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Pflege-Bahr plus: Versicherer setzen auf Produkt-Verzahnung

Der PKV-Verband sieht in der Einführung des Pflege-Bahrs eine Erfolgsgeschichte. Allerdings mahnen Branchenexperten, dass das Förderprodukt allein die Vorsorgelücke nicht schliesst. Aus diesem Grund bauen Versicherer flexible Produktbausteine um den Fördertarif herum und setzen dabei vermehrt auf Kombi-Tarife.

Bei Branchenbeobachter Joachim Geiberger kommt das Vorgehen der Branche gut an: “Die Erkenntnis, dass die bestehende Pflegeversicherung die Kosten nur zum Teil abdeckt, weckt bei vielen Menschen den Bedarf nach zusätzlicher Absicherung. Die Reaktion der Branche darauf mit flexiblen Produkten zu agieren, bewerten wir positiv”.

So konstatiert Rainer Gelsdorf, Geschäftsführer der Württembergischen Vertriebsservice GmbH, dass der Pflege-Bahr [1] nur eine “absolute Grundversorgung” biete.

Das abschließbare Pflegetagegeld sei – bedingt durch die fehlende Gesundheitsprüfung – zu niedrig, um im Pflegefall die Kosten abdecken zu können.

“Langfristig gehen wir davon aus, dass der Anteil der Verträge ohne staatliche Förderung zunehmen wird. Denn nur diese Tarife bieten den Kunden eine realistische Absicherungsmöglichkeit für den Pflegefall [2]“, so Gelsdorf.

Verbesserte Verzahnung von geförderter und ungeförderter Vorsorge

Matthias Stöltzner, Fachbereichsleiter Produktmanagement und -marketing der Münchener Verein Versicherungsgruppe, setzt in seinem Haus vor allem auf eine verbesserte Verzahnung von geförderter und ungeförderter Vorsorge: “Unsere Deutsche Privat Pflege Plus ist mit und ohne staatliche Förderung abzuschließen.”

Wenn der Kunde die Variante “mit staatlicher Förderung“ wählt, kann er laut Stöltzner den geförderten Versicherungsschutz von monatlich 660 Euro in Pflegestufe III individuell aufstocken.

Quelle: PKV-Datenbank

Ergänzende Tarife zum Pflege-Bahr

Ein tägliches Pflegetagegeld von bis zu 150 Euro in Pflegestufe III ist demnach möglich. “Der Kunde kann wählen, ob nur Leistungen bei vollstationärer oder auch bei ambulanter Pflege bezahlt werden. Er kann eine Beitragsfreistellung, eine Dynamik sowie eine Einmalleistung vereinbaren”, ergänzt Stöltzner.

Eine ähnliche Strategie verfolgt man beim Kieler Assekuradeur Domcura: “Vor ziemlich genau drei Jahren haben wir unsere Pflegeversicherung am Markt eingeführt. Die enorme Nachfrage unserer Vertriebspartner führte dazu, dass wir diesem Premium-Deckungskonzept die staatlich geförderte Domcura-Förder-Pflege plus Ergänzungsdeckung an die Seite gestellt haben”, erklärt Vertriebsund Produktvorstand Dr. Stefan Everding.

Seite zwei: “Bedarf nach zusätzlicher Absicherung” [3]

Bei Branchenbeobachter Joachim Geiberger [4] kommt das Vorgehen der Branche gut an: “Die Erkenntnis, dass die bestehende Pflegeversicherung die Kosten nur zum Teil abdeckt, weckt bei vielen Menschen den Bedarf nach zusätzlicher Absicherung. Die Reaktion der Branche darauf mit flexiblen Produkten zu agieren, bewerten wir positiv”, sagt der Inhaber und Geschäftsführer des Hofheimer Analysehauses Morgen & Morgen. “So können beispielweise zusätzliche Aufbaustufen als ergänzende Tarife zum Pflege-Bahr-Abschluss hinzugezogen werden, die eine noch bessere Abdeckung des Pflegerisikos ermöglichen.”

Auch in der Bevölkerung stößt der Pflege-Bahr mehrheitlich auf Wohlwollen. 60 Prozent begrüßen dessen Einführung, ergab der MLP-Gesundheitsreport 2014. Darüber hinaus befürworten 73 Prozent der Befragten den Beschluss der Koalition, im Rahmen der gesetzlichen Pflegeversicherung die Pflege von Demenzkranken stärker zu unterstützen – selbst wenn dafür die Beiträge zur Pflegeversicherung signifikant steigen.

