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“Die Belange der Versicherten bleiben gewahrt”

Die Frankfurter Lebensversicherung hat sich auf das Run-off-Geschäft in Deutschland spezialisiert. Vorstand Bernd Neumann spricht über die Ziele, die er mit der Konsolidierungsplattform für Versicherungsbestände erreichen will, die Herausforderungen in einem im Umbruch befindlichen Markt und das starke Interesse des chinesischen Hauptinvestors Fosun an der deutschen Lebensversicherung.

Bernd Neumann, Frankfurter Leben: “Wir haben zwei große und stabile Investoren.”

Cash.: Herr Neumann, was genau unternimmt Ihr Unternehmen, die Frankfurter Leben?

Neumann: Die Frankfurter Leben erwirbt Versicherungsbestände im Lebensversicherungsbereich in Deutschland – genauer gesagt ausschließlich Lebensversicherungsbestände und Lebensversicherungsunternehmen, die unter deutscher Regulierung stehen. Wir führen diese Bestände zusammen und verwalten die Verträge für die Kunden unverändert weiter.

Wieso streben Sie dies aktuell verstärkt an?

Der Lebensversicherungsmarkt ändert sich derzeit fundamental. Für viele Lebensversicherer ist es heute sinnvoll, sich von alten Beständen zu trennen und diese auf eine professionelle Plattform zu überführen. Bislang haben wir den Bestand der Basler Leben Direktion für Deutschland rechtlich erworben [1]. Die Wirksamkeit des Erwerbs hängt von der noch ausstehenden BaFin-Genehmigung ab. Dabei soll es aber nicht bleiben. Derzeit führen wir mehrere Gespräche über weitere Übernahmen. Genaueres dazu kann ich natürlich jetzt nicht sagen. Das sind alles Gespräche, die sehr vertraulich sind.

Wie geht es weiter mit dem Bestand der Basler Leben?

Diesen Sommer rechnen wir mit dem Closing und der BaFin-Genehmigung. Die Transaktion steht ja noch unter dem Genehmigungsvorbehalt durch die Aufsicht. Sie muss bestimmte Sachverhalte prüfen, bevor wir starten können. Der wichtigste Punkt ist dabei, dass die Belange der Versicherten gewahrt bleiben. Das ist hier der Fall. Ebenso planen wir, alle Vereinbarungen mit Beratern und Maklern unverändert fortzuführen und Bestandspflegeprovisionen und Provisionen für Dynamiken zu bezahlen.

Wie groß ist der Bestand der Basler Leben?

Wir haben den kompletten Bestand der Basler Leben Direktion für Deutschland erworben. Nicht betroffen von der Transaktion ist die Basler Lebensversicherung AG mit Sitz in Hamburg, also der ehemalige Deutsche Ring. Der erworbene Versicherungsbestand umfasst 128.000 Versicherungsverträge bei 90.000 Kunden. Wir haben haben allerdings nicht nur den Versicherungsbestand erworben, sondern auch den kompletten Geschäftsbetrieb, der 85 Mitarbeiter umfasst. Dazu muss man wissen, dass die heutige Frankfurter Lebensversicherung bereits eine Lebensversicherungsgesellschaft mit allen Lizenzen ist – nur dass wir eben derzeit noch über keinen Versicherungsbestand verfügen. Wir brauchen
ja eine Geschäftsorganisation, die den Bestand künftig auch wirklich betreuen und verwalten kann und die allen Regularien entspricht.

Welche Größenordnung soll der künftige Bestand der Frankfurter Leben haben?

Deutlich mehr als bislang. Wir haben das Ziel, innerhalb der nächsten fünf Jahre Kapitalanlagen aufzubauen in Höhe von etwa 30 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die Basler Leben, die wir jetzt erworben haben, hat Kapitalanlagen in Höhe von 1,8 Milliarden Euro.

Seite zwei: “Herkömmliche klassische Lebens- und Rentenversicherer werden schneller vom Markt verschwinden als bisher” [2]

Das klingt ambitioniert. Wie kommt die Zahl zustande?

