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Alternativen für ein Vorzeigeprodukt

Die Berufsunfähigkeitsversicherung wird immer leistungsfähiger. In ihrem größer werdenden Schatten haben sich eine Vielzahl von Alternativ-Lösungen entwickelt, die auch für Menschen mit Vorerkrankungen oder schmalem Geldbeutel in Frage kommen.

Erwerbsunfähigkeits- (EU), Dread-Disease- (Schwere Krankheiten) oder Multi-Risk- Versicherung – der Versicherte hat Alternativen, die eine Grundabsicherung sicherstellen.

Was haben ein Krankenpfleger, ein Pilot und ein Hochseefischer gemein? Nicht viel, könnte man angesichts der völlig unterschiedlichen Tätigkeiten und Einsatzgebiete meinen.

Richtet man die gleiche Frage an einen Versicherungsmathematiker, wird die Antwort wohl so lauten: Sehr viel. Denn der Aktuar [1] weiß, dass alle drei Berufe hohe körperliche und geistige Anforderungen mit sich bringen und daher auf Dauer ein beträchtliches Gesundheitsrisiko [2] für die Betroffenen bergen.

Deutlich mehr als 100 Euro Monatsprämie

Die versicherungstechnische Logik besagt daher, dass der Aktuar alle drei Berufe in die höchste Risikogruppe einsortieren müsste.

Arbeitnehmer, die sich bei einer Versicherungsgesellschaft in der schlechtesten Berufsgruppe widerfinden, müssen vergleichsweise hohe Beiträge bezahlen, wenn sie sich gegen eine Berufsunfähigkeit [3] (BU) versichern lassen wollen.

Für eine monatliche Rentenleistung von 1.000 Euro sind dann meist deutlich mehr als 100 Euro Monatsprämie zu bezahlen. Für einen Piloten, der zwischen 8.000 und 15.000 Euro im Monat verdient, ist solch eine BU-Prämie leicht zu finanzieren.

Auf einen Krankenpfleger mit einem durchschnittlichen Brutto-Verdienst von 2.000 Euro dürfte der Preis hingegen eher abschreckend wirken.

BU trifft jeden vierten Arbeitnehmer

“Die mittlerweile sehr hohe Qualität der Bedingungen und der parallel stattfindende Preiskampf um die ‘guten Risiken’ führt dazu, dass für einige Arbeitnehmer der BU-Schutz nur schwer finanzierbar ist”, sagt Peter Schneider, Geschäftsführer des Hofheimer Analysehauses Morgen & Morgen.

Seite zwei: Rasant angestiegener Bestand [4]Das ist ein Problem, denn das Risiko, dass der Job nicht bis zum Rentenalter durchgehalten werden kann und die einzige Einnahmequelle versiegt, ist durchaus gegeben. So muss etwa jeder vierte Arbeitnehmer im Laufe seines Berufslebens die Arbeit unfreiwillig einschränken oder sogar ganz aufgeben, wie die Statistik der gesetzlichen Rentenversicherung [5] zeigt. Der Staat greift Betroffenen nur halbherzig unter die Arme.

Seit 2001 gilt die Regelung, dass Arbeitnehmer, die 1961 oder später geboren sind, keine staatliche BU-Rente mehr erhalten. Geld gibt es somit nur noch, wenn eine Erwerbsminderung vorliegt. Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) [6] lag die monatliche Durchschnittsrente bei voller Erwerbsminderung in 2013 bei 634 Euro.

Rasant angestiegener Bestand

Allerdings können viele Betroffene immer noch mehr als drei Stunden täglich arbeiten, so dass sie nur Anspruch auf die halbe Rente haben. Sind mehr als sechs Stunden Arbeit am Tag drin, gibt es gar kein Geld. Vor diesem Hintergrund haben sich viele Deutsche privat abgesichert oder zumindest teilabgesichert – und das zu recht, wie die jüngsten Leistungsdaten nahe legen.

