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Invaliditätsversicherungen: Mut zur Bedarfslücke

Die Produktsegmentierung in der Arbeitskraftabsicherung intensiviert sich. Einigen Branchenexperten zufolge bräuchten Selbstständige gar keine Berufsunfähigkeitsabsicherung (BU) – eine Erwerbsunfähigkeitspolice (EU) sei völlig ausreichend. Zudem seien Alternativen zur BU, wie etwa die Funktionelle Invaliditätsversicherung (FIV), in manchen Segmenten “sogar überlegen”.

So zeichne sich die Zielgruppe der Selbstständigen, wie etwa Ärzte, Rechtsanwälte und Architekten, gerade dadurch aus, dass sie bei einer 50-prozentigen Berufsunfähigkeit weiter arbeiten würde – also eigentlich nur eine Erwerbsunfähigkeitspolice (EU) gebraucht würde.

Nach den jüngsten Branchendaten des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV [1]) ist der Bestand an Hauptversicherungen zur Absicherung einer Invalidität in 2014 um 6,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 3,851 Millionen Verträge gestiegen und auch das Neugeschäft legte um 6,3 Prozent auf 449.159 Policen zu, doch im Bereich der Zusatzversicherungen ist die Entwicklung zum Teil deutlich rückläufig: Der Bestand an Invaliditätszusatzpolicen sank auf 13,172 Millionen Verträge (minus 1,9 Prozent), der Neuzugang fiel mit 452.888 neu abgeschlossenen Verträgen gar um 10,7 Prozent geringer aus.

Lage im BU-Markt herausfordernd

Dr. Markus Leibundgut [2], CEO von Swiss Life Deutschland, bewertet die Lage im BU-Markt als herausfordernd, aber sein Grundton ist optimistisch: “Nach den GDV-Zahlen ist der Markt für selbstständige Invaliditätsversicherungen in 2014 leicht gewachsen, um 8,6 Prozent nach laufendem Beitrag. Bei Zusatzversicherungen haben wir einen Rückgang um 7,1 Prozent gesehen. Es gibt daher keinen Anlass für Alarmismus.”

Unbestritten sei aber, räumt der promovierte Physiker ein, “dass der Markt für BU-Versicherungen hart umkämpft ist und die Wachstumsdynamik in den letzten Jahren nachgelassen hat”.

Für den Vertrieb bedeute das, fährt der Schweizer fort, dass sich sein Haus verstärkt um diejenigen Menschen kümmern wolle, “die mit einer klassischen BU-Versicherung nicht erreicht werden, sei es wegen des Preises oder der Gesundheitsverhältnisse”.

Verbesserte Unterstützung des BU-Risikoprüfungsprozesses

Um dies zu erreichen, setzt Leibundgut unter anderem auf eine verbesserte Unterstützung des BU-Risikoprüfungsprozesses. So könne der Vermittler über das Software-Tool vers.diagose bereits im laufenden Kundengespräch eine verbindliche Risikoeinschätzung bekommen, erläutert Leibundgut.

Seite zwei: Fundamentalkritik an der BU [3]Das Thema Risikoeinschätzung ist in der BU-Vermittlung ein überaus sensibles, denn die Prüfung des individuellen Gesundheitszustandes des Antragstellers entscheidet letztlich darüber, ob dieser eine existenzsichernde BU [4] bekommt – gegebenenfalls mit Risikozuschlägen – oder komplett leer ausgeht, weil dem Versicherer das Risiko zu hoch erscheint.

Zwar rühmen sich die Gesellschaften, dass sie bis zu 90 Prozent der BU-Anträge mehr oder weniger problemlos policieren, doch die Minderheit der abgelehnten Fälle sorgt oftmals für Zündstoff. Betroffen sind vor allem Menschen, die vergleichsweise gesundheitsgefährdende Berufe wie Dachdecker oder Krankenpfleger ausüben.

Fundamentalkritik an der BU

Diese für schwer versicherbare Berufsgruppen unbefriedigende Situation führt dann häufig zu einer Fundamentalkritik an der BU, die sich in etwa so zusammenfassen lässt: “Wer einen vertretbaren BU-Beitragssatz angeboten bekommt, braucht eigentlich keinen BU-Schutz, wer ihn bräuchte, bekommt ihn nicht.”

Dies sei “schlichtweg Unfug”, wehrt sich Swiss-Life-Mann Leibundgut. “Auch wenn es stimmt, dass es im Markt durchaus gravierende Prämienunterschiede gibt, gerade bei körperlich anstrengenden Berufen, so ist mir der Vorwurf, dass es für derartige Berufe gar keinen bezahlbaren Versicherungsschutz geben würde, nicht nur zu pauschal, sondern auch falsch.”

