- Finanznachrichten auf Cash.Online - https://www.cash-online.de -

Unfallpolicen: Umsatz hält sich hartnäckig oben

Auch im vergangenen Jahr war die Unfallversicherung die Cashcow der Branche: Mit einer Schadenkostenquote von 79 Prozent ließ sich im Gegensatz zu manch anderer Sparte wieder gutes Geld verdienen. Die Anbieter setzen verstärkt auf modulare “Crossover-Deckungen”, wie auf die funktionelle Invaliditätsversicherung.

Eine private Unfallversicherung eignet sich gut für junge Freizeitsportler.

Wie die Zahlen sich Jahr für Jahr gleichen: Mehr als acht Millionen Deutsche verunglücken in einem einzigen Jahr.

Aus rund 26 Millionen Verträgen nahmen die Unfallversicherer [1] 2014 satte 6,4 Milliarden Euro ein, mussten aber nur 3,2 Milliarden Euro, also die Hälfte der Einnahmen, als Leistung wieder an die Kunden ausschütten, weist das “Statistische Taschenbuch” der Branche vom September 2015 aus.

Dicke Gewinne

Zum gleichen Zeitpunkt wagte die Studie “Marktreport 2015: Der deutsche Versicherungsmarkt” des Versicherungsmaklers [2] Aon Deutschland einen Blick voraus und schätzte für 2015 ganz ähnliche Ergebnisse: 6,5 Milliarden Euro Einnahmen und nur 3,1 Milliarden Euro Ausgaben für Unfallschäden bescheren gute Erträge.

Kein Wunder: In 90 Prozent aller Fälle führen nicht Unfälle zur Invalidität [3], sondern Krankheiten. Bei dieser Ursache zahlt die Unfallpolice keinen Cent, da finanzielle Hilfe bei Invalidität eben meist nur als Folge eines Unfalls versichert ist.

Rudimentäre Krankheitsbilder abgedeckt

Lediglich einige rudimentäre Krankheitsbilder werden bei leistungsstarken Angeboten auch von der Unfallversicherung [4] abgedeckt, darunter Kapitalsofortleistungen bei schweren Erkrankungen, Infektionen durch Zeckenbisse oder Unfälle als Folge eines Herzinfarktes oder Schlaganfalls.

Seite zwei: Negativer Trend für Unfallsparte [5]

Generell passt für die Invaliditätsvorsorge eine Berufsunfähigkeitsversicherung [6] (BU) besser. Eine private Unfallversicherung dagegen eignet sich gut für vier Kundengruppen: Kinder, Hausfrauen [7], junge Freizeitsportler sowie Berufstätige, die eine BU nicht zu einem bezahlbaren Preis abschließen könnten.

Daraus leiten Fachleute den Trend ab, dass die Unfallversicherung an Bedeutung verlieren müsste. Gemessen an der aktuellen Stimmung und Nachfrage im Vertrieb im Verhältnis zu den Erwartungen der Vermittler in der Zukunft ist das auch der Fall.

Negativer Trend für Unfallsparte

Der sogenannte Produkt-Trend-Indikator sieht die Unfallsparte eindeutig in einem negativen Trend. Die Quartalsstudie “Asscompact- Trends III/2015” der BBG Betriebsberatungsgesellschaft und des Institut für Versicherungsvertrieb [8], an der rund 500 Maklern und Mehrfachvertreter mitwirkten, weist jedoch für das zweite Quartal 2015 gegenläufige, also hohe Nachfrage aus.

In der Produkthitparade der Makler schaffte es die Unfallversicherung unverändert auf Platz 7 unter 29 Sparten. Fast 45 Prozent der Befragten gaben an, in dieser Sparte besonders gute Umsätze gemacht zu haben.

In den nächsten ein bis fünf Jahren trauen die Makler der Unfallsparte zwar nur noch Platz 14 zu, doch dürfte die Produktlinie weiter davon profitieren, dass Unfallfolgen wie Invalidität zu den biometrischen Risiken neben Berufsunfähigkeit [9], langwieriger Krankheit, Pflegefall [10], Langlebigkeit und Tod zählen, die derzeit als “Absicherung persönlicher Risiken” am kräftigsten den Nerv der Kunden treffen, sagen 74 Prozent der Befragten.

Bröckelnde Umsätze im Lebensbereich 

Als zusätzlicher Katalysator für das Unfallgeschäft, in dem Makler derzeit Interrisk, VHV und Haftpflichtkasse Darmstadt die besten Noten geben, wirken bröckelnde Umsätze im Lebensbereich durch Kürzung der Vergütungen.