Derzeit beträgt der Beitragssatz zur Pflegeversicherung bundeseinheitlich 2,05 Prozent. Kinderlose zahlen 2,3 Prozent. Dass Demenz eine “stärkere mediale Berücksichtigung findet”, gehört nach Meinung von Morgen-&-Morgen-Chef Geiberger zu den positiven Entwicklungen im Pflegemarkt. “Wir gehen davon aus, dass sich die Produktlandschaft weiter an den flexiblen Varianten entwickeln wird.”

Kritik aus den eigenen Reihen

Wenn Analysten kaum etwas zu meckern haben, bedarf es offenbar Mahner aus den eigenen Reihen – frei nach der Devise: “Wenn zu viel Zufriedenheit vorherrscht, ist irgendetwas faul”. Diese Rolle hat erst kürzlich Philipp J. N. Vogel [5], Vorstand bei der DFV Deutsche Familienversicherung, übernommen.

Zwar sei auch er davon überzeugt, “dass der Schwung, den das Thema Pflegevorsorge im vergangenen Jahr bekommen hat, weiter anhalten wird”, schreibt er in einem Gastbeitrag für Cash.Online. Doch die Kritik lässt nicht lange auf sich warten: Hinsichtlich der Ausgestaltung der Pflege-Tarifbedingungen gebe es für viele Anbieter noch manches zu tun, konstatiert Vogel.

Stärkere Berücksichtigung von Demenz

“Tarife, bei denen der Kunde bei Eintritt des Pflegefalls seine Prämien noch weiterzuzahlen hat, dürfte es zum Beispiel gar nicht geben. Und auch dem Risiko, zum Demenzfall zu werden, müsste mit kundengerechten Ergänzungsoptionen noch viel stärker entgegengewirkt werden.”

Seite drei: Kombiprodukte im Trend [6]Diesen Schuh dürfte man sich bei der Ideal Lebensversicherung in Berlin nicht anziehen wollen. Dort hat man die Pflegerentenversicherung bereits zur Jahrtausendwende eingeführt, lange Zeit bevor das Thema Pflege in der Assekuranz den heutigen Stellenwert hatte. Seitdem hat man das Segment sukzessive verbessert.

Neuerdings können Kunden einen “Demenz-Baustein” abschließen. Die Besonderheit: Kommt es zu einer Demenz, gibt es eine Beitragsbefreiung für die Pflegerentenversicherung. Damit soll erreicht werden, dass Versicherte nicht ihre Pflegeabsicherung kündigen, weil sie aufgrund der Erkrankung jeden Euro zweimal umdrehen.

Das wäre am falschen Ende gespart, weiß Ideal-Produktmanager Tobias Maack, denn “man kommt von der Demenz automatisch in die Pflege hinein”.

Kombiprodukte im Trend

Eine relativ neue Entwicklung im Markt ist zudem, dass die Pflege-Absicherung vermehrt mit einer Invaliditätsvorsorge kombiniert werden kann. “Immer mehr Versicherer – so auch die Generali – bieten sogenannte Cross-Over-Deckungen [7] an, die mehrere biometrische Risiken, wie etwa Invaliditätsrisiko und Pflegerisiko, in einer Police abdecken”, stellt Generali-Sprecher Björn Collmann fest.

Auch bei der Basler Lebensversicherung habe man sich “intensiv” mit der kombinierten Absicherung beschäftigt, sagt Dr. Hartmut Holz [1], Leiter Produktmanagement Basler Lebensversicherung. “Seit Ende letzten Jahres bieten wir als Zusatzabsicherung ein völlig neuartiges Kombiprodukt aus Berufsunfähigkeitsversicherung und Pflegeabsicherung an.”

Pflege nicht nur eine Frage des Alters

Damit zielt die Basler vor allem auf jüngere Kunden ab, die allenfalls an einen BU-Schutz [8] denken, aber nicht so sehr an die Pflege – ganz zu Unrecht, wie Margit Winkler, Inhaberin des Instituts Generationenberatung, meint: “Viele unterliegen dem Irrtum, dass sie – wenn überhaupt – erst im hohen Alter pflegebedürftig werden.”

Die Realität sehe aber anders aus: “Jede sechste Person, die sich in Pflege befindet, ist unter 65 Jahre alt.” Ein Unfall oder eine plötzliche Krankheit könnten das Leben “von einem Moment auf den nächsten auf den Kopf stellen”, so die Expertin und dann “liegt das eigene Schicksal in den Händen anderer”. (lk)

Foto: Morgen & Morgen / Shutterstock