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“Krankenversicherer müssen Versicherung erlebbar machen”

Christoph Dittrich, Geschäftsführer des Analysehauses Softfair, spricht über die aktuellen Beitragsanpassungen der Krankenversicherer, den Trend zu Bausteinlösungen und die Erfassung von Gesundheitsdaten über Apps.

“Die Idee eines Bonusprogramms ist nicht neu. Wenn es durch die Verknüpfung von Self-Trackig und Technikbegeisterung gelingt, bares Geld zu sparen oder Zusatzleistungen in Anspruch nehmen zu können, sehen wir das positiv.”

Cash.: Die Versicherer können Altersrückstellungen nur zu niedrigen Zinsen anlegen, zugleich steigen die Kosten für medizinische Leistungen weiter an. Wie geht die Branche mit dieser unvorteilhaften Entwicklung um?

Dittrich: Diese Entwicklung werden zunächst diejenigen spüren, die sich künftig für den Abschluss einer privaten Krankenversicherung [1] entscheiden. Mehr als die Hälfte aller Krankenversicherer hat bereits die Anhebung der Neugeschäftsbeiträge 2015 angekündigt.

Vereinzelt haben auch Bestandskunden [2] Post von ihrem Anbieter zum Jahreswechsel 2014/2015 bekommen. Manche Versicherer versuchen, beruhigende Signale in Form einer Beitragsgarantie bis 1. Januar 2016 zu senden.

Ob mit solchen Maßnahmen die Diskussion um die Beitragserhöhungen in der PKV nachhaltig beeinflusst werden kann, bleibt abzuwarten. Schließlich erfolgen Beitragsanpassungen nicht nur zum Jahreswechsel. Wir rechnen mit der nächsten Erhöhungswelle bereits zum Ende des ersten Quartals 2015.

Welche Trends sehen Sie im Leistungsniveau der Krankenvollversicherung?

Aktuell beobachten wir Bedingungsverbesserungen beziehungsweise transparentere Leistungszusagen in den Vollversicherungen. Ein Stück weit sind diese auch auf die flächendeckende Nutzung von Vergleichsprogrammen im Vertrieb zurückzuführen.

Um in den Ergebnistabellen und Produktratings besser dargestellt zu werden, bieten die Krankenversicherer mehr Leistungen, wie etwa Zahnreinigung, Heilpraktiker-, Lasik- oder psychotherapeutische Behandlungen. So haben auch einige Gesellschaften bei der Unisex-Umstellung nicht nur die Beiträge angepasst, sondern auch ihre Leistungen bei den neuen Tarifen erhöht.

Seite zwei: Pflegezusatzversicherung gewinnt stetig an Bedeutung [3]Welche Entwicklung beobachten Sie im Bereich der Zusatztarife?

Bei den Zusatzversicherungen erkennen wir neben einer allgemeinen Verbesserung der Produktqualität auch eine zunehmende Flexibilität der Tarife. Zusatztarife werden vermehrt in Bausteinform angeboten, sodass der Kunde sich seinen individuell gewünschten Schutz zusammenstellen kann.

Aufgefallen ist uns auch, dass die Einführung neuer Zusatzversicherungen mit Leistungserhöhungen beziehungsweise -verbesserungen eher für die Zahn- und Pflegeabsicherungen zunimmt als für ambulante und stationäre Zusatztarife. Daneben gewinnt die Pflegezusatzversicherung stetig an Bedeutung.

Einige Krankenversicherer arbeiten an App-Lösungen, die Fitness, Ernährung und Lebensstil ihrer auskunftbereiten Kunden erfassen und kontrollieren. Im Gegenzug erhalten die Teilnehmer unter anderem Vergünstigungen. Wie schätzen Sie die Marktaussichten für derartige Lösungen ein?

Grundsätzlich ist jede Entwicklung zu begrüßen, die eine Versicherung erlebbar macht. Krankenversicherer [4], die es schaffen, über eine Kundenzeitschrift hinaus im Alltag ihrer Kunden präsent zu sein, werden die Nase vorn haben, wenn es darum geht, ein positives Zugehörigkeitsgefühl zu erzeugen.

Bezogen auf Apps bedeutet das, dass sie mehr als das Übermitteln eingescannter Arztrechnungen via QR-Code oder den x-ten Versorgungslückenrechner bieten müssen. Die Idee eines Bonusprogramms ist nicht neu. Wenn es durch die Verknüpfung von Self-Tracking und Technikbegeisterung gelingt, bares Geld zu sparen oder Zusatzleistungen in Anspruch nehmen zu können, sehen wir das positiv.

Für den nachhaltigen Erfolg ist es allerdings entscheidend, dass solche Apps den Anforderungen des Datenschutzes genügen und zudem Spaß bringen.

Das Gespräch führte Lorenz Klein.

Foto: Softfair