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Dein Wille geschehe – 10 Tipps zur Patientenverfügung

Patientenverfügung. Ein Wort, das viele mit alten, gebrechlichen Menschen verbinden. Doch der Skiunfall Michael Schumachers Anfang des Jahres hat gezeigt: Es kann jeden treffen – schneller, als man denkt.

Gita Neumann, Humanistischer Verband: “Eine Patientenverfügung entlastet alle Beteiligten in der eh schon sehr schweren Situation.”

“Für die Angehörigen sind solche Situationen ein absoluter Schock”, sagt Margit Winkler, Inhaberin des Instituts Generationenberatung. “Vor allem junge Menschen sind selten auf solche Ernstfälle vorbereitet und haben Vollmachten [1] oder Verfügungen erstellt.” Doch genau diese seien essenziell.

Dem pflichtet auch Gita Neumann vom Humanistischen Verband in Berlin bei. Die beiden Vorsorge-Expertinnen geben zehn Tipps zur Patientenverfügung – warum sie wichtig ist, wie sie erstellt wird und welche Fehler dabei passieren können.

1. Warum eine Patientenverfügung?

“Es ist nur fair den Angehörigen gegenüber, alles zu regeln”, bringt Winkler es auf den Punkt. “Denn gerade bei der Patientenverfügung geht es um sehr emotionale Entscheidungen – wenn nicht sogar die emotionalsten überhaupt.”

2. Eine Patientenverfügung ist doch nur was für Ältere

Neumann ist unentschlossen: “Ja, weil jüngere und damit noch gesunde Menschen weniger betroffen sind, in einen einsichtsunfähigen Zustand zu geraten. Und nein, weil die Katastrophe – etwa ein Skiunfall – unvermittelt und deshalb besonders brutal zuschlägt”, sagt sie.

Zudem werden gerade bei jüngeren Menschen lebenserhaltende Maßnahmen wie die künstliche Ernährung jahre- oder sogar jahrzehntelang aufrechterhalten, wenn es keine Patientenverfügung mit gegenteiliger Aussage gebe.

3. Wie am besten anfangen?

“Eine Patientenverfügung verfasst man nicht jeden Tag”, sagt Winkler. Deshalb seien viele zunächst überfordert. Professionelle Hilfe geben Ärzte, Kirchen, das Rote Kreuz oder auch der Humanistische Verband in Berlin, für den Neumann tätig ist.

Diese erklärt: “Am Anfang steht zunächst die Frage: Was ist mein persönliches Motiv, was möchte ich vermeiden? Und habe ich eine Vertrauensperson – oder mehrere, die ich für meine Gesundheitssorge bevollmächtigen kann?”

Zudem gilt: Eine Patientenverfügung schreibt man nicht mal eben herunter. Dafür sollte man sich genügend Zeit nehmen. Schließlich geht es um sehr tiefgreifende Entscheidungen.

4. Was gehört in das Dokument?

Eine vom Gesetzgeber vorgefertigte Patientenverfügung gibt es nicht, da jeder individuelle Entscheidungen treffen sollte. Dennoch finden sich im Internet verschiedenste Musterformulare. “Der größte Fehler, den man machen kann, ist, auf vorgefertigte Drucke zurückzugreifen und nur Kreuzchen zu setzen”, warnt Winkler. Dies spiegle meist nur bedingt den eigenen Willen wider. Je individueller, desto besser. Da sind sich beide Expertinnen einig.

“Eine Patientenverfügung entlastet alle Beteiligten in der eh schon sehr schweren Situation”, sagt Neumann. “Optimal ist daher eine individuell maßgeschneiderte Verfügung, die sich am eigenen Gesundheitsbild orientiert.”

Seite zwei: Patientenverfügung regelmäßig aktualisieren [2]Winkler weiß zudem: “In der Patientenverfügung kann auch festgelegt werden, ob und welche Organe nach dem Tod entnommen werden dürfen. Allerdings sollte man immer auch einen Organspendeausweis dabei haben – auch wenn man nicht spenden möchte.”