Für Großmakler Aon geht die Entwicklung bei den privaten Unfallversicherern weiter in Richtung Kombiprodukte, die eine Erweiterung des Unfallbegriffes sowie zusätzliche Versicherungsbausteine beinhalten. Dies sind zum Beispiel Leistungen bei Krebserkrankung (Dread Disease), diverse Krankenversicherungsbausteine, Auslandsreisekrankenversicherung sowie eine Fülle von Assistance-Leistungen [11].

Seite drei: Konkurrenz durch Existenzschutz-Policen [12]

Auf der anderen Seite etabliert sich zunehmend ernst zunehmende Konkurrenz für die Unfallversicherung: Existenzschutz [13]-Policen bieten finanziellen Schutz bei Erwerbsunfähigkeit [14], schweren Krankheiten und beim Verlust von körperlichen Fähigkeiten.

Dieser Basisschutz ist für viele gemacht, denen das “Luxusgut BU-Versicherung” unerreichbar geworden ist, weil es sich heute häufig nur noch für Gesunde, Gutverdienende, Akademiker und kaufmännische Berufe erreichen und bezahlen lässt.

Feuerwerk neuer Produkte

Bei Multi-Risk-Versicherungen, auch Crossover-Deckungen genannt, werden zunehmend mehrere biometrische Risiken [15] neben der Invalidität versichert. In den letzten Jahren gab es ein regelrechtes Feuerwerk neuer Produkte.

Beispiele sind die “Körperschutzpolice” der Allianz, “Safety First” von Cardea Life, “Existenzschutzversicherung” von Axa, “Opti5Rente” der Barmenia, “Multi-Rente” von Janitos, “Vital-Rente” der VPV und “Existenz” vom Volkswohl Bund.

Aus der Diskussion um erschwinglichen Invaliditätsschutz ging eine vollkommen neuartige Invaliditätsdeckung in Form der funktionellen Invaliditätsversicherung [16] (FIV) hervor. Da wird die Funktionsinvalidität betrachtet.

Konzept von Lebensversicherern übernommen

Die erste FIV am Markt bestand aus den Modulen Unfallrente, Pflegerente, Grundfähigkeitsrente, Organrente und Krebsrente. Mittlerweile wird das Konzept nicht nur von Kompositversicherern, sondern auch von Lebensversicherern angeboten.

Bei letzteren fehlt naturgemäß die Unfallrente – Organrente und Krebsrente werden durch einen Dread-Disease-Baustein ersetzt.

Seite vier: Crossover-Deckungen: Keine Verschnaufpause [17]

“Die Organrente ist der wichtigste Leistungsbaustein”, weiß Dr. Andreas Beckstette, Partner beim Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften (IFA) in Ulm.

“Das Organmodul des FIV-Konzepts ist einer Dread-Disease [18]-Deckung aus Sicht der Risikoabsicherung überlegen”, meint Beckstette.

Funktionelle Invaliditätsversicherung mit fünf Leistungsmodulen

Zum Hintergrund: Die FIV-Produkte der Kompositversicherer umfassen allesamt fünf Leistungsmodule.

Es gibt Rente bei Invalidität durch schweren Unfall, bei Pflegebedürftigkeit [19], bei Verlust von Grundfähigkeiten, bei Organschäden und bei Feststellung einer Krebserkrankung.

“Die Rente fließt entweder lebenslang oder bis 67, bei Krebserkrankung allerdings maximal fünf Jahre”, hat IFA-Experte Beckstette beobachtet. Auch alle Produkte der Lebensversicherer beinhalten eine Pflege- und eine Grundfähigkeitsrente. Es fehlt jedoch naturgemäß die Unfallrente.

Crossover-Deckungen: Keine Verschnaufpause

Organrente und Krebsrente sind ebenfalls nicht enthalten; sie werden durch einen Dread-Disease-Baustein ersetzt. Aus diesem Baustein wird bei Eintritt einer von typischerweise fünf bis sieben schweren Krankheiten eine einmalige Kapitalleistung (Höhe: eine Jahresrente) erbracht.

Der wichtigste Leistungsbaustein jeder FIV in der Kompositversicherung ist die Organrente. “Daher ist der Austausch dieser Komponente durch einen Dread-Disease-Baustein der Schwachpunkt der FIV-Produkte im Bereich der Lebensversicherung”, sagt Beckstette.

Der Markt scheint bei Crossover-Deckungen somit keine Verschnaufpause zu kennen.

Lesen Sie den vollständigen Artikel in dem aktuellen Cash.-Special Versicherungen [20].

Autor Detlef Pohl ist freier Journalist und Versicherungsexperte in Berlin.