Der gesamte Lebensversicherungsmarkt verfügt heute über Kapitalanlagen von rund 820 Milliarden Euro. Wenn wir davon ausgehen, dass davon 20 Prozent innerhalb der nächsten fünf Jahre in den Run-off gehen und davon wiederum 20 Prozent zu uns kommen. Dann ergeben sich daraus besagte 30 Milliarden Euro.

Müssen sich Kunden mit Bestandsverträgen, die in den Run-off gehen, auf Ertragseinbußen einstellen?

Das ist kein Phänomen der Run-off-Plattform, sondern das ist die ganz normale Entwicklung in der Lebensversicherung. Es sind ja überall die Überschüsse im Zinsbereich runtergegangen, nicht aber im Kostenbereich und auch nicht im Risikobereich. Es herrscht ein Nullzinsumfeld im
Kapitalmarkt vor, und davon sind selbstverständlich auch die Lebensversicherer betroffen. Gleichwohl gilt: In Relation zu anderen Kapitalanlagen ist die Lebensversicherung immer noch attraktiv.

Der Garantiezins beziehungsweise Höchstrechnungszins wird wohl zum 1. Januar 2017 von bislang 1,25 Prozent auf 0,9 Prozent sinken. Welche Chancen ergeben sich daraus für die Frankfurter Leben?

Ich glaube, dass der Schritt dazu führen wird, dass die herkömmlichen klassischen Lebens- und Rentenversicherer schneller vom Markt verschwinden werden als bisher. Die großen Anbieter haben ja schon die “neue Klassik” oder alternative Garantieprodukte aufgelegt. Die kleineren Unternehmen, die noch vergleichsweise stark auf die traditionelle Klassik setzen, tun sich natürlich schwerer, ihr Produktportfolio den neuen Marktverhältnissen anzupassen. Kurzum: Wenn die Klassik im Neugeschäft keine Rolle mehr spielt, macht es durchaus Sinn, die alten Verträge, die nur noch verwaltet werden, auf eine professionelle Plattform zu übertragen.

Seite drei: Bernd Neumann über den chinesischen Hauptinvestor Fosun [3]

Was unternehmen Sie, damit Sie diese professionelle Plattform in der Praxis gewährleisten können?

Da gibt es drei Punkte: Da wären zum einen die Kapitalanlagen, die ebenfalls – so auch im Falle der Basler Leben – komplett übernommen werden. Hier ist es entscheidend, dass die Kapitalanlagen auch weiterhin gut betreut werden. Der zweite Punkt ist, dass die Verwaltung kundenfreundlich und effizient funktioniert. Dazu gehört die Fähigkeit, Bestände in neue Systeme zu migrieren und Geschäftsbetriebe zusammenzuführen. Wir haben dabei ganz bewusst den Bestand der Basler Leben ausgesucht. Denn die Mitarbeiter, die wir übernehmen, haben gerade eine Bestandsübertragung in ein modernes Standardbestandsführungssystem vorgenommen. Und jeden Bestand, den wir übernehmen, werden wir auf dieses Bestandsführungssystem übertragen – das sind überaus komplexe Projekte. Der dritte Punkt ist die effizient laufende Vertragsverwaltung. Dies ist eine Kernkompetenz von uns. Entscheidend ist hier, dass die IT effizient funktioniert. Unser Vorteil ist, dass wir uns wirklich auf die Bestandsverwaltung konzentrieren können, weil wir überhaupt keine störenden Einflüsse durch das Neugeschäft haben. So kommt es beispielsweise nicht zu einer innerbetrieblichen Konkurrenz um die IT-Ressourcen.

Woher stammt das Kapital, um die Plattform finanzieren zu können?

Wir haben zwei große und stabile Investoren. Das ist zum einen die BHF-Bank, die zu einem Viertel indirekt über einen Fonds an uns beteiligt ist – zum anderen der chinesische Investor Fosun, der zu drei Viertel an dem Fonds beteiligt ist, dem die Frankfurter Lebensversicherung gehört. Zur BHF-Bank muss man sicher nicht viel sagen, sie ist eine anerkannte traditionelle Privatbank mit Sitz in Frankfurt.

