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Psychisch Kranke vor Armutsfalle bewahren

Die Aufnahme der Lage der psychisch Kranken in den Koalitionsvertrag sollte als politisches Signal für eine Reform und einen Ausbau der psychotherapeutischen Versorgung und eine Verbesserung der Lage für von Erwerbsminderung [1] betroffene Menschen sein.

Kolumne von Prof. Dieter Weirich, DIA

Die erstmalige, besondere Aufnahme dieses Themas in einen Koalitionspakt zeigt, dass der steile Anstieg von psychischen Erkrankungen auch die Bundesregierung auf den Plan gerufen hat.

Die Stärkung von Prävention und betrieblicher Gesundheitsförderung will die schwarz-rote Bundesregierung in Angriff nehmen und gleichzeitig neue Initiativen für eine moderne Arbeitsmedizin unterstützen.

So jedenfalls steht es im Koalitionsvertrag, der in der drastischen Zunahme psychischer Erkrankungen die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Ansatzes beim Gesundheitsschutz in der Arbeitswelt sieht.

Physische und psychische Belastungen gemeinsam betrachten

Physische und psychische Belastungen müssten vermehrt gemeinsam betrachtet werden. So sollen neue Präventionskonzepte und betriebliche Gestaltungslösungen in enger Zusammenarbeit mit der gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA) vorangetrieben, die Instrumente zur Vorbeugung zielsicherer ausgerichtet, der Arbeitsschutz besser kontrolliert, das Thema der psychischen Gesundheit verstärkt in die Arbeitsschutzverordnungen aufgenommen und Belastungsfaktoren wissenschaftlich genauer bestimmt werden.

Eine verbindliche Regelung in Form einer Verordnung für das Vorgehen bei psychischen Erkrankungen [2] gibt es zwar nicht, es wird aber für spätere Zeiten ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Noch für dieses Jahr kündigt die Regierungskoalition aus CDU/CSU und SPD die Verabschiedung eines Präventionsgesetzes an.

Steiler Anstieg psychischer Erkrankungen

Die erstmalige, besondere Aufnahme dieses Themas in einen Koalitionspakt zeigt, dass der steile Anstieg von psychischen Erkrankungen auch die Bundesregierung auf den Plan gerufen hat.

Nahezu jede zweite Frührente ist inzwischen psychisch verursacht, rund 75 000 Versicherte haben 2012 eine Rente wegen Erwerbsminderung [3] bezogen, die Depressionen haben sich im letzten Jahrzehnt ebenso verdoppelt wie die betrieblichen Fehltage.

Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen sowie Suchterkrankungen haben in beunruhigender Form zugenommen. Knapp 14 Prozent aller betrieblichen Fehltage gehen auf psychische Erkrankungen mit einer zumeist längeren Abwesenheitsdauer vom Arbeitsplatz zurück.

Nach Muskel-Skelett-Erkrankungen ist die Seele die zweithäufigste Ursache für eine oft frühe Arbeitsunfähigkeit, mit der oft der Weg in die persönliche Armut vorgezeichnet ist. Ein Viertel der erwerbsunfähigen Rentner lebt in Armut. Einen besonders hohen Anteil stellen dabei Langzeitarbeitslose, 37 Prozent der Hartz IV-Empfänger sind psychisch krank.

Seite zwei: Stress am Arbeitsplatz [4]Die Gründe für diese Entwicklungen liegen häufig in den hohen psychosozialen Belastungen einer von Stress geprägten Arbeitswelt, besonders im immer stärker wachsenden tertiären Sektor, der Dienstleistung.

Die Herausforderungen lösen oft Versagensangst und Depressionen aus. Ex-Arbeitsministerin Ursula von der Leyen hatte im letzten Jahr bereits geklagt, es machten sich viel zu wenige Betriebe Gedanken, wie sie ihre Belegschaft vor Stress und Burn out schützen können.

Gewerkschaften fordern “Anti-Stress-Verordnung”

Bei der Arbeitssicherheit seien deutsche Unternehmen international Spitze, bei der Reduzierung psychischer Belastungen gebe es noch Nachholbedarf. So klagt jeder zweite Arbeitnehmer Umfragen zufolge über zu starken Termin- und Zeitdruck, in einfachen Berufen wird häufig die Monotonie der Arbeit als demotivierend empfunden. Auch ständige Umstrukturierungsprogramme nervten die Menschen.

