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Pflege-Vorsorgequote erhöhen: Einfache Lösungen gefragt

Mit einer immer stärkeren Flexibilisierung von Tarifen und dem Ausbau von Zusatzleistungen versuchen die Versicherer ihre Kunden zum Abschluss einer Pflegezusatzversicherung zu bewegen. Doch die Vorsorgequote dümpelt weiter vor sich hin. Die breite Masse der Kunden und auch die Vermittler sind damit nicht zu erreichen.

Gastbeitrag von Dr. Stefan M. Knoll, Vorstand DFV Deutsche Familienversicherung AG

“Viele Versicherer wollen die im Zuge des Pflegestärkungsgesetzes II vorgesehene Erweiterung der Pflegestufen abwarten bevor sie neue Pflege-Produkte entwickeln.”

Im Gegenteil: Komplexe, auf jedwede individuelle Situation abgestimmte Angebote treffen den Bedarf offensichtlich nicht in ausreichendem Maß.

Die jüngsten Daten aus der vom Statistischen Bundesamt gerade veröffentlichten Pflegestatistik zeigen, dass das “Jahrhundertproblem Pflege” seit der letzten Erhebung nichts an Brisanz für die deutsche Gesellschaft verloren hat. Im Gegenteil: Die Situation verschärft sich weiter, und die von der Regierung eingeleiteten Reformen erweisen sich immer deutlicher als Tropfen auf den heißen Stein.

Vorsorgequote von nicht einmal vier Prozent

Umso mehr sind Versicherer gefragt, einfache und transparente Vorsorgelösungen zu entwickeln, mit denen sich die Bürger vor den finanziellen Risiken der Pflege [1] schützen und die von den Vermittlern auch leicht beraten werden können.

Angesichts einer Vorsorgequote von nicht einmal vier Prozent ist die Versicherungswirtschaft [2] aber weit davon entfernt, dies bislang erfolgreich geleistet zu haben. Dabei hat die Politik mit der Einführung des Pflege-Bahrs [3] Anfang 2013 dem Markt durchaus neue Impulse gegeben.

Auch wenn die Abschlusszahlen bis heute hinter den hohen Erwartungen zurückbleiben, ist die geförderte Pflegeversicherung nach wie vor ein Erfolg. Menschen mit geringerem Einkommen wird eine private Basisabsicherung auf diese Weise erst möglich gemacht. Und für viele ist sie der Einstieg zu einer darüber hinausgehenden Absicherung.

Produkte werden noch komplexer, gleichen sich aber auch immer mehr an

Seither hat sich in der Entwicklung von Pflege-Produkten allerdings eher wenig getan. Da Pflegekosten- und Pflegerentenversicherungen [4] in der Gunst der Verbraucher stark ins Hintertreffen geraten sind, hat sich der Markt inzwischen weitgehend auf den Bereich Pflegetagegeldversicherung [5] fokussiert.

Seite zwei: Warten auf das Pflegestärkungsgesetz II [6]Hier ist ein starker Angleichungsprozess zu beobachten: mit immer flexibler ausgestalteten Tarifen, dem Ausbau von Assistance-Leistungen [7] und der Verbesserung der Tarifbedingungen, um darüber zu den Marktführern aufschließen zu können.

Wirklich Neues ist dabei in den letzten zwei Jahren aber kaum entstanden. Jedenfalls nichts, was dem Pflegevertrieb [8] nach der Aufbruchsstimmung im Jahr 2013 einen neuen Schub versetzt hätte. Und auch die Makler nehmen ihre Chancen in völlig unzureichendem Maße wahr. Trotz der Dringlichkeit, die das Thema Pflegevorsorge nach Einschätzung der Bürger für sie selbst inzwischen gewonnen hat.

Warten auf das Pflegestärkungsgesetz II

Ein Grund für diese Zurückhaltung wird auch darin liegen, dass viele Versicherer die im Zuge des Pflegestärkungsgesetzes II vorgesehene Erweiterung der Pflegestufen und deren genauer Definition (Stichworte: ADL, neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff) zunächst abwarten wollen.

