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PKV mit guten Perspektiven

Vor acht Monaten stand die Zukunft der privaten Krankenversicherung (PKV) auf der Kippe. Diskussionen zu Billigtarifen und hohen Beitragsanpassungen waren kurz vor der Bundestagswahl noch Wasser auf die Mühlen von Verbraucherschützern und Kassen-Verbänden. Doch inzwischen hat sich die Branche wieder gut aufgestellt.

Gastbeitrag von Ellen Ludwig, Ascore

“Die PKV-Branche hat die Zeichen der Zeit erkannt und gesetzliche Regulierungen für eine Repositionierung genutzt.”

Als Herrscher über alle Budget-Töpfe ist es Wolfgang Schäuble [1] gewohnt, nicht immer nur gelobt zu werden. Als der Bundesfinanzminister im März verkünden ließ, den jährlichen Bundeszuschuss für die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) zu kürzen, war die Empörung der GKV-Funktionäre groß.

Jürgen Graalmann, Vorstandvorsitzender des AOK-Bundesverbandes: “Alle Experten gehen davon aus, dass die Finanzsituation der gesetzlichen Krankenversicherung in diesem Jahr wieder unter Druck gerät und die Phase hoher Kassenüberschüsse zu Ende geht.” Die finanzielle Katerstimmung in der GKV sei vorprogrammiert.

GKV-Rücklagen mit Rekordwert

In den vergangenen Monaten konnte die GKV rekordverdächtige 30,3 Milliarden Euro an Reserven bilden. Der Gesundheitsfonds, über den Beitrags- und Steuergelder zentral eingenommen, verwaltet und verteilt werden, hat hierzu allein ganze 13,6 Milliarden Euro beigetragen.

Mit Steuermitteln soll über den Gesundheitsfonds die gesamtgesellschaftliche Aufgabe der sogenannten versicherungsfremden Leistungen finanziert werden. Hierzu gehören klassischerweise die beitragsfreie Mitversicherung von Kindern sowie das Muttergeld – für die Versicherten zwei wichtige Argumente für die GKV.

Der Bundeszuschuss soll in diesem Jahr nach den Plänen des Finanzministers von 14 Milliarden Euro auf 10,5 Milliarden Euro gesenkt werden. Stattdessen solle die Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds zur Finanzierung des zugesagten Zuschusses herhalten.

Aufgehende Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben

Doris Pfeiffer, Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, warnte vor der aufgehenden Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben der GKV. “Den Bundeszuschuss zu kürzen, wäre ein Beschleunigungsprogramm für Beitragserhöhungen.”

Erneute Zusatzbeiträge für die GKV-Versicherten könnten das Resultat der sich verschlechternden Finanzsituation der GKV sein. Dies wird vor allem die stark umkämpfte Zielgruppe der Besserverdiener besonders ärgern. Denn die aufgrund ihres hohen Einkommens so genannten freiwillig gesetzlich Versicherten waren in den vergangenen Jahren auch schon von den Beitragssteigerungen durch die stetige Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze betroffen.

Seite zwei: GKV-Mitglieder geraten ins Grübeln [2]Wurden in 2009 noch 44.100 Euro Jahreseinkommen zur Berechnung der Beiträge zur GKV herangezogen, sind es in diesem Jahr bereits 48.600 Euro. Dies entspricht einer Steigerung von über zehn Prozent in fünf Jahren. Der Höchstbetrag zur GKV liegt nun bei 627,75 Euro monatlich, bei Kinderlosen steigert der Beitrag zur Pflegeversicherung [3], die monatliche Belastung auf rund 720 Euro.

GKV-Mitglieder geraten ins Grübeln

Zusammen mit eventuellen Zusatzbeiträgen und dem Leistungsvergleich zur privaten Krankenversicherung (PKV [4]) dürften GKV-Mitglieder erneut ins Grübeln kommen. Diese Chance sehen auch die Vertreter der PKV. Doch stand ihnen vor allem in den vergangenen zwei Jahren das schlechte Image der Branche entgegen.

Es wurde viel diskutiert über die versicherten Leistungen, vor allem in günstigen Grundschutz-Tarifen, sowie über die hohe Vergütung der KV-Vermittler. Beitragsanpassungen in zweistelligen Bereichen heizten den Diskurs weiter auf.

Die PKV-Branche hat die Zeichen der Zeit erkannt und gesetzliche Regulierungen für eine Repositionierung genutzt. Seit April 2012 ist die Vergütungshöhe für die Vermittlung von privaten Krankenvollversicherungen nun gesetzlich gedeckelt, Provisionswucher damit praktisch unmöglich.

Stornohaftungszeit auf fünf Jahre verlängert

Die Stornohaftungszeit [5], in der die Berater bei Vertragskündigung die Provision anteilig zurückzahlen müssen, wurde von einem auf fünf Jahre verlängert – dies verringerte die Attraktivität für rein provisionsgetriebene Umdeckungen.

