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“Chance auf echte bAV-Reform vertan”

Die Zurückhaltung der Arbeitnehmer ist ein Grund mehr für eine grundlegende Reform der betrieblichen Altersversorgung (bAV). Doch ein Großteil der Versicherer hat nicht den Eindruck, dass die Rahmenbedingungen ausreichend verbessert werden, um eine höhere bAV-Verbreitung zu erreichen.

Fabian von Löbbecke, HDI: “Im Grund genommen hat die Bundesregierung die Chance auf eine echte Reform der bAV vertan.”

Auch weiterhin legen viele Arbeitnehmer das Thema der Vorsorge generell ad acta.

Sparaufwand überschätzt

Zwar sind sich 92 Prozent aller Beschäftigten bewusst, dass ihre gesetzliche Rente später einmal nicht ausreichen wird und dass sie sich zusätzlich absichern müssen. Trotzdem betreibt bisher nur ein knappes Drittel von ihnen Entgeltumwandlung, wie eine PwC-Umfrage unter 1.000 Arbeitnehmern aller Altersgruppen im vergangenen Jahr ergab.

Die Gründe sind vielfältig: Die einen überschätzen den Sparaufwand, der damit verbunden ist, und schrecken deswegen vor einer Betriebsrente [1] zurück. Andere meinen, ihr Arbeitgeber biete das Modell der Entgeltumwandlung [2] gar nicht an, obwohl es einen gesetzlichen Anspruch darauf gibt.

Zudem versorgt nur ein Viertel der kleinen und mittelständischen Betriebe mit bis 50 Mitarbeitern seine Mitarbeiter mit den nötigen Auskünften, bei Betrieben mit bis zu 500 Mitarbeitern ist es nur die Hälfte. Selbst große Firmen bleiben hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Direkte Kommunikation am Arbeitsplatz

Dabei könnten Unternehmen eine ganz entscheidende Rolle übernehmen, wie die Studie zeigt: Denn die direkte Kommunikation am Arbeitsplatz – sei es in Form von Informationsveranstaltungen oder von Einzelberatungen – gilt bei Beschäftigten als wichtigste und glaubwürdigste Informationsquelle zu diesem Thema.

Dr. Katrin Plein, Leiterin Personenversicherung Produkt Firmenkunden bei der Württembergischen Lebensversicherung [3], fordert, dass Arbeitgeber, Versicherer [4] und Vermittler neue Wege gehen müssen, um Interesse für die bAV zu wecken.

“So möchten viele Mitarbeiter über moderne, digitale Kommunikationsmedien zum Thema bAV informiert werden. Kreative Lösungen müssen hier nicht zwangsläufig an eine umfassende IT-Infrastruktur des Arbeitgebers geknüpft sein”, sagt sie.

Seite zwei: Rahmenbedingungen unzureichend verbessert [5]

Die Zurückhaltung der Arbeitnehmer ist ein Grund mehr für eine grundlegende Reform der bAV, damit diese zum Beispiel auch für Geringverdiener [6] attraktiv wird.

Rahmenbedingungen unzureichend verbessert

Allerdings überwiegt bei den Versicherern nicht nur mit Blick auf einzelne Eckpunkte die Skepsis. Sie haben grundsätzlich nicht den Eindruck, dass durch die Reform wichtige Rahmenbedingungen ausreichend verbessert werden, an denen die bessere Verbreitung der bAV bisher scheitert.

Laut von Fabian von Löbbecke, Vorstandsvorsitzender der Talanx Pensionsmanagement und verantwortlich für die bAV bei HDI, liegen die Hemmnisse nämlich ganz woanders: “Vielen kleinen und mittleren Unternehmen ist die bAV zu komplex, sie fürchten den Verwaltungsaufwand und haben kein entsprechendes Know-how in ihrer Personalabteilung, um das Ganze zu stemmen. Nun sollte man meinen, die Bundesregierung reagiere auf diese Erkenntnisse, indem sie einen Gesetzentwurf vorlegt, der die bAV vereinfacht, die Geringverdiener stärkt und den Verwaltungsaufwand für Unternehmen verringert. Stattdessen hält Frau Nahles an ihrem Vorhaben fest, ein zweites, tarifliches Zwangssystem neben die bewährte bAV zu setzen.”

Weitere Erhöhung der Komplexität

Ein eigenes Rechtssystem für die Tarifrente führe jedoch zu ungleichen Wettbewerbsbedingungen. Sein Fazit klingt ernüchternd: “Im Grund genommen hat die Bundesregierung die Chance auf eine echte Reform der bAV vertan.”

Auch die bAV-Expertin und geschäftsführende Gesellschafterin der Finanzberatung ESK Cityfinanz Elke Scholz-Krause kritisiert eine weitere Erhöhung der Komplexität: “Wir haben die bAV-Welt vor 2005 mit der pauschalbesteuerten Direktversicherung [7], die bAV-Welt von 2005 bis 2017 und die neue bAV-Welt ab 2018. Dazu die unterschiedlichen sozialversicherungsrechtlichen Handhabungen. Das bAV-System wird noch komplexer und die Vermittlung damit schwerer [2].” (kb/nl)

Foto: HDI