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“Unschärfe des BU-Falls lässt sich nie ganz beseitigen”

Macht es am Ende die Mischung? Die Herausforderung, unterschiedliche Produktausprägungen zusammenzubringen, den richtigen Umgang mit Kulanzangeboten und die Forderung von Maklern nach “Unijob-Tarifen”- dies sind die bestimmenden Diskussionsthemen der vier Versicherungsexperten im dritten und letzten Teil des Cash.-Roundtable zur Berufsunfähigkeitsversicherung.

Hartwig Haas, Leiter Vertrieb/Marketing, Dialog: “Wir als Branche werden unterschiedliche Produktausprägungen zusammenbringen müssen.”

Cash.: Welche Verständnisprobleme und Vorbehalte gibt es auf Seiten der Makler, wenn es um die Alternativprodukte zur BU [1] geht?

Hartwig Haas, Leiter Vertrieb/Marketing, Dialog: Ich kann das mal am Beispiel der Erwerbsunfähigkeitsversicherung (EU) erläutern: Wir bekommen immer wieder von Maklern gespiegelt, dass ihnen die EU nicht so gut gefällt, weil sie mit der entscheidenden Frage zur Klärung des Leistungsfalles hadern. Die besteht darin, wie eigentlich festzustellen ist, dass der Kunde nicht mehr als drei Stunden am Tag arbeiten kann. Das ist eben nicht ganz so klar zu definieren wie ein Herzinfarkt, sodass in der Regulierung eine Dread-Disease-Police im Regelfall unkomplizierter ist. Die Problematik, die sich mir, aber auch vielen Maklern stellt, ist allerdings, dass der Eintritt eines Herzinfarktes erst mal relativ wenig mit der Frage zu tun hat, ob der Kunde seinen Beruf noch ausüben kann – da gibt es möglicherweise einen kausalen Zusammenhang, das muss aber nicht so sein. Worauf ich hinaus will: Wir als Branche werden in der Tat unterschiedliche Produktausprägungen zusammenbringen müssen. So haben uns viele Makler Folgendes auf den Weg gegeben: Liefert uns eine vernünftige EU, in der zum Beispiel auch ein Pflegepunkt integriert ist, und liefert uns dazu eine Dread-Disease-Komponente, die wir je nach Kundenwunsch von der Höhe her darstellen können – gern gepaart mit einer Grundfähigkeitskomponente, sodass etwa eine Erblindung des Versicherten ebenfalls abgesichert ist.

Vanessa Reetz, Leiterin Produktmarketing Leben, Continentale: Wenn ich das noch ergänzen darf: Eine gewisse Unschärfe in der Feststellung des BU-Falls lässt sich nie ganz beseitigen. Zumal ich doch so meine Zweifel habe, ob die Erfassung der Drei-Stunden-Grenze im Rahmen der EU tatsächlich so viel komplizierter ist als die Erfassung eines BU-Grades von 50 Prozent [2]. Deshalb ist es wichtig, dass der Versicherer bei berechtigen Ansprüchen schnell leistet. Damit dieser Prozess nicht durch formale Hürden gebremst wird, bietet die Continentale bei Vertragsabschluss und im Leistungsfall umfangreichen Service. So helfen Fachleute auf Wunsch dabei, den Leistungsantrag auszufüllen. Unberechtigte Ansprüche wehren wir klar und deutlich ab. Bei Einzelfällen in der Grauzone handeln wir ganz im Sinne des Kunden. Gemeinsam mit einem Mediatoren finden wir einvernehmlich eine gute Lösung, auch wenn der BU-Fall nicht offiziell festgestellt wurde. Dadurch tragen wir Sorge, dass der Kunde in keinen finanziellen Notstand gerät. Die Kehrseite dieses Vorgehens ist, dass uns dies von außen manchmal so ausgelegt wird, als würden sich die Versicherer um eine Entscheidung herumdrücken wollen, um sich eine möglicherweise jahrelang andauernde BU-Rente zu sparen.

Seite zwei: Außervertragliche Einigung? Über den Umgang mit Kulanzangeboten [3]

Stefanie Alt, Leiterin Produkt- und Marktmanagement, Nürnberger: “In der Praxis hat es sich bewährt, in begründeten Einzelfällen die Leistungen nach einem verkürzten Prüfverfahren abzurechnen”

Interessanter Punkt, Frau Reetz. Wie beurteilt die Runde derartige außervertragliche Einigungen, bei denen der Versicherer eine sogenannte Kulanzleistung [4] gewährt, ohne dass der BU-Fall offiziell anerkannt wird? Und wie reagieren die Kunden darauf?

Dr. Stefanie Alt, Leiterin Produkt- und Marktmanagement, Nürnberger: Nach der Rechtsprechung bestehen bestimmte Voraussetzungen für den Nachweis einer bedingungsgemäßen Berufsunfähigkeit. Im Sinne unserer Kunden treffen wir Kulanzleistungen in Einzelfällen, wenn die Berufsunfähigkeit unseres Versicherten aufgrund der medizinischen Unterlagen zwar nachvollziehbar, aber nicht ausreichend nachgewiesen ist. In der Praxis hat es sich deshalb bewährt, in begründeten Einzelfällen die Leistungen nach einem verkürzten Prüfverfahren abzurechnen. Das hat drei wichtige Vorteile: Dem Kunden wird sehr schnell geholfen. Aufgrund unserer prompten Regulierung ist die Zufriedenheit unserer Kunden und unserer Vermittler sehr hoch. Und bei verschiedenen BU-Ratings wird diese Flexibilität bei der Regulierungspraxis positiv bewertet.