Im Zuge der Umsetzung des Unisex-Urteils des Europäischen Gerichtshofs, der Umstellung aller Tarifwerke auf eine geschlechterunabhängige Kalkulation, wurde im Grundschutzsegment ein einheitliches, der GKV ähnliches, Niveau eingeführt.

So wird vermieden, dass vor allem preisgünstige Angebote, von Kritikern “Billigtarife” genannt, den GKV-Mindeststandard, zu dem beispielsweise offene Hilfsmittelkataloge sowie 50 ambulante Psychotherapiesitzungen zählen, unterschreiten können.

Transformation der PKV-Philosophie

Im ersten Jahr nach Einführung der Unisex-Tarife lag das durchschnittliche Beitragsniveau im Neugeschäft spürbar über den Jahren der Kampfpreis-Kalkulationen, die Versicherungsbeiträge mussten allerdings auch deutlich seltener als in den Vorjahren angepasst werden.

Gab es bisher immerwährende Fehden zwischen Gut und Böse, Verbraucherschützern und privaten Krankenversicherern, “Luxus”- und “Billigtarif”-Anbietern, so fand in den letzten zwei Jahren eine Transformation der Philosophie der PKV statt.

Seite drei: Differenziertes Leistungsangebot [6]Die Möglichkeit, den persönlichen Absicherungsbedarf frei zu wählen – diese Individualität ist in der GKV nicht gegeben – wird nun kombiniert mit der Rückbesinnung auf die alte These, in der Regel bessere Leistungen als die GKV anzubieten. Die Analyse, welchen Versicherungsbedarf der einzelne Verbraucher wirklich hat, sollte allerdings weiterhin einem Fachmann überlassen werden.

Differenziertes Leistungsangebot

Der Topschutz sollte für Versicherte gewählt werden, die sich im Leistungsfall keine Gedanken über Höchstgrenzen, Erstattungssätze und um mögliche Mitbewohner in ihrem Krankenhauszimmer machen möchten. Dieses “Rundum-sorglos”- Angebot muss allerdings auch mit dem entsprechenden Beitrag honoriert werden können.

Der Komfortschutz-Kunde hat im Grunde ein ähnliches Absicherungsbedürfnis wie der Topschutzkunde, achtet aber mehr auf die “Wirtschaftlichkeit” seiner Überlegungen. Aus seiner Sicht ist zum Beispiel eine Absicherung über den 3,5-fachen Satz im Zahnbereich für eine sehr gute Behandlung nicht notwendig.

Topschutz versus Komfortschutz

Statt einer Unterbringung im Einbettzimmer kann der Komfortschutz-Kunde auch im “Ein- oder Zweibettzimmer” glücklich werden. Alternative Heilmethoden gehören mittlerweile sowohl in den Top- als auch in den Komfortschutz.

Während im Topschutz auch Leistungen über das Gebührenverzeichnis für Heilpraktiker (GebüH) hinaus angeboten werden, wird im Komfortschutz die Begrenzung auf die GebüH als absolut ausreichend bewertet.

Seite vier: Die Karten sind neu gemischt [7]Preisaffine Verbraucher können mit einem neuen Unisex-Tarif [8] sicher sein, dass in Grundschutz-Tarifen ein Mindestmaß der Leistungen auf GKV-Niveau versichert ist, sind allerdings auch häufig mit einem Primär- oder Hausarztprinzip einverstanden.

Für alle Absicherungen gilt bei der Wahl des Selbstbehaltes jene zu wählen, die zur familiären und beruflichen Situation am besten passt. Optimalerweise bieten Tarife unterschiedliche Selbstbehaltsstufen an, in die man während der Vertragslaufzeit wechseln kann.

Die Karten sind neu gemischt

Die Kritik der GKV-Branche hat Finanzminister Schäuble übrigens allenfalls zur Kenntnis genommen. Er verwies auf die derzeit hohen Reserven der gesetzlichen Kassen und hielt an seinem Plan der “geringsten Neuverschuldung seit 40 Jahren” fest.

Das Kabinett billigte am 12. März 2014 die Schäuble’schen Haushaltspläne – und erhöht dadurch den Druck auf die Kassen. Die Zukunft der PKV sieht also deutlich rosiger aus als noch vor Monaten angenommen.

Vermittler können mit gutem Gewissen insbesondere Angestellten über Jahresarbeitsendgeldgrenze eine Empfehlung für eine private Krankenversicherung aussprechen. Verbraucher sollten in der Auswahl der Tarife gemeinsam mit ihrem Berater den individuellen Bedarf ausarbeiten und auf einen transparenten Produktvergleich bestehen.

Autorin Ellen Ludwig ist Geschäftsführerin bei [ascore] Das Scoring, Hamburg.

Foto: Ascore