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“Bis 2020 jeder zweite BU-Fall psychisch bedingt”

Im zweiten Teil des Roundtable-Gesprächs sprach Cash. mit drei BU-Experten aus der Assekuranz über eine Reduktion der Komplexität bei der Beantwortung der Gesundheitsfragen und die Relevanz psychischer Erkrankungen bei den Risikofaktoren einer Berufsunfähigkeit.

Bu-rt-teilnehmer in Bis 2020 jeder zweite BU-Fall psychisch bedingt [1]

Die Teilnehmer des Round Tables: Maximilian Beck, Basler Versicherungen (rechts), Christian Mähringer, HDI (oben) und Gordon Hermanni, Zurich Gruppe Deutschland (unten).

Cash.: Eine aktuelle Stichprobe der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen unter 326 Verträgen ergab, dass die versicherte BU-Monatsrente im Schnitt nur bei 400 Euro und damit unterhalb der Grundsicherung liegt. Zugespitzt gefragt: Hilft die Berufsunfähigkeitsversicherung den Sozialkassen am Ende mehr als den Versicherten?

Maximilian Beck, Bereichsleiter Vertriebsförderung Lebensversicherung der Basler Versicherungen: Diese Zahlen kann ich nicht nachvollziehen. Laut der Statistik des Versicherungsverbandes GDV [2] liegen selbstständige BUs im Durchschnitt bei einer Monatsrente von 990 Euro, in der Berufsunfähigkeitszusatzversicherung (BUZ) beträgt sie etwa 550 Euro. Zumindest was die SBU angeht, sieht es also gar nicht so schlecht aus. Man muss auch deutlich sagen, dass zum Start des BU-Geschäfts [3] Mitte der 1990er-Jahre viele Verträge vermittelt wurden, die hinsichtlich Endalter und versicherter Rentenhöhe schlicht und ergreifend nicht mehr zeitgemäß sind. Gleichwohl gibt es einen laufenden Beratungsauftrag und somit auch eine neue Beratungschance für den Vermittler.

Christian Mähringer, Vorstand Betrieb Leben bei HDI und Mitglied des Vorstands der Talanx Pensionsmanagement AG: Das sehe ich ähnlich wie Herr Beck. Hier ist der Berater gefordert, dem Kunden einen bedarfsgerechten und bezahlbaren Schutz [4] anzubieten. Für Kunden mit niedrigem Einkommen kann die EU die beste Lösung sein. Zum Beispiel müsste eine 30-jährige Krankenschwester für einen BU-Schutz mit 1.000 Euro BU-Rente monatlich rund 142 Euro zahlen. Für die EU hingegen würde sie nur 63 Euro zahlen. Bei dem schmalen Budget einer Krankenschwester ist die EU die bessere Lösung.

Gordon Hermanni, Leiter Vertriebsdirektion Nord der Zurich Gruppe Deutschland: Grundsätzlich sind wir uns alle hier am Tisch darüber einig, dass der Weg zunächst über die BU und dann über die EU gehen sollte. Wir sind ein absoluter Verfechter der EU, trotzdem glaube ich, dass Ausschnittsdeckungen für den Kunden eine große Chance bieten, entsprechend seinem Einkommen eine Teil-Absicherung zu haben. Denn der Wunschgedanke, sich vollumfänglich abzudecken, ist bei den körperlich Tätigen in meinen Augen fast unmöglich zu erfüllen.

Seite zwei: “Mehr technische Unterstützung im Beratungsgespräch” [5]Die BU-Beantragung, vor allem das Beantworten der Gesundheitsfragen, erweist sich im Beratungsgespräch oftmals als komplex. Welche technischen und prozessualen Verbesserungen sind hier noch möglich, um einen möglichst reibungslosen Abschluss zu ermöglichen?

Hermanni: Insbesondere die E-Signatur wird in den nächsten Jahren ein Riesenthema werden. Aber schon heute bieten wir unseren Vertriebspartnern mit dem Zurich Riziko-Check ein effizientes Tool an, mit dem der Gesundheitszustand des Antragstellers sofort übermittelt werden kann. Der Kunde erfährt dann in kurzer Zeit, ob eine Annahme problemlos möglich ist, eine Annahme zu erschwerten Bedingungen oder ob eine nähere Prüfung erforderlich ist. Letzlich geht es dem Makler auch um die Frage, wie er mit wenig Aufwand eine höhere Termindichte erzielen kann. Das wird bei einigen Maklern sehr gut angenommen, bei einigen noch gar nicht – da wird immer noch mit Papieranträgen gearbeitet. Ich denke, der gesamte digitalisierte [6] Antragsprozess wird in fünf Jahren schon deutlich weiter sein als heute.

