positiv aufgenommen. Aber natürlich gibt es auch bei der Gesundheitsabsicherung den Vollkaskotyp, für denn wir ebenfalls High-End-Produkte für seine Wünsche anbieten.

Seite zwei: Dämpfer im PKV-Neugeschäft [8]Auch beim Recht des Kunden, in einen preiswerteren Tarif derselben Gesellschaft zu wechseln, sieht das Bundesgesundheitsministerium Nachholbedarf bei den Versicherern. Wie ist Ihre Meinung zu diesem Thema?

Wir haben die Kritik wahrgenommen, sollten zu diesem Thema aber doch eine größere Objektivität walten lassen. Fünf Prozent der 6.354 PKV-Ombudsmann [9]-Beschwerden im Jahre 2013 gab es zum Thema Tarifwechsel. Das sind 318 Beschwerden bei neun Millionen Voll- und 23 Millionen Zusatzversicherten.

Bei der Hanse Merkur [10] hatten wir im vergangenen Jahr fünf Anfragen zum Tarifwechsel bei 1,3 Millionen Krankenversicherten. Ich vermag die große Bedeutung dieses Themas wirklich nicht zu erkennen.

Im vergangenen Jahr hat Ihr Haus einen deutlichen Dämpfer im PKV-Neugeschäft hinnehmen müssen. Ihr Vorgänger Fritz Horst Melsheimer hat angekündigt, dass die Hanse Merkur schnell wieder an ihrer bisherigen Wachstumsstrategie anknüpfen wird. Wie wollen Sie das erreichen?

Der PKV-Markt war im vergangenen Jahr durch die Diskussion um die Bürgerversicherung im Zuge der Bundestagswahl verunsichert. Dazu kamen extrem hohe Steuerzuschüsse in der GKV, die zu Prämienrückzahlungen und teilweise auch zur Ausweitung des Leistungsportefeuilles der gesetzlichen Kassen führten. Aber die demografische Problematik in der Sozialversicherung hat sich mit der Bundestagswahl ja nicht erledigt.

Das Bundesministerium für Finanzen hat angekündigt, die Steuerzuschüsse für die GKV wieder auf ein normales Maß zu reduzieren, und schon haben wir eine Diskussion von Beitragserhöhungen über Zusatzbeiträge bis hin zu Leistungsstreichungen. Insofern greifen die klassischen Argumente für die private Krankenversicherung wieder.

In diesem Zuge kommt auch die Hanse Merkur wieder auf den Wachstumspfad. Das Geschäft zieht kontinuierlich an. Dies ist auch ein Beleg dafür, dass wir den Ideologiepfad wieder verlassen und uns an den Bedarfen der Menschen orientieren können.

Interview: Lorenz Klein

Foto: Hanse Merkur