Fosun dürfte vielen Deutschen eher unbekannt sein…

Fosun ist eine große chinesische Beteiligungsgesellschaft, die seit 2007 an der Börse von Hongkong notiert ist. Das Unternehmen weist eine Marktkapitalisierung von etwa zwölf Milliarden Euro auf, ein Eigenkapital von zehn Milliarden Euro, eine Milliarde Gewinn und sechs Milliarden Euro liquide Mittel. Fosun ist somit auch unser Hauptinvestor. Dieser stattet den Fonds aus, sodass wir unseren Geschäftsbetrieb aufbauen können und die Portfolios und Unternehmen erwerben können. Es gibt ja zwei Arten von Unternehmenserwerb, einmal der sogenannte Share Deal, das heißt es werden die Aktien eines Lebensversicherungsunternehmens zu 100 Prozent erworben. Dann gehört das Unternehmen uns, wir besetzen den Aufsichtsrat und den Vorstand neu und führen auch die Betriebe zusammen. Und dann ist da noch der sogenannte Asset Deal. Das ist die reine Bestandsübertragung, entweder für ganze Bestände wie hier bei der Basler Leben, oder auch für klar abgrenzbare Teilbestände.

Schauen Sie sich auch Teilbestände an?

Durchaus. Das ist übrigens ein Markt, der vergleichsweise schnell anspringt – Stichwort Riester-Bestände [4]. Da ist einiges los im Markt, und daran sind wir auch interessiert.

Seite vier: “Fuson hat einen langfristigen Investitionshorizont” [5]

Fürchten Sie im Geschäft mit Riester-Beständen die Konkurrenz?

Gerade im Riester-Geschäft gibt es sicherlich auch den einen oder anderen Erstversicherer, der aktiv ist. Allerdings haben die Erstversicherer nicht die Konzentration auf die Bestandsverwaltung und auf die Industrialisierung der Bestandsverwaltung. Der Interessenkonflikt – wo gehen die IT-Ressourcen hin? In neue Projekte beziehungsweise neue Produkte oder in die Effizienzsteigerung im Bestand? Dieser Konflikt ist dort ungelöst. Und angesichts der neuen Klassik-Produkte, die zunehmend auf den Markt kommen, erwarte ich, dass sehr wenig IT-Ressourcen für den Bestand
verbleiben werden.

Welches Investitionsvolumen hinsichtlich der Vertragsbestände peilen Sie für die nächsten Jahren im deutschen Markt an?

Das hängt natürlich von dem ab, was wir sinnvoll kaufen können. Wir werden auch keine Mondpreise bezahlen. 500 Millionen Euro ist das geplante Investitionsvolumen über fünf Jahre.

Was macht den deutschen Lebensversicherungsmarkt für ein chinesisches Unternehmen so interessant?

Zunächst ist Fosun ja weltweit investiert und hat auch den europäischen und den deutschen Versicherungsmarkt gründlich analysiert. Versicherungen sind ja seit jeher ein strategisches Investment von Fosun, etwa ein Drittel des Investitionsvolumens liegt im Versicherungsbereich. Man registriert dort natürlich die Marktkonsolidierung in Deutschland und fährt hier einen industriellen Ansatz, um aus der Zusammenführung
mehrere Portfolios Gewinn zu erzielen. Dabei ist zu betonen, dass Fuson einen langfristigen Investitionshorizont hat und das halten wir auch für sehr wichtig.

Auf welchen Zeitraum ist der Investitionshorizont angelegt?

Der Investitionshorizont beträgt zwanzig Jahre, so lange ist der Fonds aufgelegt. Das halten wir für ein ganz wichtiges Merkmal für Run-off im Lebensversicherungsbereich. Denn die Verträge laufen ja teilweise fünfzig Jahre und länger. Wir haben kürzlich in ein Portfolio – allerdings nicht das der Basler – hineingeschaut: Da läuft der längste Vertrag bis 2099. Auch so einen Vertrag würden wir bis zum Ende fortführen. Das ist Pflicht und muss sichergestellt sein.

Interview: Lorenz Klein

Foto: Regine Christiansen