- Finanznachrichten auf Cash.Online - https://www.cash-online.de -

Vertrauensbildung für die Rente auf dem Smartphone

In der Altersvorsorge brauchen wir rasch eine unabhängige Datenplattform – das Thema wird in der Rentendiskussion zu wenig beachtet.

Die Weirich-Kolumne

Altersvorsorge: Vertrauensbildung für die Rente auf dem Smartphone [1]

“Die radikale Transparenz des Webs sollte als eine Chance zur Stärkung der Eigenverantwortung gesehen werden.”

Allenthalben wird ein heißer Renten-Herbst in der Politik erwartet. Taktgeber hierfür könnten vor allem die Gewerkschaften sein, die vor “millionenfach drohender Altersarmut” warnen und für den Herbst eine mit der für den Mindestlohn vergleichbare Kampagne ankündigen.

Debatte über Rentenformel durch Seehofer und Gabriel befeuert

Der DGB will damit eine bei den Arbeitnehmern grassierende Sorge thematisieren, glauben doch 42 Prozent der Deutschen, dass die gesetzliche Rente für sie im Alter nicht ausreicht. Verdi-Chef Bsirske fordert einen Paradigmenwechsel [2] und ist gleichzeitig offen für höhere Rentenbeiträge, auch über das angestrebte Limit von 22 Prozent bis 2030 hinaus. Er sei sich absolut sicher, dass die Beschäftigten lieber drei, vier Prozent mehr Beiträge zahlten, wenn sie dann nicht auf Hartz IV im Alter angewiesen seien.

Befeuert haben diese Debatte über die Rentenformel die Vorsitzenden von CSU und SPD, Seehofer und Gabriel. Unter Hinweis auf eher fragwürdige Studien zur Altersarmut hatten sie sich gegen ein weiteres Absinken des Nettorentenniveaus gewandt, die bisher im Konsens vereinbarte Rentenformel der Zukunft sollte zur Disposition gestellt werden. Als die beiden zu emotionalen Schnellreflexionen neigenden Politiker die von kühlen Rechnern in Ministerien angestellten Konsequenzen für die Staatshaushalte in einer immer stärker alternden Gesellschaft aufgezeigt bekamen, gingen sie nur noch mit Schalldämpfern durchs Land.

Seehofer verzichtet inzwischen auf ein eigenständiges bayerisches Konzept

Der in seiner Partei ohnehin angezählte Gabriel erklärte kleinlaut, die Genossin Andrea Nahles, ihres Zeichens Bundesarbeitsministerin, sei für die Alterssicherung zuständig und Seehofer verzichtet inzwischen auf ein eigenständiges bayerisches Konzept, seine Sozialministerin wird mit der CDU gemeinsam an Lösungen arbeiten.

Seite zwei: Nach der Sommerpause steht die Rente im Zentrum [3]

Unmittelbar nach der parlamentarischen Sommerpause wird die Rente jedenfalls im Zentrum der politischen Arbeit stehen. Im September soll mit einer Neuordnung der Betriebsrente die zweite Säule der Altersvorsorge gestärkt werden. Vor allem für kleinere Betriebe soll es künftig interessanter werden, für ihre Mitarbeiter vorzusorgen.

Nach der falschen Weichenstellung der Rente mit 63 soll nun als Ausgleich für den Forderungskatalog der CDU/CSU-Mittelstandsvereinigung die “Flexi-Rente” kommen. Nachdem bereits beschlossen wurde, dass Arbeitnehmer jenseits der Regelaltersgrenze künftig beim bisherigen Arbeitgeber beschäftigt werden können, entfällt jetzt auch die Strafabgabe für erwerbstätige Senioren. Bisher müssen für Erwerbstätige jenseits der Regelaltersgrenze Arbeitslosen- und Rentenbeiträge gezahlt werden, die keinerlei Ansprüche begründen. Dieser Mißstand wird nun beseitigt.