Dabei liegt schon jetzt klar auf der Hand, dass die endgültigen Bestimmungen die Lage der Pflegebedürftigen [9] in keiner Weise substantiell verbessern werden. Mit Blick auf den dringenden Absicherungsbedarf der Kunden ist jedes Warten darauf deshalb vertane Zeit.

Und es birgt die Gefahr, dass das in den vergangenen zwei Jahren –wenn auch auf niedrigem Niveau – gestiegene Vorsorgebewusstsein wieder deutlich zurückfällt. Viele Bemühungen, hier mittel- und langfristig zu einem stärkeren Ausbau der Vorsorgequote zu kommen, könnten dadurch wieder versanden.

Neue Impulse im Pflegvertrieb gefragt

Dem sollten sich Versicherer [10] wie Vermittler gerade in der jetzigen Phase entgegenstellen. Dabei hat der Trend zu immer komplexer werdenden, als äußerst beratungsintensiv empfundenen Produkten den “Vorsorgenotstand” entgegen manchen Erwartungen in keiner Weise entschärft.

Im Pflegvertrieb sind deshalb neue Impulse gefragt. Es kommt darauf an, Produkte anzubieten, die für die Kunden einfach zu verstehen und für die Vermittler leicht zu erklären sind und die dennoch eine gute Lösung darstellen. Sie sollten so präsentiert werden können, dass sie die breite Masse der Kunden auch wirklich erreichen und ihnen einen leichten Abschluss ermöglichen.

Seite drei: Mit einfachen Lösungen besser vorsorgen [11]

Das Hauptanliegen einer Pflegeabsicherung ist es, die im Pflegefall drohenden Finanzierungslücken beim Kunden zu schließen. Hinsichtlich deren Höhe kann man sich dabei an den öffentlich verfügbaren Durchschnittswerten orientieren, wie sie etwa die “Stiftung Warentest” in ihren umfänglichen Analysen gerade wieder ermittelt hat.

Eine Analyse der oft schwer vorhersehbaren, weit in der Zukunft liegenden Pflegesituation und die komplexe Berechnung einer individuellen Finanzierungslücke sind dann nicht mehr notwendig.

In unserem neuen Produktkonzept der “DFV-DeutschlandPflege im Taschenformat” ist dies einer der beiden Kernpunkte für eine einfache Lösung. Der andere liegt in der Bezugnahme auf das vielen vertraute staatliche Pflegegeld [1]: Der Kunde braucht sich nur zwischen einer Verdopplung oder Verdreifachung des Pflegegeldes zu entscheiden.

Die im Pflegefall entstehende Finanzierungslücke kann auf diese Weise in allen Pflegestufen ohne viel Erklärungsbedarf verkleinert oder ganz geschlossen werden. Sowohl bei einer Unterbringung im Heim als auch bei der Pflege zu Hause.

Sozialpolitischer Skandal

Mit solchen einfachen Konzepten sollte es gelingen, die Vorsorgequote ein ganzes Stück weiter in die richtige Richtung zu bringen. Wenn schon heute rund 40 Prozent der in Heimen lebenden Pflegebedürftigen auf Sozialhilfe angewiesen sind, ist das sozialpolitisch eigentlich ein Skandal.

Es zeigt aber auch, wie sehr wir als Versicherer und Berater aufgefordert sind, unseren Kunden Lösungen anzubieten, die sie vor solchen nicht allein unter finanziellen Aspekten zu bewertenden Risiken schützen. Und vor allem: die von den Kunden auch umfänglich angenommen werden. Das müsste der neue Trend im Pflegevertrieb sein.

Der Autor Dr. Stefan M. Knoll ist Vorstand der DFV Deutsche Familienversicherung AG, deren Kerngeschäft im Bereich der privaten Pflegevorsorge liegt.

Foto: DFV