Denn in Urlaubsländern wie Österreich, Spanien, Italien und Frankreich ist jeder Spender, der dem nicht ausdrücklich zu Lebzeiten widersprochen hat. Die Stiftung Eurotransplant hat eine Auflistung mit den Organspende-Bestimmungen [3] aller europäischen Länder erstellt.

5. Regelmäßig aktualisieren

Zwar verfällt eine Patientenverfügung nicht. Doch Meinungen und Ansichten können sich ändern. Winkler empfiehlt deshalb, alle zwei Jahre zu prüfen, ob die darin festgehaltenen Wünsche noch den aktuellen entsprechen. Da sie allein durch die schriftliche Form, das Datum und die Unterschrift gültig sei, könne sie auch jederzeit formlos widerrufen werden.

6. Ehepartner können ohne Vollmacht nichts tun

Winkler erlebt in der Generationenberatung immer wieder den weit verbreiteten Irrglauben, Ehepartner könnten füreinander entscheiden. Dem ist allerdings nicht so. “Wer keine Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung hat, ist machtlos. Per Gesetz gibt es niemanden, der im medizinischen Notfall automatisch einspringt – weder Eltern für volljährige Kinder noch Ehepartner gegenseitig.”

7. Aktive und passive Sterbehilfe

Die aktive Sterbehilfe ist zwar hierzulande verboten. Aber die passive Sterbehilfe darf seit einem Urteil des Bundesgerichtshofs von Juni 2010 geleistet werden – etwa, wenn schmerzstillende Medikamente gegeben werden oder die Behandlung eingestellt wird. Beim Verfassen der Patientenverfügung sollte man deshalb darauf achten, dass die Formulierungen nicht den ärztlichen Pflichten widersprechen.

Seite drei: Welche Fehler können passieren? [4]8. Welche Fehler können passieren?

“Die meisten Fehler passieren bei Situationsbeschreibungen, für die die Patientenverfügung gelten soll”, sagt Neumann. “Sind sie zu eng gefasst – also zum Beispiel nur auf den Sterbeprozess bezogen – könnte dies bedeuten, dass man in allen anderen Situationen chronischer Schwerstpflegebedürftigkeit [5] und Demenz [6] lebensverlängernde Maßnahmen wünscht.” Außenstehende können dann nichts tun.

Deshalb: Alle Situationen eindeutig benennen und festlegen, welche Maßnahmen erwünscht sind und welche nicht. Zum Beispiel: Soll die Magensonde gelegt werden? Wenn ja, dauerhaft oder zeitlich begrenzt? Auch bei Demenz, im Koma oder bei absehbaren schweren Dauerschädigungen nach einem Schlaganfall?

9. Wo aufbewahren?

Neumann empfiehlt, die Patientenverfügung dort zu hinterlegen, wo sie verlässlich und schnell gefunden werden kann. Wer Sorge hat, dass seine Bevollmächtigten nicht immer zur Stelle sind, kann auch eine Zentralstelle zur Hinterlegung mit Wochenendbereitschaftsdienst wählen.

Neumann weist auf den Humanistischen Verband hin, der zudem über qualifizierte Mitarbeiter verfügt. Sie können auch telefonisch das Wichtigste mit Klinikärzten besprechen und unterstützen Angehörige und Bevollmächtigte.

10. Und wenn es keine Verfügung gibt?

“Wer keine Patientenverfügung mit den eigenen Wünschen hinterlegt hat, bürdet die Entscheidungen im Ernstfall seinen Angehörigen auf”, sagt Winkler. Dann müssen sie zusammen mit den Ärzten den mutmaßliche Patientenwillen herausfinden, der sich auf frühere Äußerungen, ethische und religiöse Überzeugungen stützt. “Dass Angehörige da nicht immer einer Meinung sind, liegt auf der Hand.”

Foto: diesseits