Nahles setzt auf möglichst viel Gemeinsamkeit

Ministerin Nahles ist offensichtlich entschlossen, möglicht viel Gemeinsamkeit in der Alterssicherung der Zukunft durch eine Dialog-Agenda zu erreichen. So hat sie für den 8. Juli hochrangige Experten von den Sozialpartnern, Wissenschaftler und sachkundige Politiker an den Beratungstisch eingeladen. Am 20. Oktober soll ein Kommunique die Arbeitsergebnisse zusammenfassen. Dieser Diskurs ist als Ouvertüre zur Veröffentlichung des kurz darauf, im Turnus von vier Jahren erscheinenden Alterssicherungsbericht der Bundesregierung zu sehen.

Koalitionsvertrag abhaken

Im Koalitionsvertrag der Großen Koalition sind aber noch weitere Maßnahmen für die Altersvorsorge angesprochen, so die sogenannte Lebensleistungsrente und die Angleichung der Renten zwischen Ost und West, die mit erheblichen Nachteilen für jüngere Ostdeutsche verbunden wäre und deshalb wahrscheinlich still von der Tagesordnung verschwindet.

Bei der Lebensleistungsrente, einst von der früheren Sozialministerin Ursula von der Leyen erfunden, geht es darum, Arbeitnehmern die jahrzehntelang in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt und auch noch zusätzlich vorgesorgt haben, über der staatlichen Grundsicherung liegende Altersbezüge zu gewährleisten. Bei einem zu geringen Abstand zwischen staatlicher Grundsicherung und Rente fragen sich natürlich Arbeitnehmer, ob sich lebenslanges Arbeiten lohnt. Dem soll jetzt entgegengewirkt werden. Bundesfinanzminister Schäuble hat im nächsten Haushalt dafür 180 Millionen Euro bereitgestellt.

Seite drei: Wo bleibt die Transparenz? [4]

Verwundern muss bei all diesen Plänen, dass die im Zeitalter der Digitalisierung vergleichsweise preiswerte und ordnungspolitisch wichtige Transparenz nicht den notwendigen Stellenwert hat. Die drei Säulen der Altersvorsorge – die gesetzliche, betriebliche und private Sicherung – funktioniert nur bei voller Transparenz. Nur wer einen leicht verständlichen und jederzeit zugänglichen Überblick über seine persönliche Situation hat, wird zu Eigeninitiative ermuntert. Neue digitale Techniken machen ein säulenübergreifendes Informationssystem möglich. Mit Knopfdruck kann der Verbraucher dann seinen Gesamtstatus abrufen.

Viele wissen gar nicht, was eine Betriebsrente ist

Umfragen machen eine erschreckende Unkenntnis von Arbeitnehmern deutlich. So wissen viele gar nicht, was beispielsweise eine Betriebsrente ist, teilweise noch nicht einmal, ob sie eine solche haben. Wir alle neigen zur Verdrängung, vor allem unbequemer Fakten. Deshalb geht es um die Schaffung von Instrumenten, die leicht erklärlich Versorgungslücken aufzeigen, notwendige ergänzende private Vorsorge aufzeigen und Klarheit über den Status und die zu erwartenden späteren Rentenzahlungen schaffen. Eine solche unabhängige datensichere Informationsplattform braucht Deutschland dringend, dafür sollten die notwendigen gesetzlichen Voraussetzungen endlich geschaffen werden.

Radikale Transparenz des Webs als Chance zur Stärkung der Eigenverantwortung

Seit Jahren arbeitet die Deutsche Renteninformation an einem solchen Projekt, jüngst hat eine renommierte Unternehmensberatung in ihrem Auftrag ein der Bundesregierung übermitteltes Positionspapier erarbeitet. Transparenz ist nicht nur bei der Rente ein Erfolgsfaktor, sondern auch ein Grundrecht des Kunden, sie schafft Vertrauen. Die radikale Transparenz des Webs sollte als eine Chance zur Stärkung der Eigenverantwortung gesehen werden.

Prof. Dieter Weirich ist neben Klaus Morgenstern Sprecher des Deutschen Institutes für Altersvorsorge (DIA), eine von Unternehmen der Finanzwirtschaft getragene und in Berlin angesiedelte Denkfabrik. Der gelernte Journalist war früher Intendant der Deutschen Welle, des deutschen Auslandsrundfunks.

Foto: DIA