Dr. Nicola-Alexander Sittaro [5], Geschäftsführer beim Versicherungsmedizinischen Service Hannover (VMS Hannover), hält dagegen: “Diese Kritik ist berechtigt und betrifft im Kern die Konstruktion des Produktes BU, nämlich die Abhängigkeit vom ausgeübten Beruf.”

Selbstständige erhalten “Luxusdeckung”

So zeichne sich die Zielgruppe der Selbstständigen (Berufsgruppe A), wie etwa Ärzte, Rechtsanwälte und Architekten, gerade dadurch aus, erklärt Sittaro, dass sie bei einer 50-prozentigen Berufsunfähigkeit [6] weiter arbeiten würde – also eigentlich nur eine Erwerbsunfähigkeitspolice (EU) gebraucht würde.

Demnach bekomme diese Berufsgruppe eine “Luxusdeckung”, sagt der BU-Experte, wohingegen die Berufsgruppe der gewerblichen Arbeitnehmer “extrem benachteiligt” sei. “Deren Prämie bei gleicher versicherter Monatsrente liegt zwei bis dreimal über der Prämie der Berufsgruppe A”, sagt Sittaro. Deshalb sei ein ausreichender Schutz für diese Gruppe nicht erschwinglich.

“Hinzu kommt noch die große Angst der Versicherer vor den typischen Erkrankungen der gewerblichen Arbeitnehmer, nämlich Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates sowie der Psyche”, fährt der langjährige Medizinische Direktor der Hannover Rückversicherung fort.

Seite drei: “Erhebliche Verminderung des Sozialversicherungsschutzes” [7]

Sittaro ärgert sich, dass diese Entwicklung “vor dem Hintergrund der erheblichen Verminderung des Sozialversicherungsschutzes bei Erwerbs- oder Berufsunfähigkeit seit 2001” geschehen sei.

Damit spielt der BU-Experte auf die veränderte Regelung an, wonach Arbeitnehmern, die noch teilweise arbeiten können – das heißt zwischen drei und sechs Stunden täglich – nur noch die halbe gesetzliche Erwerbsminderungsrente gewährt wird. Nur wer aus gesundheitlichen Gründen weniger als drei Stunden täglich arbeiten kann, erhält die volle Erwerbsminderungsrente. Diese beträgt derzeit durchschnittlich knapp 700 Euro.

Nach dem 1. Januar 1961 Geborene trifft es noch härter: Sie können im Falle einer Berufsunfähigkeit auf jede andere Tätigkeit des Arbeitsmarktes verwiesen werden.

“Erst seit der Abkopplung des Berufs und dessen Ausübbarkeit von der Invalidität gibt es Lösungen für gewerbliche Arbeitnehmer”, konstatiert Sittaro.

“Gleichwertiger Schutz wie eine BU”

Für die erst seit wenigen Jahren im Markt erhältlichen Alternativen zur klassischen BU, wie etwa der Funktionellen Invaliditätsversicherung (FIV), findet der Mediziner lobende Worte: “Die neuen Funktionellen Invaliditätsversicherungen verbinden die Leistung aus der Versicherung mit der Funktionsminderung des Körpers. Diese Versicherungen sind modular aufgebaut und bieten zum Teil sogar gleichwertigen Schutz wie eine Berufsunfähigkeitsversicherung.”

Die ESV Versicherung der Axa sei hierfür ein gutes Beispiel, sagt Sittaro. “Diese Versicherung besteht aus einer kompletten Pflegeversicherung, einer vollständigen Grundfähigkeitsabsicherung, einem Unfallschutz sowie einem Organschutz und Krebsschutz.”

Im Bereich des Organ- und Krebsschutzes sei die Police “sogar der BU überlegen”, lobt der Wissenschaftler, der die Annahmebedingungen für eine FIV zudem für “viel toleranter” hält als für eine BU. Darüber hinaus verlange die FIV auch nur ein Drittel der BU-Prämie bei gleicher Rentenhöhe.

Michael Franke [8], Geschäftsführer des Analysehauses Franke und Bornberg, warnt schon seit einiger Zeit davor, die BU zum “Maß aller Dinge” zu erheben.

Es mache wenig Sinn, so Franke, alle Produkte zur Arbeitskraftsicherung nur an der BU zu messen.

Lesen Sie den vollständigen Artikel in der aktuellen Cash.-Ausgabe 06/2015 [9].

Foto: Shutterstock