Mähringer: Die Vermittler fordern schon seit Jahren mehr technische Unterstützung im Beratungsgespräch. Diesem Wunsch können die Versicherer erst seit dem letzten Jahr nachkommen, seitdem es die Möglichkeit für Versicherer gibt, sich zwei Initiativen anzuschließen. Zum einen EQuot von Morgen & Morgen und der GenRe, zum anderen versdiagnose von Franke und Bornberg und der Munich Re. Beiden ist gemein, eine Einschätzung für eine Risiko-Voranfrage oder im Antrag am Point of Sale, also noch im Beratungsgespräch, verbindlich abzugeben. Wir sind stolz, dass wir aktuell neben der Barmenia als einziger Versicherer in beiden Initiativen vertreten sind. Das ist für mich die Zukunft: Biometrie [7]-Beratung am Point of Sale mithilfe derartiger Anwendungen beziehungsweise Risiko-Tools ganzheitlich zu organisieren.

Seite drei: “Bis zum Jahr 2020 hat jeder zweite BU-Auslöser einen psychischen Hintergrund” [8]Beck: Wir verfolgen diese Entwicklung sehr aufmerksam und mit großem Interesse. Ich glaube, dass die Branche zudem mehr intelligente Angebote zur Schadensprophylaxe machen sollte, wie das beispielsweise in der gewerblichen Schadenversicherung üblich ist und schon Tradition hat. Mit dem Konzept der Basler Sicherheitswelt versprechen wir, dass wir eventuellen Schäden so vorbeugen möchten, dass sie erst gar nicht entstehen. Mit dem VorsorgeBonus haben wir jetzt eine Präventivleistung an den Start gebracht. Der Kunde bekommt hier eine höhere Rente. Auf Basis der aktuellen Überschussbeteiligung sind das 20 Prozent mehr, wenn er sich ab 35 Jahren alle zwei Jahre beim Arzt durchchecken lässt und die Vorsorgeuntersuchungen im Vorsorgeheft dokumentieren lässt.

Krankheitsauslösenden Faktoren vorzubeugen, dürfte vor allem im psychischen Bereich im Interesse der Versicherer liegen: Die Zahl der psychischen Erkrankungen nimmt stetig zu. Wie gehen Sie mit dieser Entwicklung um?

Mähringer: Alle unsere Einkommensschutz-Tarife decken psychische Störungen ab: Das ist wichtig, denn: Ich prognostiziere, dass bis zum Jahr 2020 jeder zweite BU-oder EU-Auslöser einen psychischen Hintergrund haben wird. Deshalb ist echter Einkommensschutz für mich entscheidend. Das Schlimmste wäre, wenn der Kunde über keine Absicherung eines Risikos verfügt, das vielleicht in ein paar Jahren zu 50 Prozent die Ursache eines BU-oder EU-Falls bildet. Schon heute sind psychische Störungen für 41 Prozent aller Leistungsfälle verantwortlich. Wir haben ein Team, das sich vollumfänglich mit dem Thema Psyche beschäftigt. Das heißt, um die Qualität in der Regulierung aufrechtzuerhalten, ist eine Spezialisierung und eine stetige Fortbildung unverzichtbar.

Hermanni: Das Thema psychische Erkrankungen [9] hat über die letzten Jahre, da stimme ich Herrn Mähringer zu, stark an Relevanz gewonnen. Die Herausforderung besteht hier vor allem darin, dass eine entsprechende Diagnose schwerer zu stellen ist als etwa bei einem Bandscheibenvorfall oder einer Krebserkrankung. Ich denke auch, dass Versicherer, die eine lange Erfahrung im Umgang mit Krankheitsbildern vorweisen können und zudem über große und alte BU-Bestände verfügen, wie wir bei Zurich, diese Veränderungen im Sinne der Kunden nutzen können. Wir befassen uns schon jahrzehntelang mit der Berufsunfähigkeit [10] und dies kann entscheidend dazu beitragen, beim Kunden um Vertrauen zu werben.

Das Gespräch führte Lorenz Klein.

Foto: Anna Mutter