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“Es fehlen flexible und innovative Produkte für die Rentenzeit”

Cash.Online hat mit Klaus Morgenstern, Sprecher des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA), über die besonderen Bedürfnisse der Zielgruppe 50plus und geeignete Produktlösungen gesprochen.

Klaus Morgenstern: “In der Altersgruppe 50 bis 66 machen sich viele erstmals Gedanken über die Gestaltung des Übergangs in die Rentenphase.”

Cash.Online: Was unterscheidet die Best Ager von jüngeren Zielgruppen?

Die ältere Zielgruppe [1] hat einen ganz anderen Bedarf und andere Ansprüche, die nötigen Absicherungen sind in der Regel mehr oder weniger vorhanden, es geht also in erster Linie um Umstrukturierungen vorhandener Absicherungen und Vermögenswerte.

Damit sind keine einfachen Umdeckungen gemeint, sondern die Anpassung an die Ziele und Erwartungen für den Übergang in die Rentenzeit und während der Rentenzeit.

Ein Beispiel: Viele Ältere wohnen inzwischen in einer Immobilie, die für die früheren Familienverhältnisse passend war, heute aber vor allem Liquidität bindet und Unterhaltungsaufwand verursacht. Oftmals ist das auch der größte Vermögenswert. Ein Ruhestandsplaner [2] muss daher auch dieses Thema zur Sprache bringen und gegebenenfalls Alternativen darstellen.

Was sind die größten Unterschiede zwischen den Altersgruppen 50 bis 66 Jahre und 66plus?

Die Altersgruppe 50 bis 66 befindet sich noch in der Erwerbszeit, es können also noch Vermögensbildungsprozesse stattfinden. Die Finanzierung einer eigenen Immobilie läuft aus und schafft gegebenenfalls Liquidität, die eingesetzt werden kann.

In dieser Altersgruppe beginnen viele, sich erstmals Gedanken über die Gestaltung des Übergangs in die Rentenphase zu machen. Es gibt also noch einen Bedarf an geeigneten Spar- und Anlagemöglichkeiten.

Seite zwei: “Produktgeber haben die Entnahmeprozesse nicht ausreichend beachtet [3]

In der Gruppe 66plus verliert die Absicherung der beruflichen Existenzgrundlage ihre Bedeutung. Jetzt geht es vor allem darum, Entsparprozesse zu gestalten. Das hat Konsequenzen für die Risikostruktur der Vermögenswerte. Es steht die Frage, ob und wie Kapitalentnahmen stattfinden sollen. Ob Verrentungen oder Kapitalabfindungen bevorzugt werden.

Reicht das heutige Produktspektrum aus, um die richtigen Vorsorge- und Anlagelösungen für Best Ager zu bieten?

Klare Antwort: nein. Die Finanzwirtschaft hat bei ihren Produkten die Entnahmeprozesse in der Vergangenheit nicht ausreichend beachtet. Es fehlen flexible und innovative Produkte für die Rentenzeit. Das ist auch ein Grund mit dafür, warum die private Rentenversicherung bei vielen Sparern wenig Akzeptanz findet.

Auslaufende Lebensversicherungen sind für die Zielgruppe ein wichtiges Thema. Welche Lösungen sind hier sinnvoll?

Sie müssen vor allem flexibel in der Verfügbarkeit sein. Ein Sparer, der 25 oder 30 Jahre in einen Vertrag eingezahlt hat, ist kaum bereit, sich sofort wieder fest zu binden, ohne Einfluss zum Beispiel auf Entnahmen und Auszahlungen zu haben. Das ist ja gerade das Problem der klassischen Rentenversicherung.

Interview: Julia Böhne

Foto: DIA