“Aktuell befinden sich mehr als 250.000 BU-Verträge in der Auszahlung mit einem Volumen von über 1,7 Milliarden Euro Jahresrente”, konstatiert Schneider. “Der Bestand der BU-Verträge [7] ist innerhalb der letzten 20 Jahre rasant angestiegen und liegt mittlerweile bei rund 16 Millionen.”

Diese Zahlen zeigten die große Bedeutung der BU, betont Schneider und ergänzt: “Die BU ist das Vorzeigeprodukt, wenn es um Absicherung der Arbeitskraft geht.” Doch einige Marktbeobachter merken inzwischen kritisch an, dass der Schritt von einem Vorzeigeprodukt zu einem Luxusprodukt nicht mehr allzu groß sei.

Obwohl das aktuelle BU-Rating von Morgen & Morgen den am Markt verfügbaren BU-Tarifen “eine hohe Qualität bei Bedingungen und Kompetenz” bescheinigt, müssen sich die BU-Versicherer harsche Kritik von Verbraucherschützern anhören.

Lösungen abseits der klassischen BU

So zitiert das “Handelsblatt” den Bund der Versicherten (BdV) und die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, mit den Äußerungen, dass es “viel zu wenige Verträge” gäbe, Vertragslaufzeiten und Rentenhöhen begrenzt seien und einige Berufsgruppen von den Versicherern “im Stich gelassen” würden.

Seite drei: “Je früher, desto besser” [8]Der Rundumschlag gipfelte in der Forderung, dass der Berufsunfähigkeitsschutz für Erwerbstätige [9] wieder Teil der gesetzlichen Absicherung werden solle. Die Versicherungsbranche hält die Kritik der Verbraucherschützer für maßlos überzogen.

“Wer allen Erwerbstätigen Schutz für ihre Arbeitskraft anbieten will, braucht vielfältige Lösungen. Denn nicht immer trifft ‘BU oder gar nichts’ den Bedarf, außerdem gibt es BU-Alternativen”, sagt Bernhard Rapp [10], Direktor Marketing und Produktmanagement bei Canada Life Deutschland.

Auch Annika Krempel [11], Finanzexpertin vom gemeinnützigen Verbraucherpotal Finanztip, weist auf Lösungen abseits der klassischen Berufsunfähigkeitsversicherung hin.

“Für jemanden, der wegen Vorerkrankungen oder wegen des Berufs keine oder nur eine teure Versicherung bekommt, gibt es Alternativen. Diese sind nicht gleichwertig zur Berufsunfähigkeitsversicherung, bieten aber eine Grundabsicherung.”

“Je früher, desto besser”

Dabei sei Produkten wie die Erwerbsunfähigkeits [12]– (EU), Dread-Disease- (Schwere Krankheiten) oder Multi-Risk- Versicherung gemein, dass sie den Versicherungsschutz meist auf bestimmte Erkrankungen oder Einschränkungen eingrenzten, erläutert Krempel.

Allen Verbrauchern, die gar nicht erst in die Situation kommen wollen, abseits des “Königswegs BU” nach Alternativen suchen zu müssen, rät Krempel, sich rechtzeitig um eine Absicherung zu kümmern.

“Je früher eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen wird, desto besser. Denn dann sind die Beiträge niedriger und junge Menschen haben meist weniger Vorerkrankungen, die den Abschluss erschweren.”

Dabei gilt immer: Vorerkrankungen auf keinen Fall verschweigen oder verharmlosen. “Die Gesundheitsfragen [13] sollten in jedem Fall ehrlich und gemeinsam mit den Ärzten der letzten fünf Jahre ausgefüllt werden”, betont Krempel, “denn oft wissen die Menschen nicht, was in ihren Krankenakten steht.”

Zudem rät die Expertin dazu, dass die Police mindestens bis zum 65. Lebensjahr laufen sollte, besser noch bis zum Renteneintritt. Wichtig sei auch, dass Versicherte die Police mit Dynamik und Nachversicherungsgarantie weiterhin “an ihr Leben anpassen” könnten und die Finanzkraft des Anbieters unter die Lupe genommen werde. (lk)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der aktuellen Cash.-Ausgabe 09/2015 [14].

Foto: Shutterstock