Grund genug für die Gewerkschaften, eine “Anti-Stress-Verordnung” ähnlich wie die “Lärm-und Vibrationsverordnung”, die den physischen Arbeitsschutz präzisiert, zu fordern. Die Arbeitgeber sind gegen neue Rechtsvorschriften, plädieren vielmehr dafür, bestehende Gesetze konsequent umzusetzen. Auch sie wissen, wie teuer Stresserkrankungen kommen.

2011 wurden beispielsweise bundesweit 59,2 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage registriert, was zu Produktionsausfallkosten von 5,9 Milliarden Euro führte. Allerdings haben sie die Sorge, dass mit neuen, unbestimmt formulierten “Mobbing-Paragraphen” eine Einflugschneise für querulatorische Aktionen geschaffen wird.

Unwürdige Verschiebebahnhöfe

Die Bundespsychotherapeutenkammer hat jüngst in einem Memorandum auf die schwierige Lage psychisch Kranker am Arbeitsplatz aufmerksam gemacht und gleichzeitig zahlreiche Verbesserungsvorschläge gemacht.

Oft geraten psychisch Kranke danach in ein sie belastendes Wechselspiel zwischen Kranken- und Rentenversicherung. So kann die Krankenkasse einen Arbeitnehmer mit gefährdeter oder geminderter Erwerbsfähigkeit aktiv auffordern, einen Antrag auf Rehabilitation zu stellen.

Sieht aber ein Gutachter den Erfolg einer Rehabilitationsmaßnahme nicht als gesichert an, wird der Reha- zum Rentenantrag, was bei der Hälfte aller Gesuche der Fall ist. Für den Frührentner entfällt dann der Anspruch auf Krankengeld.

Seite drei: Krankenkassen wälzen Last ab [5]Für die Krankenkassen ist dies ein bequemer Ausweg, die Ausgaben für Krankengeld der Rentenversicherung aufzubürden. Für gesundheitlich beeinträchtigte Menschen ist dieser bürokratische Hindernislauf eine Zumutung.

Die Aufnahme der Lage der psychisch Kranken in den Koalitionsvertrag sollte als politisches Signal für eine Reform und einen Ausbau der psychotherapeutischen Versorgung und eine Verbesserung der Lage für von Erwerbsminderung betroffene Menschen sein.

Was zu tun ist:

1.) Das Arbeitsschutzgesetz verpflichtet schon heute die Arbeitgeber, Mitarbeiter vor psychischen Erkrankungen zu schützen. Deswegen sind regelmäßige Gefährdungsanalysen, die in der Realität allerdings nur selten stattfinden, wichtig.

2.) Die von der Regierungskoalition protegierte Förderung von Kurzzeittherapien psychisch Erkrankter erfasst nicht das Problem, da schon zwei Drittel aller Behandlungen 25 Stunden nicht überschreiten, entscheidend ist eine Verkürzung der Wartezeiten beim Psychotherapeuten, die oft mehr als drei Monate dauern. Ein richtiger Ansatz ist auch die Förderung der Gruppentherapie. Mehr Psychotherapeuten sind außerdem das Gebot der Stunde.

3.) Eine verbesserte betriebliche Prävention und Früherkennung von psychischen Erkrankungen ist unverzichtbar. Auch der von der Bundespsychotherapeutenkammer verlangte Ausbau der Wartezeiten in der ambulanten Psychotherapie, mehr Behandlungsplätze für psychisch Kranke und eine bessere Abstimmung zwischen Kuration und Rehabilitation wären bedeutende Fortschritte.

4.) Auch eine bessere medizinische und berufliche Rehabilitation nach dem Grundsatz “Reha vor Rente” sollte ebenso forciert werden wie die Wiedereingliederung psychisch kranker Menschen.

5.) Die geplante Rentenreform [6] enthält zwar schmale Aufbesserungen für erwerbsgeminderte Rentner, sollte aber deutlich nachgebessert werden. Statt der abschlagsfreien Rente mit 63 sollte die Erwerbsminderungsrente aufgebessert werden.

Die volle Erwerbsminderungsrente erhält zur Zeit, wer nach ärztlicher Prüfung täglich weniger als drei Stunden arbeiten kann. Die durchschnittliche Rente lag 2012 bei voller Erwerbsminderung in der alten Bundesrepublik bei 723 Euro, in den neuen Bundesländern bei 698 Euro im Monat.

Es sollte überlegt werden diesen unverschuldet in Not geratenen Personen in der Frage der Abschläge entgegenzukommen oder ihnen zumindest die geplante Mindestrente zuzubilligen.

Autor Prof. Dieter Weirich ist neben Klaus Morgenstern Sprecher des Deutschen Instituts für Altersvorsorge in Berlin.

Foto: DIA / Shutterstock