Haas: In der Tat haben Sie als Versicherer manchmal die Situation, dass nicht genau festgelegt werden kann, ob der Kunde berufsunfähig ist oder ob er dies nicht ist. Durch individuelle  Vereinbarungen können Härtefälle gelöst werden, indem schon Geld ausgezahlt wird, die Prüfung kann dann durchaus parallel dazu weiterlaufen. Was die Verbreitung dieser Praxis angeht, müsste ich schlussfolgern: Etwa 70 Prozent aller Leistungsfälle werden im Markt direkt anerkannt. Innerhalb der verbleibenden 30 Prozent ist es manchmal unklar, ob der Kunde tatsächlich “BU ist” oder ob er zum Beispiel die Gesundheitsfragen nicht richtig beantwortet hat. Kurzum: Ich denke, dass diese individuellen Vereinbarungen bundesweit deutlich unter zehn Prozent liegen. Und wenn es dazu kommt, ist es nach meinem Dafürhalten im beiderseitigen Interesse.

Gordon Hermanni, Leiter Key Account Management Vertrieb Leben, Zurich: Ich kann dem nur beipflichten. Im Übrigen demonstriert die Leistungsquote der Branche von 70 Prozent plus X sehr deutlich, dass die Unternehmen umfassend leisten und ihre Verpflichtungen wahrnehmen. Dabei gehört Zurich laut Franke und Bornberg mit einer Quote von 78 Prozent zu den Topanbietern im Markt. Dazu muss man sagen, dass der medizinische Fortschritt natürlich dazu beiträgt, dass der BU-Fall eines Kunden glücklicherweise nicht immer bis zur Rente andauern muss. Das war früher anders: Für einen Berufstätigen, der vor einigen Jahrzehnten eine kaputte Hüfte hatte, gab es einfach noch nicht die geeigneten Mittel, um ihn wieder aus der Berufsunfähigkeit herauszuholen. Heute stehen hier die Chancen deutlich besser. Ähnliches gilt für den Bereich der psychischen Erkrankungen, die ja inzwischen die Hauptursache für eine Berufsunfähigkeit darstellen. So können beispielsweise Antidepressiva zunehmend gezielter und damit wirkungsvoller zum Wohle des Patienten eingesetzt werden. Und da wir ja ein Ausgleichsgeschäft haben, kommt der medizinische Fortschritt letzlich allen Berufsgruppen zugute. Auch deshalb ist die Preisstabilität über die letzten Jahre im Mittel sehr gut gewesen.

Seite drei: Forderung nach “Unijob-Tarifen” [5]

Vanessa Reetz, Hartwig Haas, Gordon Hermanni (von links): “Wer als Versicherer einen gesunden Bestand erhalten möchte, muss eine ordentliche Risikoprüfung durchführen.”

Angesichts einer zunehmenden Berufsgruppendifferenzierung im BU-Markt häufen sich die Forderungen unter Maklern “Unijob-Tarife” einzuführen, die nach dem Prinzip “Gleiche Prämien für alle Berufe” funktionieren. Zudem wird der Ruf nach einer vereinfachten Gesundheitsprüfung lauter. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Alt: Sollte ein Lebensversicherer einen BU-Tarif mit gleichen Prämien für alle Berufe einführen, würde dies dazu führen, dass sich überwiegend körperlich tätige Kunden mit hohem BU-Risiko bei diesem Versicherer zu relativ günstigen Beiträgen versichern könnten. Der dringend erforderliche Ausgleich mit Versicherten, die ein niedriges Risiko darstellen, würde hier aber nicht zum Tragen kommen, da sich diese Kunden weiterhin mit Berufsgruppen-Tarifen günstig versichern würden. Auch das Thema “BU ohne beziehungsweise mit deutlich vereinfachter Gesundheitsprüfung” ist in der Praxis ein heißes Eisen und wird von erfahrenen BU-Versicherern gemieden, da diese Modelle eine Verschlechterung des Schadenverlaufs nach sich ziehen würden und damit das Kollektiv als Ganzes schädigen würden.

Haas: Dem kann ich zustimmen. Wenn ein Versicherer mit eingeschränkten Gesundheitsfragen arbeitet, gibt es bekanntlich zwei Grundströme: Entweder kommt man tatsächlich mit den Fragen aus, die im Bogen stehen. Die andere Möglichkeit ist, wenige Fragen zu stellen, in denen aber eigentlich die bisherigen 20 plus X Fragen bereits enthalten sind. Und wenn im letzteren Fall bei einer von meinetwegen fünf Fragen “Ja” angekreuzt ist, geht die ganze Litanei ja von vorn los. Im Klartext: Da werden Seifenblasen erzeugt und davon halte ich gar nichts. Wer als Versicherer einen gesunden Bestand erhalten möchte, muss eine ordentliche Risikoprüfung durchführen. Punkt. Und so sehr mein Herz für den Vertrieb schlägt, gilt für mich: Habe den Mut als Versicherer, auch im Sinne des Maklers, zu einer sorgfältigen Risikoprüfung.

Interview: Lorenz Klein

Fotos: Florian Sonntag

Lesen Sie den vollständigen Cash.-Roundtable im aktuellen Cash. Extra BU [6]